Vorderweidenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Straftäter runderneuern Ehrenfriedhof

Arbeitseinsatz auf dem Ehrenfriedhof (von links): Volker Christmann, Sybille Merkel und Gerhard Schehl.
Arbeitseinsatz auf dem Ehrenfriedhof (von links): Volker Christmann, Sybille Merkel und Gerhard Schehl.

Wurzeln werden entfernt, neue Erde aufgebracht und 1400 Pflanzen Heidekraut gesetzt. Der Ehrenfriedhof in Vorderweidenthal wird seit Wochen runderneuert. Die Arbeit wird allerdings nicht von Gärtnern bewerkstelligt.

Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg legte die Gemeinde Vorderweidenthal einen Ehrenfriedhof für 77 im Krieg Gefallenen oder Getöteten an. Darunter ein 14-jähriges Mädchen aus dem Ort, das den Bomben zum Opfer gefallen war. 80 Prozent des Dorfes war zerstört. Hätten die Bürger nicht einen Rettungsstollen im Wald ausgebaut, wären es noch viel mehr gewesen. 1957 sollten die Toten nach Bergzabern umgebettet werden, was der Gemeinderat Vorderweidenthal abgelehnt hat.

Der Ehrenfriedhof mit den schlichten Steinkreuzen und den vor den Gräbern eingelassenen Personendaten liegt direkt neben dem kommunalen Friedhof. Er erfordert Pflege. 2007 wurde er mit Heidekraut neu angelegt, aber durch die heißen Sommer vertrocknete die Bepflanzung. Schön sah es nicht mehr aus.

Werbung fürs Gärtnern

Nun haben sich Patienten der forensischen Psychiatrie des Pfalzklinikums an die Arbeit gemacht. „Die Idee entstand durch einen persönlichen Kontakt von mir“, erzählt Ortsbürgermeister Volker Christmann, der an diesem Morgen bei der Pflanzaktion dabei ist. In der forensischen Psychiatrie werden Straftäter, die Gerichte aufgrund ihrer psychischen Erkrankung als nicht oder vermindert schuldfähig erklären, im Maßregelvollzug untergebracht.

Mit dabei ist auch die Mitarbeiterin des Pfalzklinikums, Sibylle Merkel, geprüfte Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung, die die Einsätze leitet. Im Pfalzklinikum ist sie zuständig für die Außenanlagen und bindet auch dort immer wieder Patienten ein. „Ich versuche zu vermitteln, wie toll Gärtnern ist, zu jeder Jahreszeit, sei es Rosenschneiden oder Unkraut entfernen“, sagt die begeisterte Gärtnerin. Und das Heidekraut, das gepflanzt werde, sei die erste Futterpflanze für Bienen und Hummeln.

Pläne für das Leben in Freiheit

Ihre „Lehrlinge“ sind auch heute bei eher ungemütlichem Nieselwetter eifrig bei der Arbeit. Sie sind zwischen 26 und 45 Jahre alt und haben im Schnitt bisher zwei bis drei Jahre im Pfalzklinikum verbracht. In einer Abteilung, die zunächst für sie geschlossen war. Körperverletzung, Drogenhandel, Widerstand gegen Polizeibeamte, sie haben sich einiges zuschulden kommen lassen. „Am Anfang dachte ich, ich komme nie mehr aus der geschlossenen Abteilung raus“, erzählt Tamara, die seit zweieinhalb Jahren im Pfalzklinikum ist. Sie ist suchtkrank und seit zwei Jahren clean. Im Sommer darf sie die Einrichtung verlassen, sagt sie. Dann will sie als gelernte Fleischereifachverkäuferin in eine Bäckerei wechseln. Sie ist die einzige, die eine Berufsausbildung hat.

Zwei Kevins arbeiten ebenfalls mit. Sie sind wegen Körperverletzung und Drogenhandel in der Abteilung, erzählen sie freimütig. Und sie wollen im Garten- und Landschaftsbau arbeiten, wenn sie wieder auf freiem Fuß sind. „Wir sind motiviert, auch durch Frau Merkel“, sagen sie, während sie Löcher für die Pflanzen ausheben. Der mit 26 Jahren Jüngste bei diesem Arbeitseinsatz kratzt eifrig die Fugen auf den gepflasterten Wegen zwischen den Gräberreihen sauber. Die Truppe ist angespornt.

Mehrere Einsätze

„Wir vermitteln viele in den ersten Arbeitsmarkt“, erzählt Gerhard Schehl, Leiter der Ergo- und Arbeitstherapie. 200 Patienten seien derzeit in der forensischen Psychiatrie untergebracht, davon würden 150 in einem ergo- oder arbeitstherapeutischen Projekt zwischen drei und sechs Stunden pro Tag arbeiten. „Es gibt keine Straftat, die es bei uns nicht gibt, der Aufenthalt ist von einem Jahr bis ungewiss“, erzählt Schehl.

Die Arbeitsgruppe wird heute nicht fertig mit dem Einpflanzen der 1100 Heidekrautpflanzen. Es wird nicht der letzte Einsatz sein, und es ist nicht der erste. Zehnmal waren schon Arbeitsgruppen da, immer in unterschiedlicher Besetzung. Die hohe Eibenhecke um den Friedhof wurde bereits vor Wochen geschnitten, der Grünschnitt gehäckselt und wieder ausgebracht. Volker Christmann ist froh über die Hilfe. Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) bezuschusst die Anlage mit rund 2000 Euro.

Damit die Pflanzen nicht wieder austrocknen, soll noch eine Wasserstelle eingerichtet werden. Ob es dann eine Berieselungsanlage geben oder von Hand gegossen wird, steht noch nicht fest. Und die Patienten aus dem Pfalzklinikum wollen auch dann wieder kommen, wenn alles fertig ist, um den Friedhof zu pflegen. „Wir ehren die Toten, wenn wir hier saubermachen“, sagt Kevin. Alle haben sich vorgenommen, ihr Leben zu ändern, wenn sie wieder in Freiheit sind.

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