Kreis Südliche Weinstraße Tagesablauf wie in einer Familie
„Beim Fußball bin ich sehr gut“, sagt der 18-jährige Osman. Er isst gerne Reis, Rindfleisch und Salat. Er geht zur Schule und möchte Computer-Fachmann werden, eine Familie gründen und Kinder haben. Ein Jahr lang war er von Somalia aus bis nach Deutschland unterwegs. Alleine. Er ist der Älteste und einzige Volljährige von neun Jugendlichen, die in der betreuten Wohngruppe des Jugendwerks St. Josef, einem Träger der Jugendhilfe, in Bad Bergzabern leben.
Die Gruppe mit Jugendlichen aus Somalia, Afghanistan, Gambia und Eritrea wohnt seit Juli 2016 im ehemaligen Hotel „Zur Linde“. Osman war der erste, der am 4. Juli vergangenen Jahres eingezogen ist. „Wir haben einen Mietvertrag für das ganze Hotel“, erzählt Antonius Faath, Bereichsleiter des Jugendwerks St. Josef, das derzeit an verschiedenen Standorten 153 junge Menschen ohne Eltern betreut, davon 53, die schreckliche Fluchten aus Ländern hinter sich haben, in denen Krieg herrscht. Der Jüngste ist sieben. Sie alle haben ihre Eltern verloren, die entweder tot sind oder von denen sie kriegsbedingt nicht wissen, wo sie sind oder ob sie noch leben. „Von den fünf Prozent Frauen, die sich alleine auf den Weg machen, werden viele abgegriffen und zur Prostitution gezwungen, deshalb sind es meist junge Männer, die sich auf den Weg machen“, erzählt der Erziehungsleiter für das betreute Wohnen, Gerhard Hübner. „Carpe Diem“, das bedeutet „Genieße den Tag“, steht an der Wand des Aufenthaltsraums und der Küche der Wohngruppe in Bad Bergzabern. Hier kochen, essen und spielen fünf Jugendliche. Weitere vier Jungs wohnen in der so genannten betreuten Wohngruppe plus zusammen, das bedeutet, sie können schon besser deutsch, sind selbstständiger und brauchen keine Rundumbetreuung mehr, sondern nur punktuelle Hilfe und Unterstützung. „Ziel ist die Verselbstständigung, es ist ein neues Konzept“, informiert Hübner. Die Sozialpädagogen Agneta Frees, Alex Tide und und Eva Wecker haben heute Dienst in der betreuten Wohngruppe, insgesamt wechseln sich sieben Mitarbeiter ab. Tag und Nacht. „Wir sind acht Stunden da, nachts meist zwölf Stunden“, informieren sie. Oberstes Ziel der Jugendlichen sei es, deutsch zu lernen, alle Jungs gehen in die Realschule des Alfred-Grosser-Schulzentrums. Zunächst in eine eigens eingerichtete Klasse, deren Schwerpunkt auf der deutschen Sprache liegt, bis die Schüler dann altersgerecht in die „normalen“ Klassen eingeschult werden können. Dass es funktioniert, beweist Osman. Das Gespräch mit der RHEINPFALZ kann er ohne Hilfe auf deutsch führen. Nach der Schule gibt es Essen, Hausaufgaben werden gemacht, Spiel, Sport, Arztbesuche stehen auf dem Programm, der Tagesablauf unterscheidet sich nicht von dem in einer Familie. Die Probleme schon. „Viele haben Schlafstörungen, wollen nicht alleine sein. Ein Junge hat aus Angst lange nur Bananen gegessen, weil er da sicher war, dass sie nicht vergiftet sind“, erzählen die Sozialarbeiter. „Sie merken auch, dass sie von einigen Gewohnheiten Abschied nehmen müssen“, erzählt Agneta Freese. Denn waschen, putzen und kochen gehört zum Tagesplan, für junge Männer war das meist in den Herkunftsländern nicht vorgesehen. Einige kannten weder eine Waschmaschine noch einen Trockner, geschweige denn die deutsche Mülltrennung, manche haben zum ersten Mal eine Ampel oder eine asphaltierte Straße gesehen, es gab viel zu lernen. Dazu trug auch ein Workshop mit Polizeibeamten bei. „Wenn es sich dann eingespielt hat, machen sie es total gerne“, ist die Erfahrung der Sozialarbeiter zu dem für die meisten Jugendlichen leidigen Thema putzen. Gekocht wird ebenfalls zusammen, um eine ausgewogene Ernährung zu gewährleisten. „Alle sind hochmotiviert, nicht nur in der Schule, sondern auch hier, oft lesen sie, bis es ins Bett geht“, sagen alle Betreuer. Fußball, die meisten spielen im Verein in Dierbach, und Fahrradfahren sind die beliebtesten Freizeitbeschäftigungen, auch Besuche im Jugendzentrum der Stadt gehören dazu. „Manche haben geweint, als wir ihnen ein gebrauchtes Fahrrad geschenkt haben“, erzählt Hübner. Der gemeinsame Fernseher im Aufenthaltsraum ist wenig gefragt. Alle Minderjährigen haben einen Vormund, in der Regel Mitarbeiter des Jugendamtes, das im Rahmen der Jugendhilfe Kostenträger ist. Anfeindungen gibt es kaum in der Kurstadt, aber es gibt sie. Einmal wurde „Attentäter“ auf den Briefkasten der Wohngruppe geschmiert, immer mal werden die Jungs mit „Verschwinde“ oder „Was willst du hier? Geh’ weg“ von öffentlichen Plätzen verscheucht. Sie für solche Situationen mental stark zu machen, gehört ebenfalls zu den Aufgaben der Betreuer. Osman verabschiedet sich, er geht zum Arzt, um sich eine Überweisung zu holen. Alleine. Was er sagen muss, hat er mit den Betreuern geübt. |pfn