Bad Bergzabern RHEINPFALZ Plus Artikel Schneiderei schließt Pforten: Viele Kunden wollen Preise nicht zahlen

Juliane Bohrer ist traurig darüber, dass der Beruf der Schneiderin nicht mehr geschätzt wird.
Juliane Bohrer ist traurig darüber, dass der Beruf der Schneiderin nicht mehr geschätzt wird.

Die Änderungsschneiderei bei „Julaine“, einem Geschäft für Wolle und Stoffe, hat geschlossen. Die meisten Kunden wollen die Preise nicht bezahlen. Andere haben geweint. Was steckt dahinter?

Vor fünf Jahren hat Juliane Bohrer ihr Geschäft „Wolle, Stoff und Stuff“ in der Marktstraße 29 im ehemaligen Haushaltswarengeschäft Messer eröffnet. Mit Erfolg – bis heute. Im Geschäft werden auch nach der Schließung der Schneiderei weiterhin Wolle, Stoffe, Näh-,Strick und Häkelzubehör verkauft. Nach der Eröffnung kommen zu den 100 Quadratmetern Ladenfläche weitere 80 Quadratmeter hinzu, denn das Team wird um Textilingenieurin Gudrun Huck erweitert. Sie bietet Änderungen und Neuanfertigungen an. Und Nähkurse, die sehr gefragt sind. „Wir hatten gut zu tun, drei Viertel waren Änderungen ein Viertel Neuanfertigungen“, sagt Huck. Sie ist bekannt in Bad Bergzabern, 30 Jahre lang war sie Chefin der Nähstube Werling im Maxburgring.

Es ist eine perfekte Ergänzung für das Angebot des Ladens, finden damals Chefin Juliane Bohrer und Gudrun Huck, die als Angestellte bei Bohrer beschäftigt ist. Auch weil sich Kunden Stoffe gleich im Laden aussuchen können. Seit Kurzem sind die Räume der Schneiderei leer, eine Fortsetzung folgt nicht. Der Grund sind die gestiegenen Kosten. „Die Personalkosten haben sich wegen des Mindestlohns erhöht, was ich sehr begrüße“ sagt Juliane Bohrer. Gas- und Strom sei ein Drittel teurer geworden, die Einkaufspreise seien um zirka 15 Prozent gestiegen. Zudem habe sie während Corona zweimal insgesamt 180 Tage schließen müssen. „Wir mussten jetzt für die Dienstleitung in der Schneiderei anders kalkulieren und die Preise knapp verdoppeln“, nennt sie die Konsequenz der Kostensteigerungen. Denn in der Schneiderei seien 95 Prozent reine Personalkosten.

Viele Arbeitsschritte nötig

Als Beispiel der Kalkulation nennt sie die vielen Arbeitsschritte, die allein zum Kürzen einer Hose notwendig seien, vom Abstecken der Länge angefangen. „Wir haben eine Arbeitsstunde in der Schneiderei mit 36 Euro kalkuliert, es ist hochwertige, fachgerechte Arbeit und diesen Preis finde ich nicht übertrieben“, sagt Bohrer. Braucht also das Kürzen einer Hose eine halbe Stunde, kostet es 18 Euro. Die Konsequenz daraus hat Gudrun Huck erfahren. „Viele sind wegen der Preise wieder gegangen, Kunden haben wegen der Preise gelacht und unangemessene Bemerkungen gemacht“, erzählt sie. Ihre Stammkunden hätten teils geweint, weil sie aufhöre. Sie ist traurig darüber, dass der Beruf der Schneiderin nicht mehr geschätzt wird und ihre Profession eine Aussterbende ist.

Die Auszubildende, die in der Schneiderei gearbeitet habe, sei in der Berufsschule in Speyer die einzige gewesen, die den Beruf habe erlernen wollen, sagt sie. „Zudem gibt es zu viel billige Ware, da lohnt es sich für die Kunden nicht noch einen Reißverschluss einnähen zu lassen, wenn das Teil 40 Euro gekostet hat“, nennt Huck einen anderen Grund. Sie hat die Reißleine gezogen, weil sie ein verändertes Kundenverhalten in der Zukunft nicht sieht. Für sie ein Teil des Untergangs eines schönen Berufs, den es absehbar nicht mehr geben wird. „Nicht jeder kann einen Job bei einem Modedesigner haben“, sagt sie zu ihrem aussterbenden Beruf. Gudrun Huck arbeitet jetzt im Modegeschäft Deutschler, für das sie auch die Änderungen macht. Was jetzt mit den leerstehenden Räumen wird, weiß Juliane Bohrer noch nicht genau, zum Woll- und Stoffgeschäft werden sie nicht mehr gehören. Sie bedauert, dass die sehr gefragten Nähkurse derzeit wegfallen müssen. Gudrun Huck wird sie nicht mehr leiten, nach einem ganzen Arbeitstag ist es ihr zu viel. Derzeit werden Kinderkurse und Workshops für Stricken und Häkeln angeboten.

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