Hauenstein / Wilgartswiesen RHEINPFALZ Plus Artikel Weihnachtskelch aus grauen Blechdosen

 Werner Klein (78) hält den Abendmahlkelch aus Blechdosen, den sein Vater am Heiligabend vor 75 Jahren aus der Gefangenschaft mi
Werner Klein (78) hält den Abendmahlkelch aus Blechdosen, den sein Vater am Heiligabend vor 75 Jahren aus der Gefangenschaft mitgebracht hat, heute noch in hohen Ehren.

An Heiligabend endet für Christen das Warten auf Jesu Ankunft. Eine ganz besondere Ankunft hat die Pfarrersfamilie Klein vor 75 Jahren erlebt, am Ende des letzten Kriegsjahres. Ein wahres Weihnachtswunder. Die Erinnerung an jenen Abend wird in der Familie bis heute hochgehalten.

„Er war ein gläubiger und treuer Sachwalter seiner Kirche und nahm seinen Dienst in seinen drei Dienstorten Wilgartswiesen, Hauenstein und Spirkelbach sehr ernst“, hat der frühere Rektor Albrecht Vogelgesang einmal über ihn gesagt. Pfarrer Heinrich Klein (1910 bis 1986) ist den Älteren in der Verbandsgemeinde Hauenstein als liebenswerter und volkstümlicher evangelischer Pfarrer in guter Erinnerung. 28 Jahre lang war er Pfarrherr in der großen Pfarrei mit der höchst gelegenen pfälzischen Ortschaft Hermersbergerhof. Er wurde 1975 zum Ehrenbürger ernannt. Auch bei den katholischen Mitbürgern war Klein sehr geschätzt. Nach seiner Pensionierung zog er nach Landau und wurde in Queichheim auf dem Priesterteil des Friedhofes beerdigt, ein Zeichen brüderlicher Ökumene. Vor wenigen Monaten holten in diesem Jahr seine beiden Söhne Günther und Werner die Erinnerung an den Vater an die jahrzehntelange Wirkstätte im Osten des Landkreises Südwestpfalz zurück und ließen den Grabstein an einem Ehrenplatz auf dem Friedhof in Wilgartswiesen im Schatten „seiner“ Kirche aufstellen.

Weihnachtsglück für die Familie

Die Geschichte, die wir an diesem Heiligabend erzählen wollen, spielt jedoch auf den Tag genau vor 75 Jahren an einem ganz besonderen Heiligabend des letzten Kriegsjahres. Just an diesem traurigen Weihnachtsfest, das viele in Bunkern, Kellern oder gar auf der Flucht erlebten, geschah im protestantischen Pfarrhaus in Reichenbachsteegen, wo die junge Familie damals wohnte, etwas wahrlich Weihnachtliches. Es fing bereits an zu dunkeln, als der junge Pfarrer Heinrich Klein dort ankam. Mit wenig Habseligkeiten und völlig übermüdet nach langen Märschen von der Gefangenschaft. Welch ein Weihnachtsglück für die junge Mutter und Pfarrfrau, den fünfjährigen Günther und den dreijährigen Werner!

Symbol der Hoffnung

Im zerschlissenen Rucksack des Pfarrers war nur das Allernotwendigste, aber auch Kleinigkeiten für die strahlenden Kinderaugen, die den Vater lange nicht gesehen hatten. Zum Vorschein kam ein Abendmahlkelch. Er war nicht aus leuchtendem vergoldeten Edelmetall, sondern aus einfachen grauen Büchsendosen. Ein unbekannter Mitgefangener des Vaters im amerikanischen Lager „Camp Miami“ in Frankreich hatte ihn für den Gottesdienst zusammengebastelt, berichtet der Sohn Werner Klein (78) aus Erfenstein im RHEINPFALZ-Gespräch.

Solange die Eltern lebten, sei dieser „Weihnachtskelch“ ein Symbol des Dankes und der Hoffnung gewesen. Das beeindruckende Zeitzeugnis hat für die beiden Söhne eine außerordentlich intensive Verbindung zum verstorbenen Vater bewahrt. „Wir halten das Vermächtnis unseres Vaters in hohen Ehren, besonders aber in diesem Jahr, wo es sich zum 75. Mal jährt, dass der Vater am Heiligabend vor der Tür stand“, sagt Werner Klein. Und der in Lambsheim lebende zwei Jahre ältere Bruder, der pensionierte Ingenieur Günther Klein (80), ist sich mit seinem Bruder einig, dass der Dosenkelch der Kriegsweihnacht 1945 nach vielen Jahrzehnten seinen einzigartigen Stellenwert immer behalten werde.

Aus einfacher Blechdose

Dabei ist der Abendmahlkelch von geringem Materialwert, besitzt aber durch die Kunsthaftigkeit seiner Gestaltung durchaus eine hohe künstlerische Aussage, meint der pensionierte Gymnasiallehrer Werner Klein. Der Abendmahlkelch aus der Gefangenschaft ist im Prinzip eine einfache Blechdose, wie sie Soldaten in amerikanischer Gefangenschaft kannten. Der kunstfertige Mitgefangene setzte die rund zehn Zentimeter hohe Konservendose mit acht Zentimetern Durchmesser auf einen knapp 20 Zentimeter hohen Holzstab, den er mit Dosenblech zu einer sechskantigen Säule ummantelte. Auch der hölzerne Kelchboden ist mit Dosenblech ummantelt und trägt wie der obere Teil gewundene Blechornamente. Werner Klein erzählt, dass sein Vater auch noch Antependien (Paramente, in der Liturgie verwendete Textilien) aus der Gefangenschaft mitgebracht hatte, die aber nicht mehr vorhanden sind.

„Ich erinnere mich noch, dass diese wertvollen Paramente im Hohlraum unter dem Altar in der Wilgartswiesener Kirche aufbewahrt wurden, wir sind als Kinder dort gern hineingekrochen“, erinnert sich der leidenschaftliche Volkskunst-Sammler. Behutsam packt der Pfarrerssohn ein weiteres Erinnerungsgut aus der „Gefangenenkirche“ in Frankreich aus. Dargestellt ist ein mit Kerzen geschmückter Altar mit einem Kreuz und aufgeschlagener Bibel. Im Hintergrund sind stilisiert leuchtende Weihnachtsbäume zu erkennen. Gemalt hat das Kriegsbild Alfred Richter. „Zur Erinnerung an unsere Kirche im Gefangenenlager“ ist auf der Rückseite zu lesen.

 Pfarrer Heinrich Klein war 28 Jahre lang Seelsorger der großen protestantischen Pfarrei Wilgartswiesen, Spirkelbach, Hauenstein
Pfarrer Heinrich Klein war 28 Jahre lang Seelsorger der großen protestantischen Pfarrei Wilgartswiesen, Spirkelbach, Hauenstein und Hermersbergerhof.
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