Wiesbach
Vor dem INRI graute es ihr besonders
Das Glasbild war von der jahrelangen Sonneneinstrahlung verblichen und kaum noch zu erkennen. Deshalb stellte die Ortsgemeinde die gelernte Bauzeichnerin über Sommer zwei Monate mit einem Minijob an.
Hans Busch, ein zugezogener Wiesbacher, hatte die großen Glasflächen an den beiden Eingangsseiten der Wiesbacher Leichenhalle 1981 mit bunten Glasmalereien versehen. Beide Bilder zeigen Jesus. Oder vielmehr zeigten Jesus. Während auf der Wetterseite, wo die Sonne erbarmungslos scheint, die Farben im Lauf von 40 Jahren teilweise kaum noch zu sehen waren, leuchtet die Darstellung des Heilands auf der gegenüberliegenden Glasfront unverändert bunt. Zwar ist die Wetterseite mit einer zweiten, dunkel getönten Glasschicht versehen, doch die reicht nicht gegen die Kraft der Sonne. Nach einer Beerdigung vor einiger Zeit fiel der Trauergesellschaft auf, dass „man da mal was machen müsste“, wie es Silke Buchmann ausdrückt, die selbst dabei war.
Zeichnen und malen sind ihre Hobbys, also hat sich die 48-Jährige schnell überreden lassen. Zumal ihr Vater, Antonius Buchmann, 20 Jahre lang Wiesbacher Bürgermeister war und ihr Bruder Klaus aktuell die Ortsgeschicke lenkt. Ein gewisses Engagement für die Gemeinschaft liegt also bereits in den Genen der Familie Buchmann.
„Auf was hab ich mich da nur eingelassen“, seufzte Silke Buchmann öfter, wenn sie am hohen Gerüst emporschaute. „Und vor dem INRI graut es mir besonders“, sagte sie im August im Gespräch mit der RHEINPFALZ, und zeigte auf den Schriftzug oberhalb der Jesusdarstellung. Denn der steht ganz oben, bei rund acht Metern Höhe. Trotzdem hat sie sich bereit erklärt, das Bild wieder zu vervollständigen. Und zwar mit professioneller Glasmalfarbe. Und in ganz kleinen Schritten.
Denn die Farbe kann nicht mit einem Pinsel aufgetragen werden, sondern wird direkt aus kleinen Fläschchen millimeterweise aufs Glas getropft. Bei größeren Flächen eine Gedulds- und Fleißarbeit, zumal die Farbe gerne tropft. Und die Sonne die Arbeit von Silke Buchmann nicht gerade erleichtert. Daher konnte sie immer nur ein paar Stunden am Stück arbeiten, kam deshalb mehrmals die Woche in die Leichenhalle. Dort arbeitete sie alleine. Nur mit gelegentlicher Unterstützung ihres Mannes Daniel, aber dies mehr seelisch und moralisch, wie sie erklärt.
Die Glasmalerei zeigt Jesus mit ausgebreiteten Armen vor einem großen Kelch und erinnert in seiner Machart an Kirchenfenster, auch wenn Kirchenfenster oft aus buntem Bleiglasmosaik bestehen und dies in der Leichenhalle Wiesbach anders ist. Dort geht es um komplette große Fensterflächen. Was es nicht einfacher macht. Denn die Farben laufen gerne ineinander, weil es nicht die Abtrennung aus Bleistegen gibt.
Da musste Silke Buchmann einfach sorgfältig arbeiten. Und ab und zu auch mal Felder mit Malerband abkleben. Der Erhaltungszustand der Buschchen Glasmalerei war unterschiedlich. Es gab verblasste Felder, die zuerst ganz von Farbe befreit werden mussten und die Buchmann dann in der gleichen Farbe wieder anmalte. Und es gab Felder, da war gar keine Farbe mehr erkennbar. In solchen Fällen entschied sich Silke Buchmann dann nach einer Farbe frei Schnauze, die passt.
Ende August lief ihr Minijob aus, der an die Renovierung des Bildes gekoppelt war. Ein Riss im inneren Glas bleibt bestehen, denn es gibt ja noch die zweite, getönte Glasschicht der Doppelverglasung in der Wiesbacher Leichenhalle. Zumal der eigentlich schon recht große Riss unter den neuen Farben kaum noch erkennbar ist. Im Juli hatte Silke Buchmann mit der Restauration begonnen, ein Gerüst von einem Ehepaar aus dem Dorf ausgeliehen und losgelegt. Wenn Friedhofsbesucher und Beerdigungsteilnehmer den Jesus mit Dornenkrone bewundern möchten: Sichtbar ist er nur in der Leichenhalle selbst oder vom gegenüberliegenden Eingang durch das Glas und die Halle hindurch. Ein verstecktes Kleinod sozusagen. Denn die starke Tönung der Außenscheibe an der Wetterseite verhindert, dass man Silke Buchmanns Arbeit, die auf der von Hans Busch basiert, von außen erkennen kann.