Bad Bergzabern
Ungewöhnliche Brieffreundschaften zwischen Senioren und Drittklässlern
Sie hat als erste die Hand gestreckt, als es darum ging, eine solch ungewöhnliche Brieffreundschaft einzugehen. Elisabeth Starck-Engelsher wohnt seit vier Jahren in der Pro-Seniore-Residenz. „Ich habe schon viele Briefe geschrieben, aber ich hatte noch nie eine Brieffreundschaft“, sagt die ehemalige Ärztin, die lange in München gewohnt und praktiziert hat und aus Kapsweyer stammt. Sie freut sich darauf, Post von einem Schüler zu bekommen. Sie habe früher viele Briefe, auch nach England und in die USA, geschrieben, erzählt die Seniorin, die trotz der Einschränkungen in den vergangenen Monaten ihre gute Laune und ihre Gelassenheit behalten hat.
„Eine solche Situation habe ich noch nie erlebt, ich habe keine Angst, aber ich halte mich fern“, sagt sie zur Corona-Pandemie und deren Folgen. Unter anderem können Angebote wie der Chor, die Gymnastikgruppe oder das Tanzen in der Pro Seniore nicht mehr stattfinden und die Bewohner dürfen nur auf das Außengelände, wie die Leiterin der Einrichtung, Gabriele Rapp-Lauer, erzählt. Besucher dürfen seit Kurzem nach vorheriger telefonischer Anmeldung kommen. Einer pro Tag und Bewohner und getrennt durch eine Plexiglasscheibe. „Es war eine große Umstellung, aber die Bewohner waren oft einsichtiger als die Besucher“, so Rapp-Lauer.
Einsamkeit ist für Senioren ein großes Problem
„Wir wollen eine Brücke zwischen Alt und Jung bauen, es soll etwas Dauerhaftes entstehen“, schildert Seniorenreferent Rainer Brunck Sinn und Zweck des Projekts. Einsamkeit sei oft ein großes Thema bei älteren Menschen, „damit befassen wir uns schon lange“, so Brunck. Alt und Jung könnten sich durch die Brieffreundschaften nicht nur kennenlernen und viel voneinander lernen, es könnten auch Freundschaften entstehen. Und Senioren hätten noch gelernt, Briefe zu schreiben, was inzwischen leider aus der Mode gekommen sei. Aber Elisabeth Starck-Engelsher kann nicht nur Briefe schreiben, sie hat auch ein Smartphone. Whatsapp? Kein Problem.
Szenenwechsel. Zehn Schüler der Klasse 3a der Böhämmer-Grundschule brüten über dem ersten Brief an einen in ihren Augen wahrscheinlich uralten Menschen, den sie nicht kennen. Normalerweise sind es doppelt so viele Kinder in der Klasse, aber derzeit haben sie versetzten Unterricht. Die Steckbriefe der Senioren haben sie gelesen, ihren eigenen legen sie dem Brief bei. Viele sind aufgeregt, weil die RHEINPFALZ an diesen Tag da ist und ein Foto gemacht wird. Was sollte in einem Brief nicht fehlen? Welche Fragen könnte man stellen? Was von sich erzählen? Wie wird der Briefumschlag beschriftet? Grundsätzliches hat Referendarin Lara Loos für die neunjährigen Schüler schon mal auf die Tafel geschrieben.
„Was ist Suppenfleisch?“
Ihre eigenen Steckbriefe lesen die Kinder noch mal vor. Der achtjährige Nicki liebt Burger und hat Schuhgröße 37. Glücklich macht ihn seine Familie. Lisa mag es nicht, wenn sie ihr Bruder ärgert, und sie kann nicht gut lügen. Das Lieblingstier von Max ist das Eichhörnchen, er spielt gerne Fußball und mag kein Geschrei. Auch ihm ist die Familie wichtig, und er möchte eine Brieffreundschaft, weil ihm langweilig ist.
„Was ist Suppenfleisch?“, fragt eine Schülerin, die an eine 90-jährige Dame schreibt, die das als Lieblingsessen angegeben hat. „Das kannst du sie ja in deinem Brief fragen“, ist der Rat der Lehrerin. Am Schluss werden die Briefe vorgelesen, die die Kinder noch durch bunte Zeichnungen verschönert haben. „Ich freue mich, sie kennenzulernen. Dein Steckbrief hat mir sehr gut gefallen. Ich mag Nudeln mit Käsesoße“, steht in einem Brief. „Ich schreibe dir, weil mir langweilig ist, in der Schule mag ich die Pausen am liebsten. Was ist dein Lieblingsort in Bad Bergzabern?“, in einem anderen.
Noch werden Brieffreunde gesucht
Es verspricht, ein lustiger und lehrreicher Austausch mit den Senioren zu werden, den auch Schulleiter Christian Eberle gut findet. „Ich unterstütze das unbedingt“, sagt er. Es passe auch sehr gut in das Modellprojekt für ein nachhaltiges Rheinland-Pfalz, an dem Bad Bergzabern teilnehme. „Zusammenleben“ sei ein Baustein des Gesamtprojekts, so Eberle. „Die Schule ist ein Teil der Stadt. Wir möchten präsent sein. Jeder kann von jedem lernen. Mit diesem Projekt können wir Jung und Alt zusammenbringen“, meint Eberle.
Noch haben nicht alle 41 Kinder einen Brieffreund oder eine Brieffreundin. „Jetzt sind Senioren gefragt, die gerne schreiben, damit das Projekt und der damit auch verbundene Lerneffekt für die Kinder ein Erfolg wird. Es wird sicher für beide Seiten nicht langweilig“, verspricht Rainer Brunck.
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