Kreis Südwestpfalz Die alten Römer: sichtbar statt hörbar
Meist funktionieren Museumsführungen ja nach folgendem Schema: Einer spricht, die anderen hören zu. Ganz anders lief es am Freitagnachmittag im Römermuseum Schwarzenacker ab. Zwar erklärte Museumsführerin Sabine Emser auch hier fleißig, doch dann wurden ihre Ausführungen in Gebärdensprache übersetzt. Zum allerersten Mal fand hier eine Museumsführung für Gehörlose statt. Keine leichte Aufgabe für die Dolmetscherin Mirjam Link.
Organisiert wurde die Führung von Projektmanagerin Carola Heimann vom Saarbrücker „Netzwerk Hören“, das mit Kooperationspartnern wie der Homburger Uniklinik und den Bosenberg-Kliniken St. Wendel zusammenarbeitet. „Leute mit Hörschäden outen sich häufig nicht. Anders als beispielsweise Blinde sind Gehörlose äußerlich nicht zu erkennen“, erklärte Heimann: Daher gebe es kaum entsprechende Freizeitangebote. „Museumsführungen? So was gibt es für sie nicht. Solche Angebote müssen sich im Saarland erst noch etablieren.“ In Schwarzenacker fanden sich 16 Gäste ein – mehr als erwartet –, die Meisten davon Gehörlose. Eigentlich war die Führung gleichermaßen für Gehörlose und Schwerhörige geplant. Für Letztere hatten die Organisatoren eigens sogenannte FM-Anlagen mitgebracht, spezielle Funkkopfhörer. Christa Rupp, die neue Landesbehindertenbeauftragte im Saarland, war mit ihrer Assistentin dabei. Nicht nur eine Führung stand auf dem Programm, sondern auch ein Ausflug in die Küche der alten Römer. Den Anfang machte eine fachkundige Führung durch Sabine Emser und ihr Maskottchen „Roman, die Römerratte“. Später wurden dann „die Küchensklaven aktiv“, wie Emser scherzte. Bei den Teilnehmern kam die Führung sehr gut an. „Frau Emser hat das sehr gut gemacht, und die Dolmetscherin war gut zu verstehen“, lautete hinterher die Bilanz von Gerhard Malik vom Saarbrücker Gehörlosenverein „Glückauf“: „So haben wir das vorher noch nicht erlebt. Das müsste öfter gemacht werden. Es war prima und hat sehr viel Spaß gemacht.“ Malik äußerte jedoch den Wunsch, dass solche Veranstaltungen in Zukunft früher angekündigt werden. „Am Montag waren erst drei Besucher angemeldet, da haben wir schnell noch Mundpropaganda betrieben. Es dauert eben seine Zeit, bis sich solche Dinge unter Gehörlosen und Schwerhörigen herumsprechen“, so Malik. Die Tour führte vom Merkur-Tempel im Barockgarten zu den nachgebauten Handwerkshäusern und der Getreidemühle. Die wurde prompt im Selbstversuch getestet, was ordentlich für Heiterkeit sorgte. An jeder Station erzählte Sabine Emser aus dem Alltagsleben der Römer. Link übersetzte simultan mit Gesten und Mimik. In der Taverne des Capitolinus ging es ausführlich ums Geschäft ebenjenes antiken Gastwirts und die römische Ernährung. Die Wandmalereien des Bauwerks waren kostspielig: Heute weiß man, dass Capitolinus nicht gerade arm war. Wirklich spannend wurde es dann an jenem Ort, wo man es am wenigsten erwartet: am altrömischen öffentlichen Abort direkt hinter der Kneipe. Dort kamen so viele Fragen, Kommentare und lustige Vorschläge auf, dass Mirjam Link, die zur besseren Sicht halb auf dem zentralen Objekt stand, mit dem Übersetzen kaum hinterherkam. Gestikulierte Fragen nach Sichtschutz („keiner“), Winter („kalt“), Spülung („wenn es regnet“) und Geruch („übel“) zeugten von lebhaftem Interesse. „Ich hatte noch nie so heiße Diskussionen am Plumpsklo“, lachte Emser hinterher. Nachdem sie mit Verweis auf den benachbarten Gerber verdeutlicht hatte, dass es in dieser Ecke des Ortes wohl ziemlich gestunken haben muss, ging es weiter zum Haus des Augenarztes: „Der konnte immerhin einfach die Tür zumachen“, sagte Emser. Im Haus des Arztes drehte sich alles um römische Medizin und Bautechnik. Denn obwohl damals „ziemlich viel Scharlatanerie“ üblich gewesen sei, war der Arzt doch sehr wichtig und folglich ebenfalls reich. Wie sonst hätte er sich den Luxus einer Fußbodenheizung leisten können? Den Abschluss der Führung bildete der Säulenkeller, in dem Emser vom Untergang der römischen Stadt berichtete. Die wurde 275 nach Christus von den Alemannen niedergebrannt und zerstört. Benediktinermönche, die im 10. und 11. Jahrhundert beim Pflügen immer wieder auf Schutt stießen, nannten den Acker „Auf der Ungnad“. Die überall vorhandenen verkohlten Reste gaben der neuen Siedlung ihren Namen Schwarzenacker. Nach knapp einer Stunde Führung ging es in die Küche. Dort übernahm Renate Dilly-Liefke die Leitung. Erst wurde alles ausführlich erklärt, dann hieß es für die Besucher „Kochen wie die Römer“, auf Wunsch stilecht in eine Tunika gewandet. Das Menü war reichhaltig: Soldatenbrot aus selbstgemahlenem Korn, Lukanische Hackbällchen, Gurkensalat mit Minze, Getreidebrei mit Gemüse und Kräuter-Käse-Dip. Zum Nachtisch Quark-Grießklößchen mit Honig und Mohn, dazu mit Walnüssen gefüllte Datteln. Alles selbst zubereitet: Mit Eifer wurde geschnippelt und gerührt, gemahlen und gebraten. Zu guter Letzt wurde das leckere Essen auch gemeinsam verzehrt. Wer wollte, durfte sich dann noch an einigen römischen Brettspielen versuchen. Erst eine gute halbe Stunde nach dem ursprünglich geplanten Ende der Veranstaltung machte sich Aufbruchsstimmung breit. Beim Hinausgehen wurde dann noch spontan über das Museumswahrzeichen gerätselt, den berühmten Pentagon-Dodekaeder. Babyrassel? Spielzeug? Astronomisches Gerät? Kerzenhalter? Bislang weiß die Wissenschaft nicht, wofür dieser in Schwarzenacker gefundene Gegenstand einst gut war. Das blieb auch an diesem Freitagnachmittag ungeklärt.