Kreis Südliche Weinstraße
Südpfälzer Jude zu Stolpersteinen: „Juden sind dabei eher lästig“
Herr Kottner, über Stolpersteine gibt es eine kontroverse Diskussion in der Südpfalz. Gegner sagen, diese Form des Gedenkens sei der Nazi-Opfer nicht würdig, weil diese – symbolisch betrachtet – erneut mit Füßen getreten würden. Sie vertreten dieselbe Haltung wie die Israelitische Kultusgemeinde in München, deren Vorsitzende Charlotte Knobloch sich immer gegen Stolpersteine ausgesprochen hat. Was stört Sie an dieser Form des Gedenkens?
Wissen Sie, die Lieblingsjuden der Deutschen sind tote Juden, sie heißen Herr und Frau Stolperstein. Das Jüdische findet in Deutschland in Gedenkstunden statt, und ich habe den Eindruck, man will Juden eigentlich nicht dabei haben, weil sie eher lästig sind. Auch nicht bei der Verlegung von Stolpersteinen.
Das stimmt nicht. Bei den Verlegungen der Steine sind meistens Angehörige der Opfer dabei.
Ja, das mag sein, aber sie wissen oft nicht, was geschieht, sind nicht aufgeklärt. Die Angehörigen kommen ja oft aus dem Ausland angereist, fühlen sich zunächst geehrt, dass etwas für ihre ermordete Oma oder wen auch immer getan wird.
„Wird Holocaust-Opfer nicht gerecht“
Das heißt, die Angehörigen dienen lediglich als eine Art jüdische Kulisse, können sich aber nicht aktiv einbringen?Das könnte man so sagen, ja. Denn es entscheiden doch andere über die Form des Gedenkens. Frau Knobloch hat absolut recht, dass durch die Stolpersteine noch mal auf den Opfern herumgetrampelt wird. Ich finde es auch problematisch, dass es nicht für jeden von den Nazis ermordeten Juden einen Stolperstein gibt. Es gibt sie nämlich nur für wenige ausgewählte Personen. Dadurch wird man der Zahl der Holocaust-Opfer nicht gerecht. Das ist eine Verzerrung der Realität. Ich sage, es sollte eine andere Form des Gedenkens geben – und zwar Tafeln an den ehemaligen Wohnhäusern der Opfer.
Es geht Ihnen also um Augenhöhe.
Absolut. Und diese Erinnerungsarbeit sollte auch nicht von Privatpersonen oder Vereinen organisiert werden, sondern von einer staatlichen Institution.
„Irre gute Geschäftsidee“
Glauben Sie – zugespitzt formuliert –, dass die Stolperstein-Idee des Künstlers Gunter Demnig nur eine pfiffige Marketing-Aktion für seine Kunst ist? Oder geht Ihnen das zu weit?Nein, das ist eine irre gute Geschäftsidee. Ein Stein kostet um die 120 Euro, aber wenn man mal hochrechnet, wie viele Steine inzwischen verlegt worden sind, dann ergibt das eine immense Summe. Ich habe einfach ein Problem mit der Kapitalisierung des Holocaust.
Befürworter der Stolpersteine argumentieren, dass dadurch die früheren Bewohner der Häuser, vor denen die Steine verlegt werden, wieder ihren Platz im kollektiven Bewusstsein erhalten, der ihnen von den Nazi-Mördern geraubt wurde. Denn in den Nachkriegsjahrzehnten blieben sie oft vergessen. Kein schlechtes Argument, oder?
Ja, schon. Aber ich bleibe dabei: Es darf nicht auf dem Boden sein. Gedenken ja, aber anders.
Sie sind Jude, wohnen in Steinweiler. Mitglieder ihrer Familie wurden Opfer des Holocaust. Was ist Ihrer Familie widerfahren?
Väterlicherseits sind einige Familienmitglieder ermordet worden, mein Vater hat die Shoah überlebt, weil er versteckt wurde. Ich wusste aber zunächst nicht, dass ich jüdisch bin. Meine Mutter hatte es mir verschwiegen. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt. Meine Mutter hat übrigens das Kunststück hinbekommen, mich katholisch taufen und gleichzeitig beschneiden zu lassen. Ich fühle mich aber heute als Jude und bin es auch auf dem Papier.
„Habe fast nur jüdische Freunde“
Wie lebt es sich als Jude in der Südpfalz?Darüber spricht kaum jemand mit mir, es wissen auch nur wenige. Die Leute sind aber meistens erstaunt, wenn ich es ihnen erzähle. Es gibt ja nicht so viele Juden in der Pfalz.
Würden Sie sagen, Sie unterscheiden sich wegen Ihrer jüdischen Identität von Ihren Nachbarn? Oder sind Sie ganz einfach ein Pfälzer und Einwohner von Steinweiler jüdischen Glaubens?
Nein, ich bin auch Pfälzer, da gibt es keine großen Unterschiede. Aber ich muss sagen, ich habe fast nur noch jüdische Freunde, das hat sich einfach so ergeben. Und interessanterweise sind alle, darunter auch ein Holocaust-Opfer, ebenfalls gegen Stolpersteine.