Bornheim
Storchenzentrum wildert 17 Pflegestörche aus
Anfang April fangen Störche an zu brüten. Etwa einen Monat später schlüpfen die Küken. Im Juli verlassen die ersten Jungtiere ihr Nest. Ab dann gilt es für sie, fliegen zu lernen. Da viele mit ihrer Flügelspannweite von bis zu zwei Metern nicht gleich zurechtkommen, an Bäumen, Stromleitungen oder Hausdächern hängen bleiben oder Wind und Wetter falsch einschätzen, kann es zu Unfällen kommen. Manche fallen aber auch einfach aus dem Nest.
In der Pflegestation des rheinland-pfälzischen Storchenzentrums in Bornheim ist deshalb Ende Juli meist viel Betrieb. Über 30 Störche waren auch vergangene Woche noch dort. „Privatleute, Polizei, die Straßenmeisterei oder das Tierheim: Bei uns melden sich ganz viele Leute im Umkreis von bis zu 250 Kilometern und sagen uns, dass ein Storch in ihrem Hof sitzt oder liegt“, sagt der Leiter der Storchenscheune Christian Reis.
Tiere werden in Pflegescheune aufgepäppelt
Die verletzten Tiere kommen dann in die Pflegescheune nach Bornheim und werden dort wieder aufgepäppelt. Sobald sie wieder bei 100 Prozent sind, werden sie ausgewildert. Auch für die Storchendame Roxy soll es am vergangenen Sonntag nach langer Leidenszeit wieder in die Freiheit gehen. 2020 flog die aus Bobenheim-Roxheim stammende Störchin, damals als Jungtier, gegen ein Hindernis und brach sich den Flügel. Der lange Aufenthalt in der Storchenscheune ist unüblich. „Ein Jungstorch bleibt in der Pflege normalerweise etwa drei Wochen bei uns. Meistens sind es auch nur leichte Verletzungen. Teilweise können die jungen Tiere aber noch nicht richtig fliegen, und wir müssen ein paar Wochen warten, bis die Federn ausgewachsen sind“, erklärt Reis.
In der Pflegescheune bekommen die Störche Futter, haben ein Wasserbecken, um ihre Federn zu reinigen, bekommen Wundverbände, Wundsalben und Medikamente. Doch nicht alle Störche kommen zu Pflege nach Bornheim. „Um schwere Verletzungen kümmert sich der Tierarzt, der die Störche, wenn keine Aussicht auf Genesung besteht, auch einschläfert“, sagt Reis.
Zuerst falschen Storch eingefangen
So schlimm hat es Roxy zum Glück nicht erwischt. Reis ist sich sicher, dass die Störchin sich in der Wildnis zurechtfinden wird. Doch zunächst muss er sie aus der Scheune herausfangen. Um sie von den anderen Pflegestörchen zu separieren, treibt er sie in einen Nebenkäfig. Als er sie gerade packen will, fällt ihm auf: „Das ist gar nicht Roxy.“ Der Storchenexperte braucht nicht lange, um das richtige Tier zu finden. Schließlich kümmert er sich jeden Tag um die Storchendame. Roxy macht es ihm aber nicht leicht. Sie zeigt auch den gekommenen Zaungästen, das sind überwiegend Storchenpaten, dass sie wieder voll flugfähig ist, und fliegt auf ein kleines Dach in der Scheune.
Nach ein paar Versuchen gelingt es Reis dann aber doch. Er fängt die Storchendame aus der Luft, erzählt den Zuschauern noch etwas zu ihrer Geschichte und erklärt ihnen, was nun passiert. Roxy wird in eine spezielle Transportkiste gepackt. Diese kommt in das Auto ihrer Paten. Als Kolonne fahren dann Reis und die Zaungäste nach Mörlheim aufs Gelände der Golden-Grape-Ranch. Diese gestattet es dem Storchenzentrum, einen 36 Quadratmeter großen Käfig aufzustellen, wo die Störche vor ihrer Auswilderung Zeit verbringen und sich vier Tage an die Umgebung gewöhnen sollen.
Der erste Storch hebt ab und fliegt
Im Käfig warten bereits 16 Störche auf ihre Auswilderung. Seit vier Tagen sind sie dort, um sich an die Umgebung zu gewöhnen. Zu ihnen gesellen sich jetzt auch Reis und Roxy. Dann gibt’s für alle noch einmal Futter, ehe Reis den Käfig verlässt und die Tür offen stehenlässt. Die 17 Störche schauen noch etwas ungläubig, verlassen dann aber vorsichtig den Käfig und sind in Freiheit.
Etwas skeptisch streifen sie erstmal über die Wiese. Es dauert nicht lange, da versuchen die Ersten abzuheben. Noch ohne Erfolg. Ein Altstorch schwebt über ihnen und macht vor, wie es geht. Und nach etwa zehn Minuten in Freiheit ist es dann so weit: Der erste Pflegestorch hebt ab und fliegt.
Nach zwei Jahren ist Roxy endlich frei
Nach und nach schließen sich auch die anderen Störche an. So elegant wie der Altstorch, der neben dem Storchenkäfig sein Nest hat und ganz ohne Flügelschlag durch die Lüfte schwebt, fliegen die Jungtiere zwar noch nicht, doch immer mehr trauen sich. Und dann hebt auch Roxy vom Boden ab und ist nach zwei Jahren Pflege endlich frei.
„Die ausgewilderten Störche übernachten wahrscheinlich erst einmal auf dem Dach der Scheune. Nachdem wir sie ausgewildert haben, bleiben sie meist sieben bis zehn Tage in der Umgebung, ehe sie sich anderen Störchen anschließen und Richtung Frankreich ins Winterquartier fliegen“, sagt Reis. Die Störche werden in Mörlheim in den nächsten Tagen noch gefüttert, ehe Reis und sein Team die Rationen nach und nach reduzieren, bis die Störche auf sich allein gestellt sind.
Dieses Jahr weniger Bruterfolge
Reis ist seit über 20 Jahren im Bornheimer Storchenzentrum. Manche Störche seien über 25 Jahre alt und kämen Jahr für Jahr nach Bornheim, um Junge zu bekommen. In diesem Jahr seien es sogar etwas mehr Paare als im vergangenen gewesen. Der Storch befinde sich immer noch im Aufwind. „Die Störche haben dieses Jahr aber weniger Bruterfolge. Das liegt daran, dass wir ein sehr trockenes Jahr haben und der Regenwurm als Grundnahrungsmittel fehlt“, sagt Reis. Seien im vergangenen Jahr meist zwei bis drei Eier in jedem Nest gelegen, habe es dieses Jahr sogar Totalausfälle gegeben.
Viele Störche, die deshalb ihre Nahrung im bewässerten Gemüsebau suchten, seien dort an verschluckten Gummiteilen verendet. Ein Problem, dass nicht nur Störche, sondern auch andere Tierarten betrifft. Dennoch ist Reis mit dem Storchenbestand zufrieden: „Wir sind in der Südpfalz so ziemlich an der Obergrenze, was Weißstörche betrifft. Die Dichte ist gut, dass weitere Paare keinen Platz mehr haben.“