Herschberg RHEINPFALZ Plus Artikel Heimatgeschichte: Herschberger Stumm-Orgel ist noch fast im Originalzustand

Als die protestantische Kirche in Herschberg fertig war, dauerte es noch sieben Jahre, bis die Stumm-Orgel erklingen konnte.
Als die protestantische Kirche in Herschberg fertig war, dauerte es noch sieben Jahre, bis die Stumm-Orgel erklingen konnte.

Vor genau 150 Jahren erhielt die protestantische Pfarrkirche in Herschberg ihre noch immer funktionsfähige Orgel. Gebaut hat sie eine der damals berühmtesten Orgelbauerfamilien in Deutschland, die Gebrüder Stumm aus Sulzbach im Hunsrück. Noch heute befindet sie sich fast gänzlich im Originalzustand – eine Seltenheit.

Nachdem das neue Gotteshaus 1862 eingeweiht wurde, dauerte es noch über sieben Jahre, bis die Orgel darin erklang. Die Kirche war die Nachfolgerin einer Kapelle aus dem Jahr 1613 auf dem heutigen Gemeindefriedhof. Der später pfalzweit bekannte Pfarrer Johann Schiller hatte die Gemeinde während seiner Herschberger Zeit von der Notwendigkeit eines Neubaus überzeugt. Bis zum Baubeginn verstrichen aber noch über 20 Jahre. Offensichtlich waren die finanziellen Mittel knapp bemessen, sodass erst zwei Jahre später die Bänke aufgestellt wurden. 1870 konnte dann endlich die Orgel erklingen.

Bis 1952 Muskelkraft gefragt

Den Auftrag erhielt wegen seines guten Rufes Friedrich Carl Stumm aus der fünften Generation der bekannten Hunsrücker Orgelbauer. Die Angaben über den Kaufpreis variieren je nach Quelle zwischen 1300 und 1700 Gulden, was heute einem Wert von etwa 8000 bis 10.000 Euro entsprechen würde. Das hölzerne Gehäuse (Prospekt) wurde im Stil des Historismus gestaltet. Schließlich wurde das Instrument mit Manual, Pedal und zwölf Registern trotz des beginnenden Deutsch-Französischen Krieges pünktlich aufgestellt und vertragsgemäß in zwei Raten bezahlt. Der regierende bayerische König Ludwig II. spendierte damals 100 Gulden, die Staatsregierung bewilligte einen Zuschuss von 300 Gulden.

Bei der Einweihung am 12. September 1870 freuten sich Pfarrer Herzog sowie Presbyter und Bürgermeister laut Protokoll über „ein in jeder Hinsicht gelungenes Werk, das allen Anforderungen der Technik entspricht“. Laut Werksliste der Gebrüder Stumm war die Herschberger Orgel die letzte, bei der die Luftzufuhr über sogenannte Schleifladen erfolgte, die man später durch Kegelladen ersetzt hat. Die Luft für die Prospektpfeifen – im Orgelbau „Wind“ genannt – wurde wie bei allen früheren Instrumenten mittels einer Balganlage durch menschliche Kraft erzeugt. Erst 1952 wurde ein elektrischer Gebläsemotor eingebaut, so musste niemand mehr den Blasebalg treten.

Pfeifen für Rüstungszwecke gebraucht

Schon 1888 war erstmals eine Reparatur durch August Huber aus Pirmasens fällig, weil Schneewasser von oben in das Werk eingedrungen war. Um einen solchen Schaden künftig zu vermeiden, wurde im Dachgeschoss eine Zinkplatte direkt über der Orgel angebracht. Auch der Erste Weltkrieg forderte seinen Tribut, denn 1917 mussten die Orgelpfeifen aus Zinn für damalige Rüstungszwecke abgeliefert werden. Sie wurden erst mehrere Jahre später durch Pfeifen aus dem unedleren Zink ersetzt.

Wohl kaum jemand kennt die Herschberger Orgel so gut wie Gero Kaleschke aus Speyer, der Orgelbausachverständige der Evangelischen Kirche der Pfalz. Der ehemalige Studiendirektor hat sich schon des Öfteren mit ihr befasst und stuft sie als historisch wertvolles Instrument ein. Nicht zu übersehen war laut Kaleschke allerdings eine gewisse Nachlässigkeit der damals Verantwortlichen, was Reparaturen kleinerer Schäden und die Wartung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts betrifft. Auf dringendes Anraten von Kaleschke und nach längerem Zögern hat seinerzeit Pfarrer Otto Müller schließlich die Orgelwerkstatt von Johannes Zimnol in Kaiserslautern mit der Beseitigung der festgestellten Schäden am Manualwerk einschließlich der Metall- und Holzpfeifen beauftragt. An letzteren hatte auch der Holzwurm schon seine Spuren hinterlassen. Die Beachtung von denkmalpflegerischen Aspekte hat dabei einen höheren Zeitaufwand bedingt. Mit verschiedenen Besuchen in Herschberg und der Werkstatt in Kaiserslautern hat der Sachverständige die Instandsetzung begleitet und dem Orgelbauer in seinem Bericht viel Einfühlungsvermögen und gute handwerkliche Arbeit bestätigt.

Die Stumm-Orgel in Herschberg ist nach Aussage des Orgelfachmanns eine der ganz wenigen so vollständig erhaltenen Instrumente aus dem 19. Jahrhundert im Raum Pirmasens. Damit sie wieder uneingeschränkt bespielt werden kann, ist noch eine umfangreiche Reparatur des Pedalwerkes notwendig. Die Werkstatt Zimnol wurde laut Pfarrerin Petra Armbrust-Stepponat bereits damit beauftragt. Über einen danach „generalüberholten“ Arbeitsplatz freut sich sicherlich auch die Herschberger Organistin Helga Bischoff, die schon seit nahezu 60 Jahren den Gesang der Gemeinde beim Gottesdienst begleitet.

Zur Sache: Die Gebrüder Stumm

Unter den mehreren hundert Orgelbauern, die in Deutschland seit dem 16. Jahrhundert tätig waren, gibt es wohl kaum eine Dynastie mit einer so langen, ununterbrochenen Handwerkstradition wie die Gebrüder Stumm aus Sulzbach bei Rhaunen im Hunsrück. Sieben Generationen haben in 190 Jahren rund 400 Kirchenorgeln geschaffen. Davon ist nach Schätzung von Fachleuten heute noch ein Drittel im Einsatz, teilweise allerdings umgebaut oder ergänzt. Begründer dieser überaus erfolgreichen Familiengeschichte war Johann Michael Stumm, der ursprünglich den Beruf eines Goldschmiedes erlernte und dann 1714 im Hunsrück seine Orgelbauer-Werkstatt errichtete. Die Herschberger Orgel wurde 1870 von seinem Ur-Ur-Enkel Friedrich Carl Stumm geliefert, der 1882 auch in der evangelischen Kirche in Miesau die Orgel eingebaut hat. Dessen Vater Franz Heinrich Stumm konstruierte bereits 1843 die Orgel für die Martin- Luther-Kirche in Contwig, die nach umfangreicher Restaurierung im Jahr 2005 heute ebenfalls noch erklingt. Stumm-Orgeln wurden insgesamt bis zum Jahr 1906 hergestellt, da sich nach der siebten Generation keine Nachfolger fanden.

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