Althornbach
Theatertruppe Storcheschnäbbel schickt ihr Publikum in den Knast
Für ihr Theaterstück haben sich die Bühnenbauer der Storcheschnäbbel nicht nur auf der Bühne ausgetobt, sondern auch die Fensterfront als Gefängnis verkleidet und die Eingangstür als Tor einer Justizvollzugsanstalt umgebaut. Gitterstäbe und Zellen allerorten. Und als am Samstagabend dann auch noch Corinna Licht als Gefängnisleiterin Dr. Sandra Reschke, Petra Utzinger als inhaftierte Gräfin Marlene von Heinrich in Handschellen und Kerstin Frary als Schließerin Frau Kunz von hinten durchs Publikum zur Bühne liefen, um den Dreiakter „Residenz Schloss und Riegel“ aus der Feder von Winnie Abel einzuleiten, war die Knast-Atmosphäre perfekt.
Ordentlich abgedreht spielten die acht Laiendarsteller der Storcheschnäbbel ihre Charaktere in der Verwechslungskomödie um das Rentnerpaar Irmgard (Sophia Lang) und Hermann Krause (Tim Kübler). Die beiden haben sich in einer Seniorenresidenz angemeldet, in die sie einziehen wollen. Doch durch seltsame Wirrungen landen sie im Knast. Dort wundern sie sich über den knurrigen, tätowierten Rocker Boris Brandner, herrlich eigenwillig interpretiert von Bernd Kipp, und lernen die beiden Inhaftierten Kalle Huber (Nicole Feix) und Bad Girl Jacqueline (Annika Stegner) kennen. Dieses schräge Duo kümmert sich in Erwartung von Hafturlaub rührend um die beiden „Schrumpelgurken“ und hält die vermeintliche Fassade der liebevollen Seniorenresidenz der etwas anderen Art aufrecht.
Mit dem Älterwerden ganz schön beeilt
Annika Stegner, vor wenigen Jahren schon einmal herrlich komisch als sächselnde Tupperware-Verkäuferin aufgetreten, zieht auch diesmal wieder alle Register ihrer Dialektkenntnisse und gibt die aufgedrehte jugendliche Straffällige „Schackelieeeene“ mit Berliner Schnauze und leichtem Intellekt-Defizit. Zusammen mit ihrem Kumpel Kalle versucht sie alles, um bei den Knastbehörden als „voll guter Gutmensch“ rüberzukommen. Gangsterbraut Jaqueline müht sich ab, die mitfühlende Pflegekraft zu mimen, und der tollpatschige Häftling Kalle schlüpft in die Rolle eines alten Mannes, der ebenfalls in der angeblichen Seniorenresidenz wohnt. Derweil fetzen sich Kreuzworträtsel-Fan Hermann Krause, der sich laut seiner Frau „mit dem Älterwerden ganz schön beeilt“ hat, und seine Holde mit Sprüchen, die dem ein oder anderen Ehepartner im Publikum vermutlich schon in den Sinn gekommen sein mögen. Die man sich aber kaum auszusprechen traut. „Du hasch mir erscht ehnmol gesaad, dass Du mich liebscht“, warf Irmgard ihrem wunderbar stoischen Hermann beispielsweise vor. „Ich saa da, wann sich was ännert“, konterte der trocken. Szenen einer Ehe im Brennglas sozusagen. Und vielleicht für die jüngeren Zuschauer ein beängstigendes Szenario für die Zukunft.
Denn der Theatertruppe ist es mit der Darstellung der Charaktere gut gelungen, auf dem schmalen Grat zwischen Irrwitz und dem, was sich tatsächlich tagtäglich real in Ehen abspielt, zu balancieren. „Er schmiert e bissje, is awwer ganz guut“, antwortet beispielsweise der mit Schlappen und Hosenträgern wunderbar ausgestattete Opa Hermann, als Oma Irmgard herausfindet, dass er seine Kreuzworträtsel mit ihrem Kajalstift ausfüllt.
Wie ein misslauniger Wolf im Zoo
Petra Utzinger tritt als nervige Gräfin Marlene von Heinrichs auf, die Kalle und Jacqueline gehörig auf den Zeiger geht. Kerstin Frary spielt die resolute Schließerin Frau Kunz, der das Chaos zwischen tatsächlichem Knast und gespieltem Altersheim so langsam über den Kopf wächst.
Unterhaltsam ist das Spannungsfeld zwischen den sehr unterschiedlichen Figuren und Charakteren. Hier der ruhige, sarkastische Opa Hermann, immer versunken in sein Kreuzworträtsel, und dort seine Frau, die ihn stets antreiben muss und ständig etwas von ihm will. Dem fast nur mit Grunzlauten kommunizierenden Knastbruder Boris Brandner, der eher an einen misslaunigen Wolf im Zoo erinnert, steht die quirlige Jacqueline gegenüber, die sich mehrmals beinahe verrät und sich immer erst ganz kurz vor dem alles entlarvenden Versprecher auf die Zunge beißt.
Eine Aufführung gibt’s noch
Mit dem Stück „Residenz Schloss und Riegel“ legen die Althornbacher Storcheschnäbbel nach einem Jahr Pause ein Meisterstück des Laientheaters auf, dass durch toll gespielte Figuren überzeugt. Die letzte Aufführung ist am Samstag, 18. Januar, um 20 Uhr (Einlass 19 Uhr) in der Hornbacher Pirminiushalle.