Käshofen
Erinnerungen an die Toten der Kriege
Werner Schmitt nennt in der Chronik jeweils Geburtstag und Geburtsort der Gefallenen. Der Autor verrät jeweils auf einer Buchseite, welche Berufe sie ausgeübt haben, wo sie dienten, wie sie gefallen sind, wo sie bestattet wurden, oder wo man ihre letzte Ruhestätte vermutet. Diese Sachlichkeit ist gewollt, doch umso erschütternder wirken die darin zusammengefassten Leben. Arthur Vollmar zum Beispiel starb am 1. Oktober 1944 nach einer schweren Verletzung in Büdesheim bei Prüm. Er war damals nicht einmal 18 Jahre alt und bereits im Sommer zum Militärdienst eingezogen worden. Dabei ist Arthur nicht einmal das jüngste Käshofer Kriegsopfer: Sein Bruder Alfred wird seit Juni 1944 ebenfalls vermisst.
Es gibt Familien, die noch härter vom Krieg getroffen wurden. In seiner Einleitung, die Schmitt mit einem Gedicht von Bertha von Suttner beginnt, erwähnt er Berta Müller. Im Ersten Weltkrieg verlor sie ihren Mann Jakob, sowie ihre Brüder Gottlieb und Ludwig Clemens. Im Zweiten Weltkrieg fiel ihr Sohn Ernst.
Recherche mithilfe von Angehörigen und Internet
Wie kam Schmitt auf die Idee, eine solche Chronik zu schreiben? Der 53-Jährige habe sich schon immer dafür interessiert, wer hinter den Namen steckt, die auf dem Denkmal der Gefallenen aus beiden Weltkriegen eingraviert sind. Es steht auf dem Käshofer Friedhof. „Ich wusste wenig über diese Namen. Ich wusste nicht, wo sie hingehören. Ich wollte einfach nicht, dass untergeht, wer sie waren. Mein Vater und Leute, die von damals noch leben, haben mir geholfen, etwas über sie in Erfahrung zu bringen“, sagt er. So begann er mit seiner Recherche. Wie das geht, hat er 2010 mitbekommen. „Damals haben wir eine Käshofer Dorfchronik zusammengestellt. Zusammen mit dem damaligen Bürgermeister Karl Hoffmann. Mein Vater und ich haben ein wenig dazu beigetragen.“
Über die Lebensläufe, die Schmitt über drei Jahre recherchiert hat und die er nun auf 130 Seiten drucken ließ, erkundigte er sich mithilfe von noch lebenden Angehörigen. Andere Informationen holte er sich aus dem Internet. „Der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge hat mir bei der Recherche sehr geholfen. Auf deren Seite kann man viel nachlesen. Und der ist immer noch auf der Suche nach Gefallenen, findet dabei Soldaten oder Erkennungsmarken“, erklärt der Autor.
Jeder zehnte Käshofer war nicht mehr am Leben
In Schmitts Buch gibt es Fotos aus dem Leben fast aller Toten auf dem Denkmal. „Manche stammen von Familien, die nicht einmal mit den Gefallenen verwandt sind“, verrät der Autor. Diese Fotos zeigen die Kriegsopfer als Kinder, als Ehemänner, in ihren Uniformen vor Häusern stehend oder im Fotostudio abgelichtet. Vor allem die Paarbilder von frisch Verheirateten gehen beim Betrachten unter die Haut. Es gibt auf ihnen wenig Lachen. Kein verewigtes frisches Eheglück. Ahnten die Paare, dass sie der Tod bald auseinanderreißen würde? Der Zweite Weltkrieg forderte jedenfalls einen hohen Blutzoll in Käshofen. Etwa 40 Prozent aller Soldaten starben. Schmitt will herausgefunden haben, dass die durchschnittlichen Verluste der deutschen Wehrmacht mit 25 bis 30 Prozent aller Soldaten deutlich niedriger waren.
Am Deutsch-Österreichischen Krieg sowie Deutsch-Französischen Krieg nahmen noch jeweils fünf Käshofer teil. Alle kamen wieder nach Hause. Ab dem Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 gab es im Dorf Tote zu beklagen. Etwa 90 bis 100 Männer wurden eingezogen, fand Schmitt heraus. 15 starben oder gelten als vermisst. Das sind etwa 15 Prozent. Im Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1945 starben dann 45 von 120 Männern. Zwischen 400 und 500 Menschen hätten damals in Käshofen gelebt. Damit war nach sechs Jahren etwa jeder zehnte Käshofer nicht mehr am Leben. Darunter eine Frau, die als Gattin eines Käshofers einen Bombenangriff in Darmstadt nicht überlebte.
Geld verdienen will der Autor mit seinem Werk nicht. Er sei jedoch ein wenig blauäugig an das Vorhaben gegangen. Erst wollte er 150 Bücher produzieren. Die nun 200 gedruckten seien nicht viel teurer gewesen. „Ein paar Bücher muss ich noch verkaufen, dann habe ich die Kosten drin.“