Zweibrücken / Rieschweiler-Mühlbach
Als die Bomben Zweibrücken fast vollständig zerstörten
Tick-Tack, Tick-Tack. Wenn Rita Folz daheim ist, kein Radio läuft, der Fernseher ausgeschaltet ist, dann hört sie manchmal das Ticken der Uhr in ihrer Wohnung. Tick-Tack. Tick-Tack. Das Ticken nimmt die 87-Jährige mit auf eine Reise in die Vergangenheit, in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, genauer an den Abend des 14. März 1945. Dann sitzt sie wieder am Tisch in der elterlichen Wohnung in Rieschweiler-Mühlbach, spielt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Ingo sowie dem bei der Familie einquartierten Soldaten Mensch-ärgere-dich-nicht. Der Vater ist im Krieg, bei der Marine. Das Radio läuft. Und aus dem Radio dringt das Ticken der Uhr und die Stimme des Sprechers, die sagt: „Feindliche Fliegerverbände befinden sich im Anflug auf das Reichsgebiet.“
„Über der Kirche war der Himmel feuerrot“
Kurze Zeit später, Folz schätzt so gegen 19.30 Uhr, sei ein einzelner Flieger zu hören gewesen. „Ein Aufklärungsflieger vermutlich.“ Etwa eine halbe Stunde später sei das Dröhnen vieler Maschinen zu hören gewesen, kurze Zeit später habe der Boden gebebt. Untrügliche Zeichen einer nahen Bombardierung: „Irgendwo in der Nähe ist ein Angriff.“ Ihre Familie lief in Richtung Ortsmitte, die damalige Hindenburgstraße (heute Rieschweilers Bahnhofstraße) entlang in Richtung Kirche, wo sie in einem Keller Schutz suchte. „Über der Kirche war der Himmel feuerrot“, erinnert sich die damals Zehnjährige. Dass es Zweibrücken war, das da untergegangen war, erfuhren die Menschen im Dorf erst tags darauf. „Wir dachten, es habe Homburg getroffen.“
Rita Folz ist im Februar 1935 in Bad Neuenahr geboren, kam 1938 mit Vater und Mutter nach Rieschweiler. Ihr Vater hatte beim Bau des Westwalls Arbeit als Elektriker gefunden. Zwei Jahre später kam Bruder Ingo auf die Welt, der immer noch in Rieschweiler lebt. Bei Kriegsende war sie zehn Jahre alt. Auch heute noch, 77 Jahre später, lässt sie die Zeit nicht los. „Es war eine schreckliche Zeit“, sagt sie. „Es ist Teil meines Lebens, ich verdränge es nicht.“ Auch um ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiterzugeben, berichtet sie als Zeitzeugin immer wieder von ihren Erlebnissen. „Es gab damals auch ein Besinnen auf die Zusammengehörigkeit“, findet sie. Die Menschen steckten alle in der gleichen Notsituation, das schweißte zusammen. Aber: „Man darf nie vergessen, dass wir damals in einer Diktatur lebten“, mahnt sie. So ließen die Menschen immer eine gewisse Vorsicht walten. Die Angst, denunziert zu werden, sei immer sehr groß gewesen.
Viele Nächte auf einem ausrangierten Autositz
Zurück in den letzten Kriegswinter 1944/1945. Eine Tasche für Notfälle, mit etwas Geld, den Papieren, einigen Lebensmitteln, habe immer fertig gepackt gestanden. Fliegeralarm gehörte damals seit Monaten schon zum Alltag der Bevölkerung, auch auf dem Land. Tagsüber kamen Jagdbomber, die im Tiefflug über die Dörfer flogen, nachts wurde die Westpfalz von Bomberverbänden überflogen, die ihre Bomben auf größere Städte, etwa auf Ludwigshafen oder Mannheim abwarfen. Rita Folz erinnert sich an einige Nächte in einem nahe dem Wohnhaus, unter der Bahnlinie gelegenen Gewölbekeller, in dem drei bis vier Familien Zuflucht fanden. „Einige haben ihre Matratzen und Decken auf den dort gelagerten Kartoffeln ausgebreitet“, erzählt Folz. Sie selbst verbrachte viele Nächte auf einem ausrangierten Autositz, der im Keller stand. Eines Nachts sei sie im Schlaf aus dem Sitz gerutscht und habe ihn in der Dunkelheit nicht mehr gefunden. Bis schließlich ein Mann, der ebenfalls die Nacht im Schutzkeller verbrachte, sie mit seiner Taschenlampe wieder auf die richtige Spur gebracht habe.
Rieschweiler-Mühlbach, damals noch die zwei Ortschaften Rieschweiler und Höhmühlbach, wurde von Bomben nicht verschont. Am 16. Dezember 1944, erinnert sich Folz, traf es bei einem Bombenabwurf die Familie Simon: Ein Kind starb, die Mutter verlor einen Arm, ein weiteres Kind wurde verletzt.
Dann kommen die Panzer
Knapp eine Woche nach dem verheerenden Angriff auf Zweibrücken kommen dann am 20. März 1945 die Amerikaner in die Westpfalz. Von Frankreich her marschieren sie ein, übernehmen kampflos Zweibrücken. Nach Rieschweiler kommen sie entlang des Schwarzbachs, betreten das Dorfgebiet an den beiden Mühlen und am Bahnhof vorbei. Rita Folz erinnert sich noch gut. Erst sei ein Rütteln zu hören gewesen, ein näher kommender Sherman-Panzer der US-Streitkräfte, gefolgt von einem Jeep. „Ich sehe heute noch den Fahrer und den Beifahrer im Jeep vor mir, und auf der Rückbank lag eine Gitarre“, schildert sie den Moment, als sie zum ersten Mal amerikanische Soldaten sah. Ein Soldat („Das war womöglich der erste dunkelhäutige Mensch, den mein Bruder gesehen hat“) sei ausgestiegen und habe ihrem Bruder Ingo ein Bonbon angeboten. Der habe aber laut geschrien und abgelehnt.
Die Brücke, die heute nahe der Straße „In der Sperr“ wieder in der Bahnhofstraße über den Schwarzbach führt, war in der Nacht zuvor gesprengt worden. Unnötigerweise, wie sich Rita Folz erinnert. „Die Panzer und die Jeeps konnten über die Trümmer hinweg fahren.“ Auch die in der Hauptstraße, die damals Adolf-Hitler-Straße hieß, errichtete Panzersperre (zwischen Alter Tankstelle Reichert und ehemaligem Blumenhaus Franke) erwies sich als wirkungslos: Die Amerikaner hatten sie einfach umfahren, waren nicht von Dellfeld aus angerückt. Der Krieg in der Westpfalz war vorbei.
Dieser Tage kann sie keine Nachrichten schauen
Folz zog nach ihrer Hochzeit im November 1958 nach Zweibrücken, heute lebt sie in der Hinteren Ixheimer Straße in dem Haus ihrer Schwiegereltern, das den Angriff im März 1945 (schwer beschädigt) überstand. 77 Jahre nach dem denkwürdigen März 1945 tobt in Europa abermals ein Krieg, Russland hat am 24. Februar sein Nachbarland Ukraine überfallen. „Ich kann es nicht kucken“, erklärt Rita Folz, warum sie den Fernseher zur Nachrichtenzeit eher auslässt. Und wenn sie vom russischen Präsidenten Putin spricht, fällt ihr ein Zitat ihrer Mutter Adele ein, die vor einigen Jahren mit fast 100 Jahren gestorben ist. „Rita“, habe ihre Mutter immer gesagt, „schau dem Mann in die Augen. Der ist böse.“
Info
Heute, Montag, findet um 18 Uhr ein Friedensgebet in der Heilig-Kreuz-Kirche statt. Ebenfalls für 18 Uhr lädt die Paneuropa-Union zu einer Demonstration auf dem Schlossplatz im Gedenken an die Bombardierung Zweibrückens und gegen den Krieg in der Ukraine ein.
Wie haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, den 14. März 1945 erlebt? Möchten Sie uns davon berichten? Gibt es möglicherweise noch Fotos aus der Zeit? Dann melden Sie sich, Telefon 06332 922140 oder per E-Mail an redzwe@rheinpfalz.de