Bad Bergzabern RHEINPFALZ Plus Artikel Video-Reportage: So hart ist die Ausbildung bei der Bundespolizei

Drei Tage können Schüler in die Arbeit der Bundespolizei hineinschnuppern.
Drei Tage können Schüler in die Arbeit der Bundespolizei hineinschnuppern.

Panther Challenge – drei Tage Trainingslager für die Bundespolizei in Bad Bergzabern. 95 junge Leute haben sich dem „härtesten Schülerpraktikum Deutschlands“ gestellt. Und RHEINPFALZ-Redakteurin Judith Hörle. Zwischen Selbstverteidigung, Hooligan-Einsatz und Wasserwerfern wird es auch mal blutig.

Während andere gerade gemütlich in die Sommer-Lethargie taumeln, am Pool alle viere von sich strecken und sich die Sonne auf den Bauch brutzeln lassen, sind die 95 Schüler, die übers Wochenende nach Bad Bergzabern gereist sind, von einem anderen Schlag. Denn sie wollen von sich wissen: Kann ich das „härteste Schülerpraktikum Deutschlands“ bestehen? Die Frage stelle ich mir auch. Größenmäßig falle ich zwischen den ganzen 14- bis 20-Jährigen zwar nicht auf, aber vom Alter her könnten die alle meine Kinder sein. Über den Fitnessgrad sprechen wir jetzt lieber gar nicht erst.

 

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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Ich sportele zu Hause zwar auch ein bisschen rum, aber schon bei der ersten Anhöhe, die wir im Laufschritt nehmen müssen, hängt mich die Jugend ab. Und die trägt dabei sogar noch ein paar Kilo mehr Uniform als ich. Weil ich nur einen Schnuppertag mitmache und mir die Tortur nicht drei Tage lang gönne wie der Rest, bekomme ich die Ausrüstung nachgeliefert und nur Weste und Helm verpasst. Welche Auswirkungen das noch haben wird, dazu kommen wir später. Die anderen müssen sich zusätzlich noch in Arm- und Beinschonern abhetzen. Gut zwölf Kilogramm schleppt hier jeder im Marschschritt über das riesige Areal der Bundespolizei in Bad Bergzabern.

Mit 39 Jahren ist Redakteurin Judith Hörle (vorne) mehr als doppelt so alt wie die anderen Teilnehmer.
Mit 39 Jahren ist Redakteurin Judith Hörle (vorne) mehr als doppelt so alt wie die anderen Teilnehmer.

„Man muss an seine Grenzen gehen“

Die veranstaltet die Panther Challenge nach 2019 zum zweiten Mal, in den beiden Corona-Jahren gab’s virtuelle Varianten. Die Idee dazu hatte damals die Bereitschaftspolizei in Deggendorf, und die Südpfälzer Kurstadt klinkte sich wie drei weitere Standorte ein. Seitdem kriegen jedes Jahr rund 500 Schüler hautnah Einblicke in die Polizeiarbeit – und werden mit jeder Faser auf ihre Tauglichkeit dafür geprüft. „Mann muss teamfähig sein, an seine Grenzen gehen und stressstabil agieren können“, macht Michael Sziele deutlich. Er ist Abteilungsführer in Bad Bergzabern, also die Nummer eins dort.

Liegestütze, immer wieder Liegestütze.
Liegestütze, immer wieder Liegestütze.

Und er weiß von den Nachwuchssorgen, die die Bundespolizei umtreiben. Denn nicht jeder Bewerber bringe tatsächlich die Voraussetzungen für den Beruf mit. Es habe Jahrgänge gegeben, in denen nur zehn bis 20 Prozent der Interessenten eingestellt werden konnten. Also überlegte man sich mit dem Schüler-Trainingslager ein Konzept, um schon im Vorfeld die Spreu vom Weizen zu trennen. Wer hier mitmacht, ist fit wie ein Turnschuh und hochmotiviert. Wenn schon 14-Jährige so eine Disziplin an den Tag legen, will ich mir natürlich keine Blöße geben. Dass ich meine Jugend eher unter Punkern im Angesicht von Polizeibeamten und nicht zwischen ihnen verbracht habe, lasse ich an dem Tag mal unerwähnt. Ist ja nun auch schon wieder 20 Jahre her. Und beim Strammstehen in drei Reihen mit Befehl-Rufen von vorne fühle mich binnen Sekunden wie Demi Moore in die „Die Akte Jane“. Den Spruch bringe ich an dem Tag auch nicht, würde ja eh keiner meiner Mitpraktikanten verstehen. Als der Film rauskam, waren diese alle noch nicht geboren.

Liegestütze, immer wieder Liegestütze

Der erste Tag der Panther Challenge beginnt genau so, wie man es von einem gescheiten Bootcamp erwartet: mit Liegestützen. Meiner absoluten Hass-Fitnessübung, weil ich so dünne Ärmchen habe. Zu meiner großen Schulterklopf-Freude schaffe ich alle, wenn auch nicht ganz so bodennah wie beispielsweise Vera neben mir. Die 18-jährige wird gleich meine Sparringspartnerin beim Selbstverteidigungstraining sein. Wir testen uns im Nahkampf, mit Stöcken und Boxhandschuhen aus. Bei Erstem stelle ich mich noch ziemlich unbeholfen an, das Zweite meistere ich ganz ansehnlich, wie ich finde. Und beim Dritten werde ich so übermütig, dass ich Vera aus Versehen fast einen Schlag mitten ins Gesicht verpasse. Es ist mir wahnsinnig peinlich und ich entschuldige mich überschwänglich. Aber die toughe 18-Jährige winkt nur ab und verzieht kein Gesicht. In ihrer Freizeit macht sie Kickboxen. Das hier ist wahrscheinlich alles Pillepalle für sie.

Mit Gummistöcken üben wir – Redakteurin Judith Hörle (links) und Schülerin Vera– den Nahkampf.
Mit Gummistöcken üben wir – Redakteurin Judith Hörle (links) und Schülerin Vera– den Nahkampf.

Sie wäre auch so eine Kandidatin für die GSG 9, denke ich mir, während ein ehemaliger Angehöriger der Elite-Einheit der Bundespolizei uns von deren Training und Einsätzen erzählt. Boah, da sind Kampfmaschinen. Das liegt außerhalb meiner Vorstellung. Fotos und Videos sind an dieser Stelle übrigens verboten. Niemand darf die Gesichter der Spezialeinheit zu Gesicht bekommen. Bei 120 Bewerbern pro Jahr – und da geht nur hin, wer’s richtig drauf hat – schaffen es nur acht bis zehn bis ans Ende der brutalen Ausbildungszeit. Höchstalter für eine der vier Spezialeinheiten Präzisionsschütze, Taucher, Fallschirmspringer oder schneller Zugriff ist 34 Jahre: Puh, aus der Sache bin ich raus. Bei den anderen funkeln die Augen.

Hampelmänner und Polizei-Polonaise

Damit wir uns heute mal so ein bisschen wie ein GSG-9-Angehöriger fühlen können, werden wir in voller Ausrüstung in unbekannte Gefilde geschickt. Ab in einen dusteren Keller, ohne zu wissen, was dort passiert. Nur die Hand an der Schulter des Vordermanns bringt Sicherheit, aufs Team ist Verlass. Als Polizei-Polonaise bahnen wir uns den Weg durchs Dunkel, bis plötzlich Discolicht aufflackert, Alarmsirenen aufheulen und Hindernisse zu überwinden sind. Aufregend.

Einsatz im dusteren Keller.
Einsatz im dusteren Keller.

Wie wichtig bei allem die Gemeinschaft ist, wird draußen wieder klar, wo sich meine Gruppe gerade mit Hampelmännern und Kniebeugen abstrampelt, bis der Letzte den Keller hinter sich gebracht hat. Immer zwei Teilnehmer halten dabei eine blaue Box fest. Was es damit auf sich hat? Die Box ist eine Spezialaufgabe. Sie darf nicht den Boden berühren, erzählen mir meine Gruppenmitglieder. Während der kompletten drei Tage! Und wie macht ihr das in der Nacht? „Wissen wir auch noch nicht.“ Der erste Überbrückungsversuch, die Box auf den Wasserflaschen abzustellen, hat schon mal nicht geklappt. Das Schloss der Box berührte 15 Minuten den Boden. „Ihr wisst, was das bedeutet“, rufen uns die Ausbilder zu, „15 Extra-Liegestütze.“ Na, klar.

Fußball-Hooligans im Zugwaggon

Dieser Teamgeist und die Zusammenarbeit waren auch das, was Manuel Fronmüller sofort gefallen haben. Der 20-jährige Südwestpfälzer hat 2019 an der Panther Challenge teilgenommen und ist heute Bundespolizist im zweiten Ausbildungsjahr. „Und die Wasserwerfer, die haben mich gleich gecatched“, erzählt er. Zu denen dürfen wir jetzt auch. Als Polizeikette schützen wir das Fahrzeug, das 10.000 Liter Wasser in sich trägt. Nach einer Fahrt übers Gelände treffen wir auf einmal auf eine Gruppe Demonstranten, die eine Sitzblockade auf der Straße macht. Dafür gibt’s Wasser marsch. Und dann werfen die G7-Gegner auch noch mit Steinen – aus Schaumstoff – auf uns. Das gibt noch eine Ladung Wasser. Beim Sprint auf die Demo-Gruppe wird mir das eingeschränkte Sichtfeld mit dem Riesenhelm allerdings zum Verhängnis, ich stolpere über irgendwas drüber und latze voll auf den Boden.

Wasserwerfer im Einsatz.
Wasserwerfer im Einsatz.

Hose kaputt gemacht, Knie kaputt gemacht. Aber ich werde gleich bestens versorgt. Für mich eilt sogar ein Sani-Wagen an. Und der fährt mich netterweise auch noch zur letzten Station des Tages: Einsatz in einem Zugwaggon. Ein ganzer Bahnsteig ist auf dem Bundespolizei-Gelände reell nachgebaut. Und dort macht eine Horde Fußball-Hooligans schon ordentlich Radau, als die Nachwuchs-Polizisten anrücken. Brüllen, gegen die Wände schlagen, Rumpoltern – die Statisten gehen voll in ihrer Rolle auf. Man kann kaum glauben, dass das selbst Bundespolizisten sind. Aber die Polizei-Praktikanten lassen sich von den Randalierern nicht aus der Ruhe bringen und bugsieren einen nach dem anderen Störenfried nach draußen. Respekt für diese Souveränität in solch jungem Alter.

Meine Knie haben den Boden geküsst.
Meine Knie haben den Boden geküsst.

Überhaupt erlebe ich an dem Tag reflektierte Jugendliche, die wissen, was sie können und wollen. Das beeindruckt schon. Auf die anderen wartet nun ein Grillabend und dann noch zwei Tage Durchpowern mit einem Wettkampf der neun Gruppen zum Abschluss. Da bin ich nicht mehr dabei. Ist wahrscheinlich auch besser für die Statistik meiner Gruppe.

Hooligans müssen zur Räson gebracht werden.
Hooligans müssen zur Räson gebracht werden.
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