Mauschbach
Ängste bei Mensch und Tier: So arbeitet der Pferdeflüsterer der Südwestpfalz [Video]
Eine junge Frau hat mit ihrem Pferd einen schweren Unfall. Beide sind verletzt. Beide erholen sich von dem schlimmen Ereignis. Doch nichts ist mehr wie vorher. Die Ängste sind noch immer da. Das Vertrauen ist zerstört. Die Frau traut sich nicht mehr, ihr eigenes Pferd zu reiten. Sie kann noch nicht einmal ruhig vor ihm stehen. Das geht über ein halbes Jahr so. Schließlich bittet sie Pferdepsychologe Michael Weil um Hilfe. Da sie in der Schweiz wohnt und er in der Südwestpfalz, schaltet er sich über Videokonferenz zu und gibt Tipps.
„Sie sollte zu ihrem Pferd in die Box gehen, den Blick nach unten gerichtet. Denn Blickkontakt heißt für Pferde: ,Achtung, jetzt passiert was.’ Das erhöht die Aufmerksamkeit.“
Dann sollte die Reiterin ihr Pferd langsam und vorsichtig striegeln, es am Strick aus der Box zu führen und wieder hinein. Immer viel loben dabei. Schritt für Schritt entstand wieder eine Bindung zwischen ihr und ihrem Pferd. „So hat sie ihre Sicherheit wieder gefunden. Schließlich konnte sie ihr Pferd wieder reiten“, erinnert sich der Pferde-Experte.
Stute hat panische Angst vor Männern
Er wird häufig kontaktiert, wenn Menschen Probleme mit ihren Pferden haben. Dabei kam der 67-Jährige ganz zufällig zu seiner Berufung. Alles begann mit Stute Celine, ein Pferd seiner Frau Claudia, die zuvor in Zweibrücken und jetzt in Mauschbach die Werbe-Werkstatt betreibt. Celine stammte aus einem Sportstall, in dem sie wegen ihres ausgezeichneten Stammbaums zum Springpferd ausgebildet werden sollte. Dabei muss sie grausame Dinge erlebt haben. „Sie hatte riesige Angst vor Männern. Wenn sie nur eine Männerstimme hörte, hat sie im Stall randaliert, gegen Wände getreten und war total panisch“, erzählt Weil. Er blickt auf die Koppel, wo die mittlerweile 27-jährige Stute ein paar Meter weiter seelenruhig an einem Heunetz knabbert. Damals war eine solche Nähe zu einem Mann undenkbar. Beim Tierarzt musste die Stute festgebunden und manchmal sogar sediert werden.
Als Weil die Stute kennenlernte, wusste er nicht, dass sie ein Angstpferd ist. „Ich hab’ sie an meiner Hand riechen lassen und vorsichtig ihre Nüstern gestreichelt“, schildert Weil seinen ersten Kontakt mit Celine. Der Kontakt zu dem Pferd habe sich von Besuch zu Besuch immer weiter intensiviert.
Von internationalen Experten gelernt
Einige Jahre habe seine Frau seine Verbindung mit Celine beobachtet. Als Weil von seinem Job in der Unfallforensik in Mannheim mit 63 Jahren in Rente ging, meldete sie ihn eigenhändig am Tierpsychologischen Zentrum Saar in Schmelz für ein Studium in Pferdepsychologie an. „Neben dem Studium habe ich dann Reiten gelernt, beim Barockreiter Thorsten Milz in Gundersweiler bei Rockenhausen.“ Bei der Barockreiterei werden Pferde nach klassischen Dressurregeln ausgebildet. Das Pferd soll ohne Gewalt in Einklang mit seinen natürlichen Anlagen und Fähigkeiten trainiert werden.
An der Uni lernte Weil auch Stefan Valentin kennen. „Das ist der erste Pferdeflüsterer Europas.“ Auch einer der berühmtesten Pferdetrainer der Welt, Jean Francois Pignons, gehörte zu seinen Lehrmeistern. „Ich habe zu beiden immer noch Kontakt.“
Pferde als „Trainingsgeräte“
Jetzt ist Weil examinierter Pferdepsychologe. Er gibt auch Seminare für Menschen in Führungspositionen – auch wenn diese gar nichts mit Pferden am Hut haben. „Das Pferd ist dabei ein Trainingsgerät. Nur wenn man Vertrauen und Sicherheit signalisiert, macht es freiwillig, was man will. Und so ist das mit Mitarbeitern auch.“
„Trainingsgeräte“ hat Weil genug: Neben Celine hält Weil nämlich noch sieben weitere Pferde in seinem Stall in Dietrichingen. Sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie hatten spezielle Eigenarten und Ängste, als Weil sie übernahm. „Ich arbeite mit ihnen ohne Stimme. Nur mit Gestik und Mimik“, erklärt er, läuft auf die Koppel und hebt eine Hand. Sofort trabt ein stolzer Friese auf ihn zu. Der siebenjährige Ramiro. Folgsam reagiert er auf Weils Zeichen, läuft um ihn herum, stellt sich ordentlich neben ihn und hebt abwechselnd das gewünschte Bein.
Auf Kommando stellt sich Ramiro sogar mit beiden Vorderbeinen auf ein Podest – ähnlich wie ein Zirkuspferd. Alles ohne Worte. Ohne Strick. Ohne Peitsche.
Pferd rennt 18 Jahre lang vor Besitzerin weg
Wie wichtig die richtigen Signale in der Kommunikation mit Pferden sind, vermittelt Weil immer wieder, wenn ihn Menschen um Rat fragen. So bei einer Frau aus Zweibrücken, die ihr Pferd schon 18 Jahre lang hatte. 18 Jahre lang konnte sie ihrem Pferd nicht sein Halfter anziehen, wenn sie es von der Koppel holen wollte. „Jedes Mal drehte sich das Pferd um und rannte weg“, erzählt Weil, der ihr direkt ihren Fehler klarmachen konnte: „Das Pferd macht genau das, was Sie von ihm verlangen, denn Sie schicken es weg“, habe er der Frau gesagt. „Sie hat sich jedes Mal vor ihrem Pferd groß gemacht, wenn sie ihm das Halfter anziehen wollte. Damit hat sie es weggeschickt.“ Als sich die Besitzerin nach seiner Anleitung beim Halfteranziehen neben das Pferd stellte und nach unten sah, klappte plötzlich alles problemlos. „Die Frau war total verblüfft. Und sie hatte Tränen in den Augen.“
Pferdetrainer Weil gibt auch über die Volkshochschule Theorie-Seminare für Reiter und beim Reitverein PSG Althornbach Kurse, zu denen Teilnehmer ihre Pferde mitbringen können. Um alle Angebote unter einem Dach zu bündeln, will er bis nächstes Jahr in Mauschbach, wo er und seine Frau wohnen, ein Pferdetherapiezentrum errichten.
Dafür will er das 40.000 Quadratmeter große Gelände, einen ehemaligen Bauernhof in der Hauptstraße, umbauen. Wenn alles fertig ist, sollen ein Seminarraum, ein Bewegungsplatz, acht Pferdeboxen und ein großer Paddock zur Verfügung stehen. „Außerdem ist eine Solekammer zum Inhalieren für asthmakranke Pferde geplant“, ergänzt der Pferdetrainer.