Kreis Südwestpfalz Ein ordentliches Dach überm Kopf

BRUCHMÜHLBACH-MIESAU. Die 53-Jährige ist Verwaltungsinspektorin im Ordnungsamt der VG-Verwaltung und eine Seele von Mensch. Das betont auch Fatimah, die vor dem Bürgerkrieg aus Dara in Syrien, dem biblischen Edrei, geflohen ist. In der 100 000-Einwohner-Stadt im Südwesten der Arabischen Republik Syrien haben die Proteste gegen die Regierung Baschar al-Assads zur Jahreswende 2010/11 ihren Ausgang genommen. Im Februar 2011 wurden 15 Kinder in Dara festgenommen, weil sie angeblich regimekritische Parolen an ihr Schulgebäude gemalt hatten. An der Al-Omari-Moschee kam es in der Folge zu Protesten und schließlich zur Erstürmung des Gotteshauses durch Sicherheitskräfte − Auftakt zum Bürgerkrieg, der das rohstoffreiche Land bis heute verheert. Inzwischen sind mehr als 2,6 Millionen Menschen aus Syrien geflohen. Fatimah ist eine von ihnen. In einem erheblich überfüllten Boot flüchtete sie nach Europa, über Stuttgart, Karlsruhe, Trier und Ingelheim landete sie im vergangenen Jahr in Bruchmühlbach. Zwei ihrer Kinder sind mit ihr gekommen, drei weitere blieben in Syrien. Per E-Mail und Handy hält die Familie Kontakt − „wenn Assad nicht gerade die Leitungen kappt“, wie Fatimah mit bitterem Lächeln anmerkt. Die Mathematiklehrerin ist 41 Jahre alt und wirkt deutlich jünger. Sie weiß weitaus mehr über deutsche Geschichte und Kultur, als unsereins über Syrien weiß. Aber wenn sie über die staatlichen Repressalien, die Morde und Folterungen, die Bombenangriffe in ihrem Heimatland spricht, friert ihr ansteckendes Lachen ein. Ihr Bruder wurde von den Assad-Schergen totgeschlagen. Ihr Mann − Inhaber einer großen Buchhandlung − musste Haft und Prügel erleiden, nachdem er Aufständischen geholfen hatte. Das tut er immer noch, denn er ist in Syrien geblieben. „Er will einfach helfen“, sagt Fatimah. „Und das kann er vor Ort einfach besser.“ Aber sie fürchtet um sein Wohlergehen. Fatimah ist nicht ihr wirklicher Name. Den dürfen wir nicht nennen, weil das Assad-Regime auch Flüchtlinge aufspürt − und auf seine Weise bestraft: „Uns tun sie eher nichts. Aber wir müssen um unsere Verwandten in Syrien bangen. Ihnen drohen ständig Folter, Gefängnis und Ermordung.“ Ganz zu schweigen von der Versorgungs- und Ernäherungslage. Fatimahs Vermieter hat ihr einen Receiver zur Verfügung gestellt, so dass Fatimah arabischsprachige Fernsehsender empfangen und das Geschehen in der fernen Heimat verfolgen kann. Mit der deutschen Sprache hapert es noch ein wenig, den Besucher empfängt sie auf Englisch. Sohn Mohammad immerhin ist bereits jetzt an der Adam-Müller-Schule Bester in Mathe. Der Kontakt zu deutschen Nachbarn ist freundlich, aufgrund der Sprachbarriere aber bislang nicht sehr eng. Aber in unmittelbarer Nachbarschaft lebt noch ein junges Paar aus Syrien, ein Baby hat sich für die nächsten Tage angekündigt. Auch hier muss Claudia Weber Hilfestellung geben: Für den Gynäkologen werden noch Papiere benötigt, den Krankenschein für Asylbewerber stellt die Verbandsgemeinde aus. Fatimah ist inzwischen keine Bewerberin mehr. Ihr Asylantrag wurde am 4. März vom Bundesamt für Flüchtlinge positiv beschieden, in Kürze erhält sie einen Flüchtlingsausweis. „Asylbewerber aus Ländern wie Syrien oder Somalia werden in Anbetracht des Kriegssituation fast automatisch durchgewunken“, sagt die Verwaltungsbeamtin. Vor der endgültigen Entscheidung eines Aufnahmeantrags müssen die Menschen zwar eine aufwendige Ochsentour durchs deutsche Rechts- und Administrationssystem hinter sich bringen, aber immerhin können sie in ordentlichen Verhältnissen leben. Erste Station nach Flucht und Vertreibung ist das Landesaufnahmelager Trier mit Außenstelle in Ingelheim. Danach werden die Asylbewerber vom Land auf die einzelnen Kreise verteilt, die sie nach einem auf der Einwohnerzahl basierenden Schlüssel in die Verbandsgemeinden schicken. „Durchreisende“ − sprich: Obdachlose, die Quartier für eine Nacht suchen − gibt es seit dem Wegfall der Sozialhilfe kaum noch. Gleichwohl achtet Claudia Weber darauf, dass die angemieteten Wohnungen intakt sind. „Es geht nicht um Luxus und nicht um Löcher, sondern um ein ordentliches Dach überm Kopf“, sagt sie. Da es einen leichten Einbruch bei der Vermietung an US-Streitkräfte gegeben habe, bieten die Eigentümer ihre Räumlichkeiten mitunter direkt den Sozialämtern an. Mieter ist übrigens nicht die Verbandsgemeinde, sondern tatsächlich der Asylbewerber. Bei der Einrichtung ist gleichfalls die Verwaltung behilflich. In Bruchmühlbach-Miesau gibt es außer Claudia Weber einen „Bufdi“, einen Berufsfreiwilligendienstler, der sich beispielsweise um die Montage gespendeter oder günstig erworbener Möbel kümmert. Sprach- und Integrationskurse werden regulär erst nach der Anerkennung als Asylbewerber angeboten. In und um Miesau jedoch können Flüchtlinge schon vorher bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Deutschunterricht nehmen. Die Albanerin Xhiljola Ruda, die mit ihrem Mann Bukurosh in einer 46-Quadratmeter-Wohnung in Vogelbach lebt, lernt bei der Awo Deutsch und besucht auf eigene Kosten außerdem noch einen Volkshochschulkurs. In Albanien war die 24-Jährige selbst Grundschullehrerin, der zwei Jahre ältere Bukurosh ist gelernter Krankenpfleger. Auch ihre Eltern sind in der Heimat geblieben. Der nur zwei Millionen Einwohner zählende Balkanstaat gilt nicht als Krisengebiet, hat aber mit diversen strukturellen und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. „Es ist einfach keine gute Politik dort“, sagt Xhiljola, die von Claudia Weber zuweilen für Dolmetscherdienste herangezogen wird. Im Übrigen bemüht sich das junge Ehepaar schon während der Wartezeit auf ihre Anerkennung um Arbeit. Unmittelbar vor unserer Begegnung waren die beiden im Lauterer Jobcenter. „Eine Arbeit ist nicht grundsätzlich verboten, aber unter Umständen räumlich beschränkt oder mit Auflagen verbunden“, erläutert Claudia Weber. Langweilig wird es den Rudas nicht. Xhilysla begeistert sich für Malerei und Volleyball, Offizierssohn Bukorsh ist Fußball-Fan − und fährt regelmäßig auf den Betzenberg.