Südwestpfalz
Wie Hausärzte in der Region mit der hohen Impfnachfrage umgehen
Die Corona-Pandemie nimmt kein Ende und die Infektionszahlen steigen in der Südwestpfalz. Viele Menschen benötigen nun ihre dritte Impfung, die sogenannte Booster-Impfung, um bestmöglich geschützt in den Winter zu gehen. Diese Aufgabe wird derzeit hauptsächlich von den Hausarztpraxen übernommen. Das Pirmasenser Impfzentrum wird zwar wieder öffnen, ein genaues Datum steht allerdings noch nicht fest.
Axel Motzenbecker ist Praxismanager des Medizinischen Versorgungszentrums Südwest (MVZ) in Waldfischbach-Burgalben. Dort findet jeden Freitag ein großer Impftag mit rund 300 Personen statt. Das funktioniert aber nur mit festen Terminen, wie Motzenbecker erklärt: „Wir müssen genau wissen, wie viele Dosen wir an dem Tag verimpfen. Der Impfstoff von Biontech muss vorher aufwendig vorbereitet und aufgezogen werden. Im schlimmsten Fall müssten wir Impfstoff wegwerfen.“ Bei den vergangenen Impftagen wurden aber nicht nur Auffrischimpfungen verabreicht, auch weiterhin kommen Patienten, die ihre Erst- oder Zweitimpfung brauchen. „Zuletzt hatten wir etwa 20 Prozent Erst- und Zweitimpfungen, die restlichen waren Booster“, berichtet der Praxismanager.
„Sie machen einen Granatenjob!“
Motzenbecker ist froh, dass das Impfzentrum in Pirmasens wieder öffnen wird. Dazu sagt er: „Nach meiner ganz persönlichen Auffassung haben die Hausärzte nicht die Kapazitäten, um alle Booster-Impfungen leisten zu können. Das geht in den Praxen nicht.“ Auch Jean-Marc Nissle, der als Facharzt für Allgemein- und Notfallmedizin im MVZ arbeitet, ist erleichtert: „Wir begrüßen die Öffnung des Impfzentrums extrem.“
Praxismanager Motzenbecker betont zudem die Wichtigkeit der Helferinnen in den Praxen: „Für sie ist Corona die absolute Höllenzeit. Unsere Mitarbeiterinnen werden beschimpft, wenn keine kurzfristigen Impftermine vergeben werden können. Was sie leisten, ist überragend. Sie machen einen Granatenjob!“
Für die nächsten Wochen ausgebucht
Seit April gibt es in der Praxis von Anette Gilberg und Christoph Brubach in Dahn jeden Donnerstag eine Impfaktion mit vorheriger Anmeldung. Doch durch die hohe Nachfrage stoße man an Grenzen, wie der Allgemeinmediziner Brubach berichtet: „Die Nachfrage für Drittimpfungen ist extrem hoch, und es gibt leider immer noch einige, die gar nicht geimpft sind. Wir kommen da aktuell nicht richtig nach. Für die nächsten Wochen sind wir ausgebucht.“ Es sei sehr wichtig, dass das Impfzentrum in der Pimasenser Messehalle wieder öffne. Grundsätzlich kritisiert er die Schließung Ende September: „Der Zeitpunkt war sehr schlecht gewählt.“
Neben den Drittimpfungen seien vergangene Woche etwa zehn Erstimpfungen verabreicht worden, hauptsächlich an Jugendliche. „Bei uns kann sich jeder ab zwölf Jahren mit Biontech impfen lassen“, betont Brubach. Minderjährige müssen von einem Erziehungsberechtigten begleitet werden.
In seiner Praxis in Münchweiler hat Torsten Buchheit bereits 1200 Patienten gegen Covid-19 geimpft. Auch er hat Probleme mit dem Ansturm, wie er berichtet: „Die Nachfrage wird medial und politisch angeheizt. Da kommen wir mit den Bestellungen nicht hinterher.“ Grundsätzlich seien Arztpraxen sehr leistungsfähig, was das Impfen angehe. Buchheit ist unter anderem stellvertretender Vorsitzender der Bezirksärztekammer Pfalz sowie Vorstandsmitglied des Hausärzteverbands Rheinland-Pfalz. Durch diese Tätigkeiten wisse er, dass die Situation in der Südwestpfalz schwierig sei. „Es gibt Praxen, die sagen, wir impfen so viel, dass wir gar kein Impfzentrum brauchen, aber auch welche, die der hohen Nachfrage nicht gewachsen sind und am liebsten gar nicht mehr impfen wollen. Beim Hausärzteverband bekommen wir Rückmeldungen aus beiden Richtungen“, so Buchheit.
Unvernunft als Hauptmotor der Pandemie
Durch den Regierungswechsel im Bund bewege man sich aktuell in einem Niemandslands. „Uns fehlt es an strengeren Regularien. Wir haben eine massiv zunehmende Infektionslage. Der Hauptmotor der Pandemie bleibt die Unvernunft der Leute“, klagt der Mediziner. Zudem sei es „unendlich schwierig“, den Spagat zwischen Aussagen der Ständigen Impfkommission (Stiko) und der Politik zu schaffen. Buchheit: „Die Praxen ertrinken in Beratungsgesprächen. Es wäre einfacher, wenn aus Politikkreisen einheitliche Aussagen kommen würden.“ Dabei bezieht er sich auf die Booster-Impfungen. Der Experte erklärt: „Es ist Fakt, dass der Impfschutz mit der Zeit nachlässt. Aber er ist nach einem halben Jahr nicht bei null. Er sinkt langsam ab, deshalb ist es auch kein Problem, wenn die dritte Impfung etwas später verabreicht wird. Es reicht in einem Zeitraum zwischen sechs und neun Monaten nach der zweiten Dosis.“
Torsten Buchheit befürchtet, dass weitere Maßnahmen nötig sein werden, um die Intensivstationen nicht zu überlasten. „Wir haben alle gesehen, was passiert, wenn ein Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt. Egal, ob in England, Indien oder in New York“, warnt er und appelliert zeitgleich: „Es sollte sich bitte jeder gut überlegen, sich doch noch impfen zu lassen und die privaten Kontakte zurückzufahren. Jetzt ist nicht die Zeit für Weihnachtsfeiern und Karneval.“
Die ganze Familie hilft beim Impfen
Georg und Heidi Stein bieten in ihrer Gemeinschaftspraxis in Rodalben täglich eine offene Impfsprechstunde an. Zwischen 11 und 12 Uhr kann sich jeder, auch Menschen, die bisher keine Patienten der Praxis sind, mit den Impfstoffen von Biontech, Moderna sowie Johnson und Johnson gegen Covid-19 impfen lassen. Um der erhöhten Nachfrage nachzukommen, wurde ein zusätzlicher Impfabend an jedem Dienstag von 17.30 bis 18.30 Uhr eingeführt. Samstags gibt es in Rodalben von 9 bis 12 Uhr Sonderimpfaktionen, bei denen im Vorfeld Zeitfenster gebucht werden können, um Wartezeiten zu verringern.
„Die Nachfrage explodiert, aber wir sind bemüht und schaffen es, dem Ansturm standzuhalten“, zeigt sich Georg Stein optimistisch. Der größte Anteil entfällt auch hier auf die Booster-Impfungen. In den letzten Wochen seien fast 800 Drittimpfungen mit Biontech durchgeführt worden, 28 weitere mit Moderna. Doch auch die Anzahl an Erstimpfungen steige wieder, wie Georg Stein verrät: „Im Oktober waren es 350.“
Eine solche Impfleistung ist in der Gemeinschaftspraxis Stein nur durch familiären Zusammenhalt möglich. Der Sohn und die Tochter der Steins studieren selbst Medizin und helfen in der Praxis aus. „Unsere Kinder bringen dann noch weitere Kommilitonen mit, die uns bei den Impfungen helfen“, sagt Stein und ergänzt: „Wir sind gut aufgestellt und wollen unseren Beitrag leisten.“ Auch Heidi Stein zeigt sich zuversichtlich: „Es ist eine Ausnahmesituation, aber wir bewältigen das.“