Kreis Südwestpfalz Letzte Geschenke des Himmels
„Die Krippe, die lieb’ ich.“ Noch einmal, vielleicht zum letzten Mal, nimmt Schwester Nikola die großen Figuren in die Hand, rückt sie Maria zurecht. Vielleicht sind die Figuren bald weg, samt Miniatur-Herberge. Die Contwiger Dominikanerinnen ziehen bald nach Speyer und haben deshalb zum Hausflohmarkt geladen. Alles soll raus.
Seit 102 Jahren gab es Dominikanerinnen in Contwig. Ganz so alt sind die Sachen auf den Tischreihen im Pfarrsaal nicht, aber vieles ist in die Jahre gekommen. Da stehen Einmachgläser und Plastikeierbecher, Bilder von Papst Johannes Paul II., goldberandete Schnapsgläser, Brotkörbchen, Silbertabletts, etliche Bücher − über Ikebana, über Engel oder mit „500 Rezepten für Feinschmecker“. „Alles Sachen, die im Haus zu finden waren“, erklärt Schwester Virgula. Überbleibsel der Pfarrfest-Tombola sind auch darunter: mehrere Blutzuckermessgeräte zum Beispiel. Schwester Nikola (76) und Schwester Virgula (81) sind die letzten Dominikanerinnen in Contwig. Das Institut St. Dominikus Speyer wird die Schwesternstation zum 1. Oktober schließen und die zwei Frauen ins Mutterhaus holen (). Dass es einmal so kommen könnte, damit rechneten die Frauen: Den Dominikanerinnen fehlt der Nachwuchs. „Wir waren mal elf, zwölf Schwestern hier“, erinnert sich Schwester Nikola. Eine um die andere wurde versetzt oder starb. „Wenn alle gehen − ich gehe zum Schluss“, fallen Schwester Nikola ihre früheren Worte ein. Nun ist es an der Zeit. „Es hätte noch fünf Jahre dauern können“, sind sich die Frauen einig, immerhin sind sie noch rüstig. Schwester Nikola ist seit rund 55 Jahren in Contwig, bei Schwester Virgula sind es fast 59 Jahre. Länger als fünf Jahrzehnte, länger als manches Menschenleben. „Contwig ist unsere Heimat geworden“, sagen beide und sind traurig, dass sie bald gehen. „Aber man kann sich ja nicht in Traurigkeit aufgeben“, sagt Schwester Nikola und lächelt. Im Speyerer Mutterhaus beginnt ein weiterer Lebensabschnitt, dort warten neue Aufgaben − welche genau, das wissen die Schwestern noch nicht. Viele Contwiger werden die Frauen vermissen: ihr Orgelspiel, ihren Gesang, ihre freundlichen Worte, ihre helfenden Hände bei großen und kleinen Dingen des Kirchenalltags. „Ich bin traurig, ich war oft hier“, erzählt Nachbarin Maria Hülstrunk, zum Beispiel in der Singstunde. „Wir hatten immer einen guten Kontakt.“ Wenn sie künftig daheim Stühle rückt, wird sie vielleicht an die Dominikanerinnen denken: Sie nimmt vom Flohmarkt Filzgleiter mit, dazu eine blaue Handtasche − „fürs Enkelchen“. Eine andere Frau schaut sich beim Goldrandgeschirr um. „Ich hab’ eine große Familie, da fehlen immer Teller.“ Das Geschirr, das bei den Schwestern an Festtagen auf den Tisch kam, kann sie gut gebrauchen. Der Flohmarkt zum Abschied macht nachdenklich über das eigene Leben. „Wenn ich nicht mehr da bin, wird alles weggeschmissen“, sagt die Frau. „Ich mach’ auch nichts mehr am Haus. Wenn ich nicht mehr bin, wird’s eh verkauft.“ Am anderen Ende des Pfarrsaals freut sich Pastoralreferent Paul Beyer über „ein Geschenk des Himmels“, wie er sagt: Schwester Virgula reicht ihm ein paar kleine Weihwasserbecken. „Die nehm’ ich als Geschenke für die Kommunionkinder“, sagt er. Er nimmt noch ein kleines Kruzifix mit, auch das wird verschenkt. „Christliche Asylbewerber suchen solche Sachen“, weiß Beyer. Eine Fremde hat an diesem Morgen zwei Schränke und den Küchentisch der Schwestern reservieren lassen. Was zum Verkauf steht, hat keinen festen Preis. „Jeder überlegt selbst, was er gibt“, sagt Schwester Nikola; die Spenden kommen der Kirchengemeinde zugute. Was beim Flohmarkt nicht weggeht, bekommt der Zweibrücker Kinderschutzbund. „Das sind ja keine persönlichen Sachen“, erklärt Schwester Nikola, dass sie sich leicht von den vielen Dingen im Pfarrsaal trennen kann. Ein bisschen Wehmut kommt dennoch auf. „Die gelbe Tischdecke hatten wir immer an Weihnachten drauf“, erinnert sich Schwester Virgula. Ihre Mitbewohnerin bleibt vor dem Tisch mit dem Küchenzubehör stehen. „Ich hab’ sehr gern gekocht.“ Kochtöpfe und Kochbücher herzugeben, das fühle sich nach all den Jahren nun doch etwas seltsam an. Ins Mutterhaus reisen die Frauen mit leichtem Gepäck: „Nur Kleider“, sagt Schwester Virgula und streicht über ihren weißen Habit. „Und noch ein Bild, an dem ich hänge.“ INFO —Heute, Samstag, ist von 10 bis 16 Uhr noch einmal Hausflohmarkt im Pfarrsaal. —Schwester Nikola und Schwester Virgula werden am Sonntag, 27. September, in der Contwiger Kirche St. Laurentius in einem Gottesdienst verabschiedet.