Roschbach
Störche vor Plastik und Gummi schützen
Maria Christmann geht gerne in Roschbach spazieren. Beim Gang durch den Weinort schaut sie auch gerne mal nach oben, denn im Dorf gab es dieses Jahr ein Storchennest. Als sie kürzlich am Ortsausgang Richtung Böchingen ihren Blick nach unten schweifen ließ, entdeckte sie in einem Storchengewölle etwas, was dort nicht sein sollte: Blitzbinder.
Die Gummibänder werden im Weinbau verwendet, um Weinreben anzubinden. Auch handelsübliche Gummis, die im Gemüsebau beispielsweise für Radieschen oder Frühlingszwiebeln genutzt werden, finden sich häufig in Feldern. Werden sie nicht entsorgt, können sie eine Gefahr für Störche darstellen. „Das wird immer wieder deutlich, wenn bei der Beringung Jungtiere mit abgeschnürten Gliedmaßen gefunden werden“, erklärt Jessica Lehmann, Leiterin des rheinland-pfälzischen Storchenzentrums in Bornheim.
Wieso Jungtiere besonders gefährdet sind
Gefährlich sind die Gummi- und Plastikteile auch dann, wenn die Störche sie fressen. Das kann schnell passieren. Wenn er über die Wiese oder das Feld läuft, pickt er das, was ihm gerade vor den Schnabel kommt. „Ein Altstorch spuckt im Regelfall Plastikteile und -gummis aus. Er würgt, wie Eulen, unverdauliche Essensreste heraus“, sagt Lehmann. Die Reste finden sich in sogenannten Gewöllen wieder.
Jungstörche hingegen können kein Gewölle bilden. Sie haben noch keinen Würgreflex. „Werden Jungtiere von ihren Elterntieren mit Gummibändern gefüttert, da sie diese mit Würmern oder Käfern verwechseln, kann es zu Darmverschlüssen kommen. Weiterhin reichern sich die Gummibänder im Magen der Störche an, sodass dieser gefüllt ist, aber der Storch hungert“, sagt Lehmann. Dies könne dazu führen, dass junge Störche mit „vollem Magen“ verhungern oder vorher von den Alttieren aus dem Nest geworfen werden, da sie nicht schnell genug wachsen und so den Anschluss zu den anderen Küken verlieren.
„Für das Thema sensibilisieren“
Das Storchenzentrum, die Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie (Gnor) und der Winzer- und Bauernverband Rheinland-Pfalz Süd wollen vermehrt Präventionsarbeit leisten, aufklären und für das Thema sensibilisieren. „Heftgummis haben ihren Platz am Stock, um ihn zu stabilisieren. Wenn sie nicht mehr gebraucht werden, haben sie im Weinberg nichts verloren“, sagt der Pressesprecher des Verbands, Andreas Köhr.
Der Verband kommuniziert aufgrund der Problematik verstärkt mit seinen Mitgliedern und informiert zum Beispiel auf Versammlungen und durch Rundschreiben. „Das Fachwissen kommt in der Regel aus dem Storchenzentrum, wir geben es dann weiter. Wir wollen die Problematik so in den Köpfen der Landwirte und Winzer verankern. Das hat an der ein oder anderen Stelle auch schon gefruchtet“, sagt Köhr.
Gummi nicht in den Biomüll
Laut Lehmann kann jeder tätig werden. So sollte darauf geachtet werden, Gummis nicht in den Biomüll zu werfen, da diese in den Kompostierwerken nicht immer gefunden werden. Denn dann landet der mit Gummi angereicherte Kompost auf dem Feld. Darüber hinaus sollte man in der Natur immer die Augen offen halten. „Findet man in Rebzeilen oder auf dem Acker vermehrt Müll oder Plastikpartikel, muss man sich überlegen, den jeweiligen Erzeuger anzusprechen oder die Flurnummer bei der Unteren Naturschutzbehörde zu melden“, sagt Lehmann.
Und wie sieht es mit Alternativen zu den Blitzbindern aus? „Eine biologisch abbaubare Alternative, die die gleichen Anforderungen erfüllt, ist mir nicht bekannt“, sagt Köhr. „Außer Weiden gibt es nichts, was nicht aus Kunststoff ist. Diese sind aber weniger haltbar, mit deutlich höherem Arbeitsaufwand verbunden und kosten mehr.“ Laut Lehmann wären im Handel zumindest andere Verpackungsformen für Gemüse möglich. Sie kämen jedoch nicht zum Zuge, da es zu wenig Nachfrage gebe.
Noch Untersuchungen nötig
Andreas Kortekamp, Leiter des Instituts für Phytomedizin im Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinpfalz versichert indes, dass die Blitzbinder lediglich zum Fixieren junger, frisch gepflanzter Reben im Weinberg verwendet werden. „Das Anbinden der Bogreben erfolgt mit Draht oder Weidenruten. Alternativ werden auch sogenannte Tapebänder in blauer Farbe, Bast oder Schnüre verwendet.“
Wie häufig Störche auf diese Weise verenden, lässt sich schwer beziffern. Zum einen lässt sich laut Lehmann nicht belegen, ob Gummis in gefundenen Storchenkadavern die Todesursache gewesen sind. Zum anderen könnten Störche hier Plastikmüll aufnehmen und erst auf dem Weg in den Süden daran sterben. „Eine Untersuchung im Raum Karlsruhe/Rastatt im vergangenen Jahr zeigte, dass jedes dritte Gewölle Plastikpartikel enthielt. Auf eine ähnliche Summe kam ich hier bei meiner Arbeit im Storchenzentrum auch. Valide ist diese Zahl jedoch nicht. Hier ist noch Untersuchungsarbeit nötig“, sagt Lehmann.
Grundsätzlich gehe es dem Storch aber gut. Laut einer Grafik des Storchenzentrums hat zwar die Zahl der flugfähigen Jungvögel seit 2018 etwas abgenommen. Im vergangenen Jahr gab es in Rheinland-Pfalz jedoch so viele Weißstorch-Brutpaare (412) und -Horstpaare (359) wie noch nie seit der Erfassung. Dass das so bleibt, dafür will auch Christmann sorgen. „Ich finde immer noch viele von diesen Blitzbindern. Ich habe da jetzt immer ein Auge drauf. Es wäre schön, wenn die Störche und ihre Jungen geschützt werden können.“