Herschberg RHEINPFALZ Plus Artikel Zeitgeschichte: Als in der Sickingerhöhgemeinde Schuhe gemacht wurden

Die ersten Zwicker bei Gebrüder Juner um 1914 vor der „alten Fabrik“.
Die ersten Zwicker bei Gebrüder Juner um 1914 vor der »alten Fabrik«.

Heute ist Herschberg eine ruhige Wohngemeinde mit Freizeitmöglichkeiten und einem verhältnismäßig regen Vereinsleben. Dabei hatte der Ort bis vor etwas mehr als einem Jahrzehnt eine gute Infrastruktur mit Geschäften verschiedener Branchen und auch Gastronomie. Dass die Sickingerhöhgemeinde sogar einmal ein Standort der pfälzischen Schuhindustrie war, daran erinnern sich heute nur noch die älteren Bewohner.

Ein Beleg dafür ist eine Industriekarte der Pfalz aus dem Jahr 1950, die lange unbeachtet in der RHEINPFALZ-Redaktion in Ludwigshafen hing und am 18. April auf der Wirtschaftsseite veröffentlicht wurde. Als Fabrikationsorte für Schuhe sind im Umfeld von Pirmasens eine Reihe von Gemeinden eingezeichnet, in der Verbandsgemeinde Thaleischweiler-Wallhalben allerdings nur die Sitzgemeinde und eben Herschberg. Hier waren zuzeiten der Hochkonjunktur der Schuhindustrie in den 50er und 60er Jahren zusammen weit über 150 Arbeitnehmer in zwei florierenden Unternehmen beschäftigt.

Drei Brüder waren es, die 1903 die erste Schuhfabrik auf der Sickingerhöhe gründeten und neben dem elterlichen Bauernhof ein zunächst kleines Fabrikgebäude errichteten. Initiator und Motor der Firma Gebrüder Juner war offensichtlich Gustav Juner, den alle im Unternehmen und im Dorf bis zu seinem Tod 1951 respektvoll nur „den Chef“ nannten. Obwohl er den Beruf des Metzgers erlernt hatte, führte er die Schuhfabrik so erfolgreich, dass elf Jahre später daneben ein stattlicher Neubau im Jugendstil errichtet wurde. Mitarbeiter für die Fertigung von Kinderschuhen der Marken „Trifels“ und „Naturfreund“ fanden sich direkt vor der Haustür.

Arbeiten im Heimatdorf

Selbst in einer landwirtschaftlich geprägten Gemeinde wie Herschberg waren im ausklingenden 19. Jahrhundert durch technischen Fortschritt immer weniger Helfer auf den Bauernhöfen notwendig. Viele fanden ihr Auskommen in der aufblühenden Schuhindustrie speziell in Pirmasens. Da wurde die Möglichkeit, im Heimatdorf zu arbeiten und sich weite und beschwerliche Wege – anfangs teilweise zu Fuß – zu ersparen, sehr begrüßt. Auch unter den Söhnen des Gründers soll sich, so haben es Mitarbeiter früher berichtet, das gute Betriebsklima erhalten haben.

Eine zweite namhafte Schuhproduktion nahm Karl Fischer 1928 in Herschberg auf. Bei Fischer & Co. haben bis zu 80 Mitarbeiter Damenschuhe der Marke „Sickinger“ hergestellt und dabei zunächst alle Bestandteile der Schuhe innerhalb des Betriebes gefertigt. Bereits in den 30er Jahren waren rund ein Drittel der Beschäftigten weiblich, darunter viele „Steppmäd“, wie die Stepperinnen in den Fabriken salopp genannt wurden. Zu Beginn der 60er Jahre herrschte Vollbeschäftigung, und die Produkte wurden von einem Großhandel in ganz Deutschland vertrieben. Obwohl „Fischers“ infolge der allgemeinen Rezession in der Schuhbranche 1969 den Betrieb einstellte, wurde in den Räumen noch bis 1999 produziert: Kurt Veith aus Rieschweiler hat mit einer kleineren Belegschaft eine Nische besetzt und erfolgreich Luftpolsterschuhe für Damen und Herren unter dem Markennamen „Dr. Maertens“ hergestellt. „Naturfreund“-Schuhe von Gebrüder Juner wurden bis 1972 produziert, wobei sich die Fabrikationsstätte in den letzten drei Jahren im Besitz von Oskar Stoffel befand, einem Nachkommen der verzweigten Juner-Dynastie.

Chef und Fußballtrainer

Noch gut erinnern sich einige Herschberger an die Zeit, als sie zur Belegschaft einer der beiden ortsansässigen Betriebe gehört haben. Paul Sema (83) musste 1956 nur etwa 300 Meter zu Fuß zu gehen, als er mit 19 nach fünfjähriger Mitarbeit in der elterlichen Landwirtschaft bei der Firma Fischer in der „Zwick“ begann. „Montags haben wir immer zuerst das sonntägliche Fußballspiel analysiert“, erzählt er lachend, „weil der Chef damals auch mein Trainer war.“ Nach einer weiteren Station in der Adidas-Filiale in Wallhalben hat sich Sema – „wegen der besseren Luft“ – für eine Beschäftigung beim Forst entschieden.

Als 17-jähriger Lehrling hat Karl Fischer (71) in den letzten Jahren des Bestehens in der vom gleichnamigen Großvater gegründeten Schuhfabrik den Grundstein für seine Karriere gelegt. Danach ließ er sich in der Schuhfachschule in Pirmasens zum Schuhtechniker ausbilden. In den 16 Jahren vor seiner Pensionierung leitete Fischer das Werk des Rosenheimer Traditionsunternehmens Gabor in der Slowakei.

Adidas griff auf Herschberger Fachleute zurück

Direkt von der Schulbank zur Lehrstelle in der Schuhfabrik Gebrüder Juner wechselte der damals 14-jährige Dieter Arzt (82). Das war für den Urenkel des Gründers und Sohn des Produktionsleiters Richard Arzt eigentlich eine Selbstverständlichkeit. „Von meinem Vater erhielt ich das berufliche Rüstzeug und mein Wissen rund um den Schuh.“ Seinem Talent als Fußballer hatte er es zu verdanken, dass er zum FKP wechseln konnte, wo ihm eine Ausbildung zum Modelleur vermittelt wurde. Viele Jahre war er verantwortlich für die Gestaltung neuer Modelle, unter anderem bei Servas in Rodalben und der späteren Schuh-Union in Zweibrücken. Fast 45 Jahre blieb er „dem Schuh treu“.

Ein Jahrzehnt lang, zwischen 1926 und 1936, produzierten in Herschberg außerdem zwei kleinere Schuhfabriken mit überschaubarer Belegschaft. Die Facharbeiter-Dichte in Herschberg kam später einem Weltkonzern zugute: In den 60er und 70er Jahren stammte ein erheblicher Teil der Beschäftigten der damaligen Adidas-Betriebsstätte in Wallhalben aus der Sickingerhöhgemeinde.

Die ehemalige Schuhfabrik Juner in der Ortsmitte. Das Gebäude gehört heute Landwirt Klaus Bohl, der es als Lager- und Maschinenh
Die ehemalige Schuhfabrik Juner in der Ortsmitte. Das Gebäude gehört heute Landwirt Klaus Bohl, der es als Lager- und Maschinenhalle für seinen gegenüberliegenden Betrieb nutzt.
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