Südwestpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Wie geht es den Handwerkern in der Südwestpfalz?

 Im Landkreis Südwestpfalz gibt es 1344 Handwerksbetriebe (Stand: 31.Dezember 2022), in der Stadt Pirmasens weitere 509.
Im Landkreis Südwestpfalz gibt es 1344 Handwerksbetriebe (Stand: 31.Dezember 2022), in der Stadt Pirmasens weitere 509.

Manche Handwerker würden gerne erweitern – wenn sie Mitarbeiter fänden. Andere hingegen schließen zu, weil sie die Kosten nicht mehr stemmen können. Die Lage im Handwerk ist in der Südwestpfalz keinesfalls einheitlich. Wir sprachen darüber mit Michael Lindenschmitt von der Kreishandwerkerschaft Westpfalz, die die Interessen der Innungsmitglieder vertritt.

Als Arbeitgeberorganisation ist die Kreishandwerkerschaft nah an den Innungsbetrieben. Wie ist denn die Auftragslage im Südwestpfälzer Handwerk?
Es kommt auf die Branche an. In den Bereichen Sanitär-Heizung-Klima (SHK) und Elektro ist die Auftragslage zurzeit top. Dort sind Betriebe dicht bis unter die Haarspitzen. Mancher würde gerne noch Leute einstellen, wenn er sie denn fände. Auch im Metallbau läuft es gut, wenn das Geschäft nicht zu baulastig ist. Dem Baubereich machen die gestiegenen Zinsen zu schaffen: Geld wäre da, aber Kunden sind extrem zurückhaltend. Das war während der Pandemie noch anders. Da haben viele ihr nicht angetastetes Urlaubsgeld ins Haus gesteckt, beispielsweise das Bad modernisiert, einen Wintergarten gebaut oder Sonnenschutz installieren lassen. Jetzt haben wir aber mehrere Herausforderungen: eine hohe Unsicherheit bei der Baufinanzierung, aber auch bei der Verfügbarkeit von Fachkräften und Materialien. Und nicht zuletzt die Preissteigerungen.

Vor allem hohe Energiepreise. Wen trifft es da besonders?
Betroffen sind vor allem die besonders energieintensiven Gewerke. Das Lebensmittelhandwerk hat sowieso schon lange zu kämpfen. Gerade bei Bäckern zum Beispiel schlagen jetzt aber die hohen Energiepreise voll durch. Mir hat gerade ein Bäcker berichtet, dass sein Gasversorger ihm eine drastische Erhöhung der monatlichen Abschlagszahlung angekündigt hat: Statt etwa 900 Euro muss er nun 2100 Euro bezahlen. Der Mann ist Ende 60, hat einen kleinen Betrieb. Für ihn dürfte das jetzt der Anstoß sein, den Betrieb zu schließen. Wer nicht ein „Speckpolster“ angelegt und sich um energetische Alternativen gekümmert hat, wird es schwer haben. Denn die Kostenerhöhungen kann keiner weitergeben.

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Auch bei der Handwerkskammer der Pfalz sind aktuell offene Stellen für Azubis gemeldet, darunter einige in technischen Berufen.
Südwestpfalz

Handwerksbetriebe in der Südwestpfalz

Fehlende und teure Rohstoffe und Materialien waren voriges Jahr ein Dauerthema. Wie sieht es damit inzwischen aus?
Den Dachdeckern sind voriges Jahr Dachlatten ausgegangen; da ist Holz zum neuen Gold geworden. Das hat sich wieder etwas entspannt. Kritisch ist die Lage noch bei Ziegeln. Aber auch bei anderen Materialien gibt es Probleme. Denn selbst wenn zum Beispiel Armaturen in Deutschland gefertigt werden, wurden Zulieferteile des Innenlebens bisher oft in der Ukraine oder in Russland produziert. Ähnlich, wie das mit Stahl für die Automobilindustrie ist. Zuerst die Pandemie und dann der Ukraine-Krieg haben deutlich gezeigt, dass alles ein riesiger Kreislauf ist. Das Problem dabei ist dann auch, dass solche Entwicklungen Schwarzarbeit begünstigen.

Stichwort Automobil: Wie geht es dem Kfz-Bereich?
Für die Betriebe hat sich die Situation komplett gewandelt. Verbraucher wollen Elektroautos, die aber lange Lieferzeiten haben. Da Verbrenner jedoch inzwischen mit einem schlechten Image belastet sind, halten sich die Kunden hier zurück. Sie wissen nicht mehr, wofür sie sich entscheiden sollen. Sie fahren daher ihre Autos viel länger, was den Werkstätten zugute kommt. Dort brummt das Geschäft, ganz im Gegensatz zum Neuwagen-Verkauf. Aber auch die Werkstätten stehen vor einem Problem: Ihnen fehlen Fachkräfte und Nachfolger. Viele, die im Rentenalter sind, machen daher ihre Betriebe ganz zu.

Dabei gehört das Kfz-Handwerk noch zu jenen Bereichen, die für Nachwuchs stets attraktiv waren. Aktuell registriert die Handwerkskammer der Pfalz für angehende Kfz-Mechatroniker aber noch 43 offene Stellen, für Elektroniker 33 und SHK-Anlagenmechaniker 25 Stellen. Wie kommt das?
Das Handwerk hat mittlerweile überall Probleme, Nachwuchs zu finden. Warum das so ist, kritisieren wir schon lange: Die Wertschätzung fürs Handwerk fehlt. Die Kinder sollten sich nicht die Hände schmutzig machen, denken viele Eltern. Dabei ist heute in technischen Berufen oft der Laptop wichtiger als der Schraubenschlüssel. Und mancher Meister könnte ein Masterstudium draufsatteln und hätte somit auch einen Ingenieurabschluss. Mit seiner praktischen Erfahrung könnte er allerdings mehr punkten als mancher Uni-Absolvent. Dazu kommt: Das Handwerk bietet sichere Arbeitsplätze. Die akademische und berufliche Bildung müssen daher unbedingt gleich gestellt werden.

Sind nicht Betriebe selbst gefordert, sich attraktiv zu machen? Der HWK-Präsident Dirk Fischer spricht ja auch Arbeitgeber an: Themen wie Arbeitsklima und -organisation, Führungskultur müssten überdacht werden.
Das Handwerk ist nicht schlechter als andere Bereiche. Aber es stimmt: Mit alten Hüten kommt man nicht mehr weiter. Die Zeiten, in denen unsere Väter noch Überstunde um Überstunde machen wollten, um das Haus abzubezahlen, sind vorbei. Heute geht es Arbeitnehmern nicht nur ums Geld, sondern auch um mehr Flexibilität, um mehr Vereinbarkeit von Beruf und Familie, um mehr Freizeit. Dafür, aber auch für Digitalisierung muss ein Betriebsinhaber offen sein. Da setzt schon ein Umdenken ein: Es gibt Arbeitgeber, die bereits über eine Vier-Tage-Woche nachdenken. Auch bei diesen Themen beraten wir übrigens die Innungsbetriebe.

Was kann Politik dazu beitragen?
Zum Beispiel Bürokratie abzubauen anstatt sie aufzubauen. Da ist etwa die neue Verpflichtung für Arbeitgeber, Krankmeldungen selbst elektronisch abzurufen; dabei sind auch noch viele Fragen offen geblieben. Die Politik sollte außerdem bei den Bürgern keine Ansprüche wecken, die kaum erfüllbar sind. Ein Beispiel ist hier das Thema Wärmepumpe. Jeder will jetzt eine, die Betriebe werden mit Anfragen überrannt. Doch wer soll die Pumpen alle verbauen? Dafür bräuchten wir bundesweit etwa 40.000 Techniker, die wir aber nicht haben.

 Michael Lindenschmitt leitet seit 2008 die Pirmasenser Geschäftsstelle der Kreishandwerkerschaft (KH) Westpfalz. Die KH vertrit
Michael Lindenschmitt leitet seit 2008 die Pirmasenser Geschäftsstelle der Kreishandwerkerschaft (KH) Westpfalz. Die KH vertritt Interessen von etwa 40 Innungen.
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