Herschberg
Vom Niedergang der Dorfgastronomie
Das Ende der Gastronomie in Herschberg war lange vor Corona und hat auch mit dem Ausbleiben von Gästen nichts zu tun. In den meisten Fällen liegt es am Fehlen von Nachfolgern in der eigenen Familie, die fast immer das Herzstück solcher Betriebe ist. Kinder und Enkel wollen sich den stressigen Job oft nicht zumuten, weil er mit einem Acht-Stunden-Tag nicht vereinbar ist und bezahlte Hilfe können sich Wirtsleute auf dem Land in der Regel finanziell nicht leisten. Gerade bei Gasthöfen und Gastwirtschaften ist der Rückgang auch andernorts spürbar. Seit der Jahrhundertwende gibt es in Deutschland fast 25 Prozent dieser althergebrachten Wirtshäuser weniger, während die System-Gastronomie eher zugenommen hat.
Die Kneipe gehörte früher fast zu jedem Ort und war der Mittelpunkt für die Dorfgemeinschaft. Aber Lebensstil und Lebensgewohnheiten haben sich derart verändert und Kommunikation findet heute eher in den sozialen Medien statt als am Stammtisch.
Gaststätten als Kulturzentren
Auch in Herschberg waren die Gaststätten mit ihren großen Sälen nicht nur Anlaufstelle für hungrige und durstige Mitbürger, sondern sie waren auch wichtig als regelrechtes „Kulturzentrum“. Schon früh kamen die Herschberger dadurch in den Genuss von Kino-Vorführungen, Theater- und Operettenaufführungen, Konzerten, Ausstellungen und Modeschauen – lange bevor man diese mit einem eigenen Auto auswärts besuchen konnte. Auch bei der Gründung des Carnevalvereins Herschberger Narren vor 60 Jahren waren diese Räumlichkeiten eigentlich eine notwendige Voraussetzung. Bis zum Bau der Bürgerhalle 1991 gingen in beiden Sälen unzählige Prunksitzungen über die Bühne und die Jugend des Vereins hat dort teilweise ihre Tänze einstudiert. Nicht zu vergessen das ehemals höchste Fest in der Gemeinde, nämlich die „Kerb“, aus deren Anlass in den 60er- und 70er-Jahren die Wirtshaussäle beinahe aus den Nähten geplatzt sind.
Über 140 Jahre lang wurden im Gasthaus „Zur Sonne“, später Kiefer-Glass, dem ältesten Haus am Platz, Speisen und Getränke serviert und fröhliche Feste gefeiert. An den Familiennamen Höh des Gründers erinnert der noch heute allgemein gebräuchliche Hausnamen „Höhmichels“. Urenkelin Ruth Glass war bis vor wenigen Jahren die letzte Wirtin. Fast ein halbes Jahrhundert lang stand sie, vielgelobt von ihren Gästen, am Herd in der Wirtshausküche – auch noch mit nahezu 80 Jahren. Dass sie daneben noch in der Landwirtschaft der Familie mit angepackt hat, sollte am Rande erwähnt werden.
Wirt, Landwirt und Schuhfabrikant
Auch der Gasthof Juner in der Ortsmitte war seit Gründung vor rund 120 Jahren über fünf Generationen hinweg im Familienbesitz. Der erste Wirt Gustav Adolf Juner war zugleich Landwirt und später noch Schuhfabrikant. Die Gaststätte im eigenen Anwesen wurde seither mehrmals vergrößert und aufgestockt. Zuletzt standen ein großer Gastraum, ein geräumiges Nebenzimmer und in der ersten Etage ein Tanzsaal von fast 200 Quadratmeter Größe für die Gäste bereit. Dort hat man 1961 bei der Gründung der Herschberger Narren extra eine Bühne für die Prunksitzungen eingebaut. Beliebt waren die Räumlichkeiten auch für große Hochzeitsfeiern, runde Geburtstage und Jubiläen. Wirtin über viele Jahre war am Schluss Roswitha Kiefer, die Frau eines Urenkels von Gustav Adolf Juner. Nach einer mehrmonatigen Pause aus Gesundheitsgründen und stark verkürzten Öffnungszeiten konnte sie vor sechs Jahren die anfallende Arbeit nicht mehr bewältigen und musste den Betrieb schweren Herzens schließen. Eine Verpachtung war auch hier nicht möglich, weil Gast- und Privaträume nicht speziell getrennt sind.
Weit über Herschberg und die Sickingerhöhe hinaus bekannt war über Jahrzehnte das Café-Restaurant Hartmann, wo in drei Räumen bis zu einhundert Gäste einkehren konnten. Eröffnet haben es 1949 in einem Neubau neben dem Wohnhaus Richard und Helene Hartmann, deren Eltern dort zuvor schon Speiseeis und Süßwaren angeboten haben. Das zuerst kleine Gebäude wurde im Lauf der Jahre mehrmals vergrößert und schon bald auch Fremdenzimmer eingerichtet. Die gepflegte Gastlichkeit im Hause Hartmann hat damals ihre Anziehungskraft nicht verfehlt, selbst wenn sie abseits der großen Verkehrswege zu finden war. Das Café Hartmann war Ziel zahlreicher Kaffeefahrten und Urlaubsgäste, galt als Pionier des sich in dieser Zeit langsam entwickelnden Fremdenverkehrs in der Region. „Es Helenche“ war die gute und weithin bekannte Seele des Betriebes und sie hatte die besondere Gabe, sowohl ältere als auch jüngere Gäste anzuziehen. Wenn sie am Herd gewirkt hat, durften sich alle auf wohlschmeckendes Essen freuen und manche Familienfeier geriet so zum besonderen Erfolg.
Als Vereinswirtin hat Helene Hartmann auch die in ihrem Haus vollzogene Gründung der Herschberger Narren aus ganzem Herzen begleitet und unterstützt. Tatkräftige Nachfolger fanden die Besitzer ab 1975 in Tochter und Schwiegersohn Lenika und Horst Müller, welche den beliebten Treffpunkt bis 1997 weitergeführt haben. Eine anschließende Verpachtung für mehrere Jahre war weniger erfolgreich, zumal das Niveau der Familien Hartmann und Müller nicht erreicht werden konnte.