Kreis Südliche Weinstraße „Unfassbar, wie jung die gestorben sind“
„Es geht mir zu Herzen“, sagt die 17-jährige Nancy, während sie zwischen den Gräbern des Ehrenfriedhofs Vorderweidenthal Unkraut jätet. Sie ist eine von elf Schülern, die zwei Tage lang auf dem Friedhof die mit Heidekraut bepflanzten Gräber der Gefallenen mit einheitlichen Kreuzen aus Sandstein gepflegt und die Wege und das Ehrenmal gesäubert haben. „Es ist ein gutes Projekt“, findet Ortsbürgermeister Volker Christmann.
Los ging es morgens um 8.30 Uhr. Viel Unkraut musste gejätet, die sandsteingepflasterten Wege von Moos befreit werden. Die Hecke wurde zurückgeschnitten, eine Hecke aus Kirschlorbeer gepflanzt und Laub geharkt. Mit Erfahrung und Gerätschaften steht den Schülern Gemeindearbeiter Franz Braun zur Seite. „Den Kirschlorbeer haben wir gepflanzt“, erzählen die 16-jährige Shaline und die 17-jährige Nancy. Die beiden sind allerbeste Freundinnen und wollen Kinderpflegerinnen werden. „Ich schätze es, dass ich hier sein darf. Ich hoffe, dass kein Krieg mehr kommt“, sagt Shaline. „Ich habe es jedem erzählt, dass ich hier bin, alle finden es gut“, fügt Nancy hinzu. Die 15 Schüler absolvieren in der Realschule plus des Alfred-Grosser-Schulzentrums Bad Bergzabern die Klasse „Keiner ohne Abschluss“, eine von zehn Klassen dieser Art in Rheinland-Pfalz. Ziel in diesen Klassen ist es, die Berufsreife zu erwerben. „Das bedeutet, die Schüler haben drei Tage Unterricht und zwei Tage Praktikum in einem Betrieb“, erklären ihre Lehrer Horst Götz und Peter Jung. Pfarrer Johannes Berthold aus Vorderweidenthal hat den Arbeitseinsatz im Religionsunterricht angestoßen und für jeden eine Mütze des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge mitgebracht. „In den Sprachen der Länder, in denen der Volksbund arbeitet, steht darauf: Wir arbeiten für den Frieden“, erklärt er. Lothar Wagner, der die Dorfchronik der Gemeinde geschrieben hat, erzählt, wie der Friedhof mit 77 Gräbern entstanden ist. „Die toten Soldaten lagen gefroren auf der anderen Straßenseite, wurden zunächst auf dem örtlichen Friedhof beerdigt und sollten 1955 nach Bergzabern umgebettet werden“, erklärt er den Schülern. Der Gemeinderat habe dann einen Beschluss gefasst, einen eigenen Soldatenfriedhof anzulegen, der 1957 offiziell eingeweiht wurde. „Der jüngste Tote war erst 16 Jahre alt, er liegt oben rechts“, weiß ein Schüler. Sehr berührt sind alle auch von drei Gräbern, in denen keine Soldaten bestattet sind. Die 14-jährige Erna Knorr wurde von Geschützen getroffen, als sie im Stollen, der den Einwohner als Schutz diente, Zuflucht suchen wollte. Kindergärtnerin Melitta Herder wurde von betrunkenen deutschen Wehrmachtssoldaten überfahren. Der 40-jährige Zivilist August Feldner wurde erschossen. Seine Töchter Anneliese und Erika sowie Rudi Schwarz waren als Zeitzeugen am Nachmittag bei den Helfern auf dem Friedhof. „Ich finde es unfassbar, dass so viele so jung gestorben sind“, sagt Joel nachdenklich, während er zwischen den Gräberreihen das Moos von den Steinen kratzt. „Es ist gewöhnungsbedürftig, vor so vielen Gräbern zu stehen“, sind die Gedanken von Steven. Maurice findet es wichtig, sich um solche Grabstätten zu kümmern. Wenn er die Schule beendet hat, will er zur Bundeswehr. (pfn)