Rodalben
BBS will an die „Kinder von La Guette“ erinnern
Dass sich die Berufsbildende Schule (BBS) in Rodalben aufgeschlossen zeigt für Veranstaltungen über die „Kinder von La Guette“, freut Karola Streppel – auch wenn die Corona-Pandemie Vortragsveranstaltungen derzeit schwierig macht. Streppel ist Lehrerin und Sprecherin des Pirmasenser Arbeitskreises „Geschichte der Juden“, der die Erinnerung durch Präsentationen an immer anderen Orten wachhalten will. „Leider ist es in der momentanen Situation nicht möglich, externen Personen die Möglichkeit eines Besuches zu geben“, sagt Schulleiter Stefan Eichenlaub von der BBS Rodalben, was aber wohl bald nachgeholt werden könne.
Am 8. März 1939 wurden 130 jüdische Kinder – darunter 28 aus der Pfalz, unter anderem aus Pirmasens, Rodalben und Waldfischbach-Burgalben – mit dem Zug nach La Guette in der Nähe von Paris gebracht. Da sich die erneute Flucht aus La Guette nach der Besetzung Nordfrankreichs durch Hitlers Truppen zum 80. Mal jährt und zugleich der 80. Jahrestag der Deportation von 6500 Juden nach Gurs in Südfrankreich (22. Oktober 1940) ansteht, erlangen die Informationen über diesen Ausschnitt greifbar naher Geschichte aktuelle Bedeutung.
Fester Teil der Rodalber Bevölkerung
Zu verdanken war die Ausreise nach La Guette einer jüdischen Organisation, die Kinder aus besonders bedrohten Familien in Deutschland und Österreich retten wollte. An ihrer Spitze stand Robert Jablon als Generalsekretär, Bankier und langjähriger Direktor der Rothschild-Gruppe. Ziel der Reise war Rothschilds Jagdschloss Château de la Guette.
Bis zur Machtergreifung Hitlers hatten die jüdischen Bürger in Rodalben ein friedliches Leben geführt. Ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft hatte lange Tradition. Die jüdische Gemeinde machte Anfang des 19. Jahrhundert circa 15 Prozent der Rodalber Bevölkerung aus. Damals sollen 700 Katholiken in Rodalben gelebt haben und rund 100 Juden. Ihre Anzahl sank zwar, lag aber ein halbes Jahrhundert später immer noch fast doppelt so hoch wie die der Protestanten – um 1850 waren es rund 1450 Katholiken, 70 Juden und 40 Protestanten. 1936 lebten in Rodalben noch 64 Bürger jüdischen Glaubens.
Die Juden in der Gemeinde waren angesehen und arbeiteten vorwiegend als Geschäftsleute, Handwerker oder Ärzte. Sie richteten eine eigene Schule ein, die von 1869 bis 1937 bestand, und ab 1874 gab es eine Synagoge. Mit dem Dritten Reich begann die Auswanderung, die Lage spitzte sich nach der Reichspogromnacht 1938 dramatisch zu. Bereits in diesem Jahr sank die Anzahl der Juden in Rodalben auf 34. Nur eine gelungene Flucht schützte in der Regel noch vor der drohenden Deportation.
Vom belgischen Widerstand gerettet
Zu den Kindern von La Guette gehörten Hans Benedikt, Gerda Samskowitz und Ellen Schwerin aus Pirmasens, Ruth Strauß aus Waldfischbach-Burgalben, Hilde Mann und Werner Neuberger aus Rodalben. Ihre Lebensgeschichte erforschte der Krankenpfleger Peter Conrad (56) aus Pforzheim. Der gebürtige Rodalber recherchierte in Archiven, besuchte Gedenkstätten und suchte den Kontakt zu Nachfahren.
Den zwölfjährigen Werner Neuberger schickten demnach seine Eltern am 8. März 1939 auf die Zugreise nach La Guette. Glücklichen ersten Monaten folgte eine Schreckenszeit, nachdem die Wehrmacht im Mai 1940 in Nordfrankreich einmarschiert war. Die Evakuierung der Kinder mit vielen Stationen war die Folge: Unterkunft in einem einfachen Haus in La Bourboule in Südfrankeich, Jahre als Landarbeiter in Périgueux, Festnahme durch die französische Gendarmerie am 18. März 1944 und Übergabe an die Nazis. Neuberger wurde in ein Konzentrationslager (KZ) auf die Kanalinsel Alderney verschleppt und in einem Viehwagen in Richtung Neuengamme gebracht. Der damals 17-Jährige hatte Glück, dass belgische Widerstandskämpfer den Zug aufhielten und die Insassen befreiten (5. September 1944). Er fand Unterschlupf bei einer Familie, bis die Alliierten Belgien befreiten.
Im Dezember 1946 gelangte er auf einem französischen Schiff nach New York. Er heiratete 1954 eine Mexikanerin, wurde in die US-Armee aufgenommen und in Deutschland stationiert. In dieser Zeit besuchte er Rodalben, wollte aber „schnell wieder weg“, weil „zu viele schlechte Erinnerungen“ aufkamen. Neuberger wohnte mit seiner Familie später in Florida. Er starb 2016. Sein Bruder Fritz hatte das Dritte Reich nicht überlebt, er wurde am 30. Mai 1941 im KZ Majdanek ermordet, und auch die Eltern wurden in einem Lager in Polen umgebracht. Schwester Anneliese war von den Eltern bereits 1937 zu Verwandten in die USA geschickt worden.
Taufe hat sie belastet
Hilde Mann äußerte sich nicht zu ihrem Schicksal. Ihren Lebensweg nachzuverfolgen, gelang nur anhand von Dokumenten und Berichten ihrer Kinder Stephanie und Ron, die Rodalben im Oktober 2018 einen Besuch abstatteten. Auch Hilde Mann kam im März 1939 zunächst in La Guette unter, danach ebenfalls nach Bourboule und von dort ins Château de Chabannes. Als das Château geräumt werden musste, fand sie mithilfe von Widerstandskämpfern ein Versteck im Raum Grenoble, ehe sie mit 20 anderen jüdischen Mädchen in der Pilgerherberge Sainte Baume in der Provence aufgenommen wurde – unter dem Namen Helene Mehlinger. Die Rodalberin ließ sich taufen, was sie sehr belastete.
Die Landung der Alliierten in Südfrankreich am 15. August 1944 rettete sie vor der Verschleppung in ein KZ. Sie arbeitete zuerst in einem Privathaushalt in Paris, zog 1948 mit ihrem Bruder Heinrich in die USA, heiratete, bekam zwei Kinder, arbeitete in einem Kaufhaus in Baltimore und erneuerte ihren jüdischen Glauben. In den USA traf sich die Familie nach dem Krieg – die Mutter war allerdings Ende 1944 im KZ Stutthof hingerichtet worden. Hilde Mann starb 2015 mit 88 Jahren. Den Aussagen ihrer Kinder zufolge hatte sie sich bis ins Alter schuldig gefühlt, dass sie überlebt hatte.
Leben nach dem Krieg wieder aufgebaut
„Gerade die handschriftlichen Dokumente der Kinder, die Fotos von ihnen und ihren Eltern und Geschwistern, die Berichte dieser ehemaligen Pirmasenser, Waldfischbacher, Rodalber Kinder und Eltern schaffen einen ergreifenden Zugang, was die Verfolgung in Nazideutschland, der Holocaust und der Zweite Weltkrieg für diese Menschen konkret bedeutet hat“, betont Streppel. „Von dem, was diese Kinder nach dem Krieg aufgebaut, wie sie verzweifelt nach ihren Eltern und Verwandten gesucht haben, Ausbildungen beendet oder angefangen, Familien gegründet haben, können wir sehr viel lernen.“