Hinterweidenthal
Warum ein alter Holzrücker jetzt einen Gedenkstein hat
Der Gedenkstein sei der „Oscar vom Forst für ein Lebenswerk“, sagte Werner. Corona-bedingt beschränkte sich der Gratulantenkreis auf den engsten Familienkreis, Vertreter der Gemeinde und des Forstamtes Hinterweidenthal. Ortsbürgermeister Barbara Schenk überbrachte Glückwünsche, ebenso der Forstamtsleiter, Michael Grünfelder.
Bis zur Enthüllung musste Sohn Helmut seinen Vater quasi entführen, während der jüngere Sohn Karl-Heinz den MB Truck in Position brachte. Der Jubilar, der gestern 90 Jahre alt wurde, staunte nicht schlecht, als er an der Gedenkstelle plötzlich im Mittelpunkt stand. „Sahnerolle und Lyoner hatten wir schon bei deinem 80. und 85. Geburtstag, deshalb haben wir dir einen Gedenkstein errichtet und zwei Eiben gepflanzt“, resümierte der Initiator, Axel Werner, und fügte hinzu: „Eiben deshalb, weil sie langlebig sind und sehr zäh, so wie du.“
Ein Moment der Sprachlosigkeit
Schenk merkte schmunzelnd an, die ersten Wörter, die Fritz Disqué sprechen lernte, seien „Wald, Holz und MB Truck“ gewesen, nachdem der Jubilar am 30. Dezember 1931 das Licht der Welt erblickte. Einen kurzen Moment erlebte man den ansonsten so kommunikativen Jubilar sprachlos. Die beiden Söhne Helmut und Karl-Heinz mussten ihren Vaters kurzzeitig hinters Licht führen, damit er nicht merkte, was hinter seinem Rücken, geschickt eingefädelt von Revierförster Axel Werner, lief.
Rücken ist das Stichwort. Ein Leben lang, genauer gesagt seit seinem 14. Geburtstag, hat Fritz Disqué Holz gerückt. Und zwar im Hinterweidenthaler Gemeinde- und Staatswald. Der Beruf ist ihm in die Wiege gelegt worden. Schon Vater Friedrich war Rücker. Der jüngste Sohn Karl-Heinz ist es ebenso.
Bis 1978 dem Vater geholfen
Der Beginn lässt sich leicht datieren, das Ende weniger, denn bis vor wenigen Jahren noch hat er für „seinen Förster“ gerückt. Bis 1978 half er seinem Vater beim Rücken, die schweißtreibende Arbeit verrichteten ein, zeitweise auch zwei Kaltblut-Pferde. „Morgens spätestens um 7 Uhr wurde losgeritten und beim Einbruch der Dunkelheit kehrte unser Vater wieder heim“, erinnerte sich Sohn Karl-Heinz. Mit maximal zwei Pferdestärken wurde das Stammholz auf Anhängern aus dem Wald gezogen und zum Verladen entweder zum Bahnhof oder zum Sägewerk gebracht. Ökologischer kann Waldbewirtschaftung nicht sein.
„Wir sind aber auch manchmal bis auf die Glashütte und ins Schwarzbachtal gefahren“, erinnerte sich der Jubilar. 1975 schaffte Fritz Disqué zusätzlich zum Pferd einen Ackerschlepper an, der die Arbeit erleichterte, 1981 sattelte Disqué auf modernste Rücketechnik um, einen MB Truck. Der Truck ist noch immer im Einsatz und durfte bei der kleinen Feierstunde am Gedenkstein nicht fehlen. Das Pferd konnte fortan den wohlverdienten Altersruhestand genießen.
250.000 Festmeter gerückt
Wie viele Festmeter Holz Fritz Disqué insgesamt gerückt hat, ist spekulativ. Etwa 250.000 Festmeter könnten es im Berufsleben des Jubilars und bis heute schon sein, schätzte Werner die Lebensleistung. Überhaupt ist Fritz Disqué keiner, der mit Leistung hausieren geht. Dass er quasi nie im Ruhestand weilte, sorgte womöglich dafür, dass er so fit ist. Mit seinem vor einem Jahr angeschafften E-Bike ist Disqué rund 1000 Kilometer gefahren, mehr als manch einer im Auto zurücklegt.
„Bei uns daheim war klar geregelt, dass samstags Brennholz gemacht wurde“, erinnerte sich Karl-Heinz Disqué zurück. Der ältere Bruder Helmut ergänzte: „Ausschlafen gab es an Samstagen nicht.“ Fragt man den Jubilar nach Urlauben, zuckt er die Schultern. Es gab schon die ein oder andere Ausflugsfahrt, die endete aber immer abends. „Wenn die Sonne untergeht, bin ich zu Hause. Zu Hause ist in Hinterweidenthal“, lautet die Devise von Fritz Disqué.
Zum 100. eine Kreuzfahrt
Die körperliche Arbeit hält den Jubilar fit, noch heute wirkt er schlank und drahtig. So manch jüngerer Zeitgenosse würde Fritz Disqué um dessen BMI beneiden. „Kommt wieder, wenn ich 80 bin“, hatte er bei seinem 75. Geburtstag, also vor genau 15 Jahren, zu den Forstbeamten Axel Werner und Frank Schmidt gesagt, als die eine „Lobeshymne“ auf „ihren“ Fritz geben wollten. Für den 100. Geburtstag hat Axel Werner dem Jubilar eine Kreuzfahrt mit Hinterweidenthals Ortsbürgermeisterin Barbara Schenk in Aussicht gestellt.
Am Ende zitierte Werner einen der legendären Sprüche des Jubilars: „Sauft net so viel, dann müsst ihr auch net so viel schwitze.“