Kapsweyer / Offenbach RHEINPFALZ Plus Artikel Tante Emma lebt

Nach Neujahr begannen Ruth und Edmund Schreck damit, den Laden in ihrem Museum einzubauen.
Nach Neujahr begannen Ruth und Edmund Schreck damit, den Laden in ihrem Museum einzubauen.

Was darf es sein? Zweimal Puddingpulver mit Vanillegeschmack, fünf Pfund Kartoffeln, ein Chianti in der Korbflasche und eine Tube Sigella Seiblank für die Bodenpflege. Gibt’s Rabattmärkchen? Natürlich, die Dame. Und zum Schluss ein klebriges Himbeergutsel für die Kleinen.

Wie kann man sich einen Einkauf vorstellen zu einer Zeit, als noch keine gewaltigen Supermärkte die Gewerbegebiete dominierten? Es war die Zeit der legendären Tante Emma und ihrer kleinen Läden mit dem überschaubaren, bedarfsgerechten Sortiment. In Offenbach hieß die Tante Emma hinter der Ladentheke Anna, genauer gesagt Anna Heck. Mehr als 20 Jahre lang versorgte sie in der Jakobstraße die dankbare Kundschaft mit Fleischwurst und Persil, aber auch mit Wolle und Bettwäsche, Speiseeis aus dem Eisbehälter, Vasenol-Pulver für den wunden Babypopo und wahrscheinlich mit dem neuen Dorfklatsch. Im Regal lag die „Bunte“, etwa mit der Schlagzeile „De Gaulle besucht Farah Diba“, und gleich daneben verlockte der Kaugummiautomat die Kinder, einen Zehner vom Taschengeld zu investieren.

Eine Erinnerung an lang vergangene Zeiten? Nein, Annas Laden lebt weiter – und zwar seit ein paar Wochen in Kapsweyer. Dort im „Fifty’s“, dem Museum der 50er-Jahre in der Hauptstraße 14, haben Ruth und Edmund Schreck Hunderte von Alltagsgegenständen aus der Nachkriegszeit zusammengetragen. Die Besucher können nachempfinden, wie man damals gelebt, geträumt und natürlich auch konsumiert hat. Da kommt der Tante-Emma-Laden als Ergänzung gerade recht. Die Ladeneinrichtung ist rundherum im Original erhalten – von den verglasten Schubladen, die einen Blick auf Knöpfe, Taschentücher und anderen Kleinkram erlauben, bis zur tresorähnlichen Geldschublade unter der Theke. Sogar das Emailleschild an der Eingangstür stammt aus den Fünfzigern und ist immer noch aktuell: „Das Berühren der Waren und Mitführen von Hunden ist verboten.“

Corona-Krise wirft alle Pläne durcheinander

Der Laden lag in Offenbach lange im Dornröschenschlaf. Deswegen ist das Ambiente heute zwar nicht mehr „wie neu“, aber doch genauso wie anno dazumal. Als Anna Heck in den 80er-Jahren ihr Geschäft aufgab, stand das Haus in der Jakobstraße leer – jahrzehntelang, erzählt Edmund Schreck. Der Laden blieb unberührt. Schließlich wurde das Anwesen im vergangenen Jahr verkauft. Der Hausbesitzer rief bei den Museumsmachern an und unterbreitete ihnen ein „sehr günstiges Angebot unter der Maßgabe, dass der Laden original erhalten bleibt“. Edmund Schreck konnte der Offerte nicht widerstehen, er räumte seinen alten Stall leer und begann nach Neujahr mit dem Einbau des Tante-Emma-Ladens. „450 bis 500 Stunden werde ich schon reingesteckt haben“, meint der museumsbegeisterte Rentner, den seine Freunde übrigens „Fifty“ nennen.

Die Corona-Krise warf alle Pläne durcheinander. Anfang Mai, am „Radel ins Museum“-Tag, sollte die neue Abteilung ursprünglich eingeweiht werden. Daraus wurde nichts. Ein neuer Termin wäre im August denkbar, wenn das Fifty’s sein fünfjähriges Bestehen feiert. Aber ob dieses Fest samt Einweihung stattfinden kann, steht noch in den Sternen, befürchten die Schrecks. Immerhin ist das Museum seit 13. Mai wieder geöffnet und einige Besucher haben Tante Emmas Reich bereits besichtigt. „Ich hab auch schon ein paar Anmeldungen aus Offenbach“, freut sich der Museumschef.

Einen Wunsch hat Edgar Schreck noch: Um das Laden-Sortiment zu ergänzen, sucht das Museum Originalverpackungen von typischen Waren aus den 50er-Jahren. Wer weiß, ob sich da nicht in manchem Keller oder Speicher was finden lässt.

Info

Fifty’s, das Livestyle-Museum der 50er-Jahre in Kapsweyer, Hauptstraße 14, hat keine festen Öffnungszeiten. Ruth und Edmund Schreck bitten Besucher um Anmeldung unter Telefon 06340 5140 oder mail@museum-fiftys.de. Die üblichen Vorsichts- und Hygienemaßnahmen sind einzuhalten. Der Besuch ist kostenfrei, doch Spenden sind willkommen. Mehr Infos unter www.museum-fiftys.de.
Wie früher konsumiert wurde, lässt sich nachempfinden.
Wie früher konsumiert wurde, lässt sich nachempfinden.
Die Ladeneinrichtung ist im Original erhalten, von den verglasten Schubladen bis zur tresorähnlichen Geldschublade und der Kasse
Die Ladeneinrichtung ist im Original erhalten, von den verglasten Schubladen bis zur tresorähnlichen Geldschublade und der Kasse.
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