Heltersberg RHEINPFALZ Plus Artikel Kriegsgeschichte: Günther Reffert verlor Mutter bei Fliegerangriff vor 75 Jahren

Am Brunnen vor dem Hause Fritzinger in der Heltersberger Friedhofstraße trafen sich Hans Fritzinger, Margrit und Günther Reffert
Am Brunnen vor dem Hause Fritzinger in der Heltersberger Friedhofstraße trafen sich Hans Fritzinger, Margrit und Günther Reffert (von links) 75 Jahre, nachdem Günther Refferts Mutter Irene bei einem Fliegerangriff in den Trümmern des Nachbarhauses starb. Im Hintergrund das Haus, das dort wieder gebaut wurde.

Ein Leben ohne Mutter. Das kennt Günther Reffert seit 75 Jahren. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges starb seine Mutter Irene. Sie war die einzige Tote in Heltersberg, die bei einem Bombenangriff ums Leben kam. Ironie des Schicksals: Irene Reffert und ihr damals sechs Jahre alter Sohn waren aus Sicherheitsgründen nach Heltersberg gezogen, weil ihr Heimatort Kaiserslautern zunehmend Luftangriffen ausgesetzt war.

Im Dörfchen Heltersberg, in dem Günther Refferts Vater Karl bei einer Tante aufgewachsen war, hatte die Familie noch Verwandtschaft. Dort wähnte Karl Reffert, Kriminalpolizist in Ludwigshafen, seine Familie in Sicherheit. „Am Ende ein Irrtum. Das Tragische am Tod meiner Mutter ist, dass unser Haus in Kaiserslautern den Krieg ohne Schaden überstanden hat. Da war keine Scheibe kaputt“, sagt Günther Reffert.

An die Zeit in Heltersberg und den Tag, an dem seine Mutter starb, kann sich Reffert bis heute gut erinnern. Für seine Mutter sei die Zeit in der Holzlandgemeinde schwierig gewesen. Sie hatte zuvor vom 7. Januar 1944 bis zum 10. Mai 1944 im Krankenhaus gelegen. Schwerer Gelenkrheumatismus plagte die damals 28-Jährige. Nach einem Sanatoriumsaufenthalt in Bad Dürkheim, bei dem sich ihr Zustand nicht wesentlich gebessert hatte, kam sie mit ihrem Sohn nach Heltersberg.

Milch aus Geiselberg

Trotz der Krankheit wurde sie gezwungen in der öffentlichen Küche bei großer Kälte Kartoffeln in kaltem Wasser auf der Straße zu waschen, erzählt Reffert. „Bunkersuppe hieß das, was da gekocht wurde“, erinnert er sich. Für seine Mutter gesundheitlich bedingt eine Qual, wie sie im letzten Brief an ihren Mann vom 11. März 1945 vermerkte. Den Brief hat Sohn Günther noch. „Ein Aufseher hat sie sogar angezeigt, weil ihn die Krankheit meiner Mutter nicht interessierte“, berichtet Reffert.

Er gehe davon aus, dass die Religionszugehörigkeit eine große Rolle spielte: Die in Heltersberg lebende Verwandtschaft war katholisch, Irene und Günther Reffert waren Protestanten. Deshalb sei von den Verwandten nicht viel zu erwarten gewesen, meint Reffert. Er sei zwei- bis dreimal wöchentlich nach Geiselberg gefahren, um ein oder zwei Liter Milch zu bekommen. Dort habe es Menschen gegeben, die ihm halfen.

Bombe nach dem Kakao

Hilfe gab es aber auch in Heltersberg. „Mit der Nachbarschaft pflegte meine Mutter ein enges Verhältnis“, erzählt Reffert. Dazu gehörten Familie Fritzinger und deren Sohn Hans. In ihm „hatte ich einen Spielkameraden gefunden“. Bis heute pflegen er und Fritzinger ein freundschaftliches Verhältnis. Sie hätten damals so einiges angestellt, erzählen die beiden Senioren lachend.

Nichts zu lachen gab es am 18. März 1945. Ein sonniger Sonntag. Irene Reffert hätte am 19. März ihren 29. Geburtstag gefeiert. Weil montags immer viel zu tun war, feierte sie den Ehrentag in der Friedhofstraße mit Kaffee und Kuchen bereits am Sonntag. „Weil es so schön war, wollte ich unbedingt raus, um mit Hans zu spielen“, erzählt Günther Reffert. Er habe vor dem Haus auf Günther Reffert gewartet, bestätigt Fritzinger. Die Jungs trafen sich, betraten gerade das Haus der Familie Fritzinger, „als ich schon durch den Luftdruck in den Flur geschleudert wurde“, berichtet Reffert. Zwei Bomben waren über Heltersberg abgeworfen worden. Das Nachbarhaus, in dem seine Mutter war und in dem Reffert Minuten zuvor noch Kakao getrunken hatte, „war wie ein Kartenhaus zusammengestürzt“, erzählt er.

Kleinigkeiten bleiben im Gedächtnis

Er habe noch den Flur im Hause Fritzinger vor Augen. Eng sei es im Eingangsbereich gewesen, weil dort ein Regal stand. Darauf eine Flasche mit Petroleum, das sich über ihn ergoss. „Ich kann mich noch erinnern, wie erbärmlich ich gestunkenen habe“, sagt Reffert. Hans Fritzingers Mama habe ihm neue Kleidung gegeben. Was nebenan passiert war, hatte er noch nicht wirklich begriffen. Hans Fritzingers Vater half, in den Trümmern zu suchen. Abends gegen 22.30 Uhr wurde Irene Reffert geborgen. Günther Reffert wurde zunächst gesagt, dass seine Mutter ins Krankenhaus gebracht worden sei.

Bis auf Refferts Mutter überlebten alle, obwohl vom Haus nicht viel übrig geblieben war. „Ich habe erst viel später erfahren, dass meine Mutter, weil sie durch die Krankheit geschwächt war, bei diesem Angriff wohl einem Herzschlag erlegen ist“, erzählt Reffert. Dankbar sei er gewesen, dass seine Tante Cilia, eine Krankenschwester, ihn mitnahm, damit er seine Mutter auf dem Totenbett sehen konnte. „Sonst hätte ich sie nie mehr gesehen. Sie hatte keine erkennbaren Verletzungen“, sagt Reffert.

28 Jahre Bürgermeister

„Sie fehlt mir jeden Tag“, bekennt er. Seine Mutter wäre wohl stolz auf ihn gewesen. Er lernte bei der Stadt Ludwigshafen, heiratete seine Frau Margrit in Oggersheim und zog mit ihr nach Baden-Württemberg. Tuttlingen hieß die erste Station. „Aber es hat uns beide wieder näher an die Heimat gezogen.“ Reffert bekam eine Stelle beim Staatlichen Hafenamt in Mannheim, war dort 14 Jahre lang Abteilungsleiter. „Damals haben meine Freunde mich immer gefragt, warum ich mich nicht als Bürgermeister bewerbe“, erzählt Reffert. Als die Stelle des Bürgermeisters in der noch jungen Verbandsgemeinde Waldfischbach-Burgalben ausgeschrieben wurde, „habe ich mich zum Probieren mal beworben. Nicht richtig, denn ich wollte die Stelle ja gar nicht“, sagt Reffert lachend. Er hätte wohl auch keine Chance gehabt, „denn damals wurden die Bürgermeister in Rheinland-Pfalz ja noch vom Rat gewählt“.

In Baden-Württemberg wählten schon lange die Bürger ihren Bürgermeister. „Damit hatte man auch als Parteiloser eine Chance“, sagt Reffert. 1982 bewarb er sich ums Bürgermeisteramt in Brühl und gewann. 28 Jahre blieb er Stadtoberhaupt in Brühl.

Gemeinde kümmert sich gut um Grab der Mutter

Reffert und sein Jugendfreund Hans Fritzinger hatten sich zwischenzeitlich aus den Augen verloren. Aber als Reffert Bürgermeister war, „habe ich ihn öfter im Fernsehen gesehen“, erzählt der frühere RHEINPFALZ-Mitarbeiter Hans Fritzinger. Denn zu Refferts Zeiten erlangte das 15.000-Seelen-Städtchen Brühl Weltruhm – dank Steffi Graf. „Ich habe Steffi quasi durch ihre Karriere begleitet“, sagt Reffert lachend, der die Tennisspielerin sehr schätzt. Bereits als Zwölfjährige hatte er sie kennengelernt. Immer wieder gab es Erfolge zu feiern und Gründe, um Steffi Graf in Brühl zu ehren, einschließlich der Verleihung der Ehrenbürgerschaft.

Fritzinger beauftragte Mitbürger, die Reffert gelegentlich am Grab seiner Mutter sahen, „dass sie ihm ausrichten sollen, er soll sich mal melden“, erzählt Hans Fritzinger. Eines Tages habe es geklingelt, „und da stand er vor der Tür“. Die Freundschaft lebte wieder auf. Zuletzt sahen sich die beiden, die das Kriegserlebnis im März 1945 verbindet, am 18. März dieses Jahres. Zwei Tage, bevor durch das Corona-Virus Kontaktbeschränkungen erlassen wurden, hatten Reffert und seine Frau Margrit das Grab von Irene Reffert noch besuchet. Die Gemeinde Heltersberg kümmere sich sehr gut darum, meint Reffert.

Eine letzte Erinnerung: Günther Reffert auf dem Arm seiner Mutter Irene.
Eine letzte Erinnerung: Günther Reffert auf dem Arm seiner Mutter Irene.
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