Kreis Südwestpfalz Als wäre tatsächlich eine Seuche ausgebrochen

91-91131757.jpg

Ausbruch der Maul- und Klauenseuche (MKS), einer der wirtschaftlich verheerendsten Tiererkrankungen, auf einem Bauernhof in Herschberg: Dieses Szenario wurde dort vergangene Woche in Echtzeit bei einer landesweiten Übung trainiert. Beteiligt waren Veterinäre der Kreisverwaltungen Pirmasens und Kaiserslautern sowie der Gefahrstoffzug des Kreises Kaiserslautern.

Die einschlägigen Richtlinien der Europäischen Union zur Bekämpfung besonders gefährlicher Tierseuchen – darunter fallen MKS, Schweinepest und Geflügelpest – schreiben vor, dass die Veterinärbehörden regelmäßig Simulations- und Echtzeitübungen zur Optimierung der Einsatzbereitschaft vornehmen. Dies geschah nun zusammen mit dem Saarland und Luxemburg. In Rheinland-Pfalz gibt es für Tierseuchen einen Notfallplan. Grundlage dafür ist das Tierseuchenbekämpfungshandbuch des Bundes. „Die Vorbereitungen für die Gesamtplanung einer solchen Übung umfasste mehr als ein Jahr“, sagte der rheinland-pfälzische Umweltstaatssekretär Thomas Griese gegenüber der RHEINPFALZ. „Die übenden Einsatzkräfte hatten keine Vorlaufzeit und sind spontan mit den Verdachtsfällen beziehungsweise dem Ausbruch der MKS konfrontiert worden.“ Soweit die Theorie. Die Kreise hatten sich in der Woche davor bereits auf das Szenario vorbereiten können. Geübt wurde in sechs Regionalverbünden. Im Verbund Westpfalz waren dies die Kreise Birkenfeld, Kaiserslautern, Kusel und der Übungsausrichter Südwestpfalz. Laut Drehbuch hatte ein Milchbauer aus Herschberg bei einigen Rindern Leistungsabfall und Fieber, Schmatzen und Speicheln beobachtet, ferner Trippeln und ruckartiges Anheben der Füße – als ob sie Schmerzen hätten. Bei genauerem Hinschauen entdeckte er schließlich flüssigkeitsgefüllte Bläschen im Maul- und Klauenbereich. Die Alarmglocken läuteten. Er rief seinen Tierarzt an, dieser den Amtstierarzt. Schließlich sperrte der Milchbauer die Zufahrt zum Hof. Montag, 11 Uhr, Herschberg. Zwei in der Tierseuchenbekämpfung erfahrene Veterinäre aus Potsdam erwarten zwei Veterinäre von den Kreisverwaltungen in Kaiserslautern und Pirmasens. Die unabhängigen Beobachter sollen deren Arbeit beurteilen. Jeder Schritt wird beäugt: vom Anlegen des Einweg-Overalls und den Dienst-Gummistiefeln bis hin zur späteren Sprühdesinfektion. Was geschieht zum Beispiel mit den Stallungen, dem Futter und der Gülle? Offene Fragen. Im Betrieb hieß es zunächst, dem Verdacht nachzugehen, also zum Beispiel Speichelproben zu nehmen. Anhand von Lehrfotos werden die Symptome begutachtet. Als nicht einfach zeigt es sich, trotz des zentralen Rindermelderegisters in München, sich einen Überblick über den Bestand und die Organisation des Betriebes zu verschaffen. Dienstagmorgen. Der Gefahrstoffzug des Kreises Kaiserslautern ist angerückt. An der Absperrung werden Schilder aufgestellt. Dekontamination ist angesagt. Den Spezialisten der Wehren gelingt es durch Improvisieren relativ schnell, eine Schleuse für Fahrzeuge aufzubauen. Die Frage entsteht: Welches Dekontaminationsmittel ist bei der Temperatur um null Grad wirksam? Und was macht man mit den Leuten drinnen? Die Lösung: eine Personenschleuse mit Warmduschen. Ein weiteres Problem: das Sammeln und Entsorgen der Einsatzmittel. Hintergrund für die rigorosen Maßnahmen bei MKS ist, dass bei der Seuche eine mindestens drei Kilometer breite Sperrzone um den Betrieb gezogen wird. Sowohl Fahrzeuge als auch Personen dürfen diesen Bereich dann nur nach einer Reinigung und Desinfektion verlassen. Im Umkreis von mindestens zehn Kilometern wird eine Überwachungszone eingerichtet. Im Ernstfall dürfen die Tiere nicht tierärztlich behandelt werden. Sie sind an Ort und Stelle per Stromstoß zu töten, in der Fachsprache: zu keulen. Dies betrifft nicht nur den Ausbruchsbetrieb, sondern auch Kontaktbetriebe. Keine angenehme Aufgabe für das Tötungsteam. Griese: „Für den Transport in die Tierkörperbeseitigungsanlage gelten besondere Vorsichtsmaßnahmen. Milch aus infizierten MKS-Betrieben wird ebenfalls in der Anlage beseitigt und gelangt nicht in den Handel.“ Der mitwirkende Landwirt zeigte sich von der Übung beeindruckt: „Wir haben an den zwei Tagen einiges dazugelernt. Hoffentlich kommt es nie zu einem Notfall.“ Um die Schwachstellen aufzudecken, wird eine intensive Nacharbeit der Übung folgen. Für eine Bauernfamilie stelle ein MKS-Fall eine enorme Belastung dar, hat der Milchbauer festgestellt. So werde der finanzielle Verlust im Ernstfall von der Tierseuchenkasse „hoffentlich ausgeglichen“. Intensive Zuchtarbeit über mehrere Jahre sei aber dahin. „Ein Makel bleibt immer“, sagt der Landwirt. Und die Unsicherheit. Denn das Virus ist gegenüber Umwelteinflüssen sehr widerstandsfähig. Es kann mehrere Monate außerhalb des Tierkörpers seine Infektionsfähigkeit behalten. Über Vögel und Wind ist ein Weitertragen über große Distanzen hinweg möglich. An der zweitägigen Übung nahmen neben zwölf freiwilligen landwirtschaftlichen Betriebe auch zwei Molkereien, die Tierkörperbeseitigungsanstalt, der Katastrophenschutz, das Technische Hilfswerk und einige Feuerwehren teil. Eine Reihe von Fahrbewegungen wurde dabei lediglich simuliert. Auch die Bundeswehr mit ihren Veterinären war im Einsatz. „Bei einem ausufernden Geschehen käme auch das Landeskommando Rheinland-Pfalz hinzu“, erläuterte Griese. Nach Angabe des Umweltministeriums arbeiteten in den Übungsbetrieben rund 50 Einsatzkräfte. Im Koordinationszentrum im Ministerium waren 25 Experten aktiv. Insgesamt nahmen an der Übung über 600 Einsatzkräfte teil. „Das Risiko des Ausbruchs einer Tierseuche ist immer da“, hatte Übungsleiter Wolfgang Naujok vom Referat Tiergesundheit zu Beginn der Übung gesagt. Kurz darauf wurde der Nachweis des gefährlichen Subtyps H5N8 der Vogelgrippe bei Wildvögeln in Nord- und Ostdeutschland bestätigt – und dabei handelte es sich nicht um ein Übungsszenario. Beim Ausbruch einer Tierseuche kommt es besonders auf die Koordination aller Beteiligten an. Die Überprüfung der Kommunikationswege sei daher eine Hauptaufgabe der Übung gewesen, betonte Griese. In jedem Krisenzentrum habe es eine Pressestelle gegeben. Allerdings durfte die Stelle in Kaiserslautern nach eigener Angabe keine Informationen über die Übung an die Öffentlichkeit geben.

x