Wir über uns Voller Körpereinsatz – Warum Arbeitsunfälle die Prinzessinnen des Leidens sind
Zwei Arbeitsunfälle innerhalb eines Dreivierteljahres: Man kann nun wirklich nicht sagen, dass ich nicht vollen Körpereinsatz für den Job zeigen würde. Letzten Sommer habe ich beim Bootcamp der Bundespolizei in Bad Bergzabern mitgemacht und bin vorm Wasserwerfer zu Boden gegangen. Jetzt, vor zwei Wochen, war vielleicht ein wenig Dusseligkeit im Spiel. Nach einem Fototermin in Annweiler bin ich über meinen Schnürsenkel gestolpert und slapstickmäßig auf alle viere gestürzt. Dabei sind die Schnüre neonorange, man kann sie eigentlich gar nicht übersehen. Aber egal. Resultat: einmal ein blutendes Knie, das mir bis heute mit einer Beule erhalten geblieben ist, und einmal eine geprellte Hand. Zweimal Aua, aber nichts Weltbewegendes , sind wir ehrlich.
Aber Stopp, da hat man die Rechnung ohne die Versicherung und alles, was dran hängt, gemacht. Arbeitsunfälle sind nämlich die kross gebratenste Extrawurst, die man sich vorstellen kann. Das fängt schon beim Arzt an. Ein normaler Hausarzt, nein, damit gibt sich der Arbeitsunfall nicht ab, der will einen „D-Arzt“ sehen. Diese Durchgangsärzte für Unfallchirurgie gibt’s nicht wie Sand am Meer. Mein Hausarzt sagte, ich solle zur Unfallchirurgie im Krankenhaus gehen. Da sitzt du da, mit deinem leicht lädierten Knie, während neben dir lauter hinkende, blutende und eingegipste Gliedmaßen auf Hilfe warten – und kommst dir dazwischen so dämlich vor.
Gönn dir
Ja, wer sich im Berufsalltag weh tut, darf sich auf eine Sonderbehandlung einstellen. Habe ich beim zweiten Fall wieder gemerkt. Die Hand schmerzte nach zwei Wochen noch immer und ließ sich nicht richtig bewegen. Lässt du den Arzt noch mal drübergucken, dachte ich mir. Diesmal ein D-Arzt mit Praxis, Krankenhaus wollte ich mir nicht noch mal geben. Terminvereinbarung am Telefon: unmöglich. Dauerbesetzt. Aber Halleluja, es gibt eine tägliche offene Sprechstunde: für Notfälle und – ja, Sie ahnen es, Arbeitsunfälle. Das Wartezimmer war geknackte voll, aber ich war ratzfatz dran. Ach Arbeitsunfall, gönn dir.
Leider hat dieses Prinzessinnenkleid des Leidens einen ziependen Reißverschluss. Der Bürokratiewahnsinn, der damit verbunden ist, sorgt nämlich fast für einen weiteren – mentalen – Arbeitsunfall. Meinen Unfallhergang habe ich geschlagene viermal schriftlich schildern müssen: beim Arzt, beim Arbeitgeber, bei der Berufsgenossenschaft und bei meiner privaten Unfallversicherung. Die BG hat sich dabei als besonders detailverliebt hervorgetan. „Waren Ihre Finger im Aufprallmoment ausgestreckt oder angewinkelt?“ „Welche Fallstrecke hat Ihr Körpergewicht bis zum Auffangen zurückgelegt?“ Was, bitte ...?! Elf (!) derartige Seiten musste ich ausfüllen. Handschriftlich. Wo ist eigentlich diese Digitalisierung, wenn man sie mal braucht? Wieso ist es nicht möglich, den Vorgang einmal festzuhalten, und die Stellen geben ihn dann untereinander weiter? Naja, Arbeitsunfall eben, für eine schnöde Weitergabe ist er sich zu fein, er will jedes Mal die volle Aufmerksamkeit.