Wallhalben Kneispermühle-Wirtin wird 85: Bewegtes Leben zwischen West, Ost und dem Wallhalbtal
Das Wallhalbtal und die Pfalz wurden für das Geburtstagskind Renate Brenner und ihre Eltern schon bald zur zweiten Heimat. Geboren, aufgewachsen und die ersten Schuljahre hat die Jubilarin in Großbrembach verbracht, 20 Kilometer von Weimar in Thüringen entfernt. In der sowjetischen Besatzungszone war die Unterdrückung der Bevölkerung und die schlechte wirtschaftliche Lage so unerträglich geworden, dass ihrem Vater, einem Großgrundbesitzer, die Enteignung drohte. Im Februar 1953 brach die Mutter ihr Schweigen und informierte ihre Kinder Adelheid, Bärbel und Renate, dass der von den Eltern gefasste Fluchtgedanke jetzt in die Tat umgesetzt wird.
Es gab keine Zeit mehr für einen anderen Gedanken, denn der Spießrutenlauf vom Heimatdorf über Berlin nach Westdeutschland wurde sofort umgesetzt. Nur was ein Jeder auf seinem Leib trug konnte mitgenommen werden. Mit einem amerikanischen Flugzeug flog die Familie in die Freiheit. Der Vater habe vorm Abflug geschworen, dass er aus diesem Flugzeug nicht aussteigen werde, wenn es zu einer Notlandung kommen werde. Die Angst vor einer Bestrafung durch die Staatsmacht des Ostens sei bei ihrem Vater Helmut riesengroß gewesen, berichtet Renate Brenner. Dies war auch der Grund, warum er beim Tod seiner einzigen Schwester 1959 schweren Herzens keinen Einreiseantrag in die DDR gestellt hat. Es habe ihn ein unendlicher Schmerz geplagt, dass er ihr nicht die letzte Ehre am Grab erweisen konnte, doch die Angst, nicht mehr aus der DDR ausreisen zu dürfen, gab den Ausschlag.
Neues Lebensglück im Mühlental gefunden
Es folgte für die als Flüchtlinge geltende Familie eine Tour mit einigen Stationen quer durch Deutschland. Eine ruhelose Wanderschaft sei es gewesen, denn wo Flüchtlingsfamilien auftauchten, da gab es viel Argwohn, da sie auf Hilfe und Unterstützung angewiesen waren. Teilen sei in jener Zeit längst nicht so einfach gewesen, da es zur eigenen Entbehrung führte.
In die Pfalz und ins Mühlental kam die Familie durch den Tipp eines Freundes des Vaters aus Pirmasens. Die Familie kam 1953 auf die noch verpachtete Mühle und entschloss sich 1957 zum Kauf. Hierfür gab es ein günstiges Darlehen von der Siedlungsgesellschaft für Flüchtlingsfamilien. „Schon wenige Jahre später war klar, dass es eine gute Entscheidung der Familie war, denn der Weg zurück nach Thüringen war durch die ungewollte Zweistaatenlösung endgültig verbaut“, erzählt Renate Brenner.
Schlachtfest wird zum Kundenbringer
Wer auf der Kneispermühle wirklich heimisch werden wollte, der musste sich auch mit dem dörflichen Brauchtum und der besonderen pfälzischen Lebensart immer vertrauter machen. Nicht wegzudenken ist auf der Kneispermühle das heute noch immer gepflegte Schlachtfest. Bereits im Dezember 1953 begann die Tradition des Schlachtfestes nach Pfälzer Art. Dies war der Schlüssel für ewige Stammgäste.
In den Anfangsjahren hat es nur einen Schlachtfesttag im Monat gegeben, erzählt die Wirtin; bis man das Angebot schließlich auf jede Woche ausweiten musste. Wie sehr man in der Region die Leberknödel, die Bauernbratwurst, den Molli, den Saumagen und das Sauerkraut mag, das lernten Mutter und Töchter im Eiltempo von den Landfrauen aus den Nachbardörfern.
Mühlengäste: Rudolf Schock und Sonja Gräfin Bernadotte
Der Einstieg in den Beherbergungsbetrieb kam unerwartet: Eine holländische Mutter, die mit dem Rad auf Urlaubstour mit ihren Kindern war, suchte 1954 eine Schlafgelegenheit und landete schließlich auf der Kneispermühle. Dort bekam sie unvorbereitet eine Schlafmöglichkeit und musste auch nicht hungern. Das war der Start.
Gerne erinnert sich das Geburtstagskind an ihre besonderen Mühlengäste: den bekannten Tenor Rudolf Schock, die Band Boney M., den Umweltminister Klaus Töpfer, die unvergessenen Lauterer Fußballer Ronnie Hellström, Olaf Marschall, Hans-Peter Briegel, Roland Sandberg, Torbjörn Nilson und Ehrenpräsident Norbert Thines. Ein außergewöhnliches Ereignis war 1988 der Besuch von Sonja Gräfin Bernadotte von der Mainau im Bodensee. Über Tage stand die Mühle im Mittelpunkt dieses hoheitlichen Besuches, wo die Gräfin auf Einladung des Landkreises, des Rosendorfes Schmitshausen und der Verbandsgemeinde Wallhalben auf der Mühle empfangen wurde. Die Gräfin hatte sich ins Rosendorf und das Mühlental verliebt, so dass sie 2003 noch einmal mit einer Radlergruppe im Wallhalbtal war. Björn Graf Bernadotte hat 2018 den „Gräfin-Sonja-Bernadotte-Weg“, den seiner Mutter gewidmeten Wanderweg zwischen Schmitshausen und der Kneispermühle eröffnet. Er hat in der Idylle der Kneispermühle übernachtet.