Billigheim-Ingenheim
Purzelmarkt: Staatsanwaltschaft ermittelt nach Unfall
Seit Jahr und Tag zieht der Billigheimer Purzelmarkt die Massen an. Einer der Höhepunkte des ältesten Volksfestes der Pfalz ist stets der historische Umzug Sonntag. Kunterbunt und voller Fröhlichkeit sind auch bei der 574. Auflage 49 Gruppen durchs Dorf in Richtung Purzelmarktwiese gelaufen und gefahren. Darunter die Alten Herren des TSV Fortuna Billigheim-Ingenheim. Auf einem Fahrradmobil der Marke Eigenbau strampelten zwölf Personen, im Schlepptau hatten sie den Purzelmarktkönig 2023, Yannick I. In der Landauer Straße wurde das bunte Treiben allerdings jäh gestoppt. Auf abschüssiger Strecke verloren die Fahrer die Kontrolle über das eigenwillige Gefährt und rasten in die Zuschauermenge. Acht Zuschauer, darunter vier Kinder, wurden angefahren und verletzt. Der Purzelmarktumzug wurde daraufhin abgebrochen – ein Novum in der jahrhundertelangen Geschichte des Fests.
Den Unfall hautnah miterlebt hat Marco Hetzler. Der 46-Jährige aus Ottersheim kommt schon seit einigen Jahren immer wieder gerne zum Purzelmarktumzug. Mit seiner Mutter und seinen zwei Kindern habe er etwa 100 Meter vom Unfallort entfernt gestanden, wie er der RHEINPFALZ erzählt. Dass hier gerade ein Unglück im Gange ist, war Hetzler zunächst gar nicht klar. Das Fahrzeug sei immer schneller bergab gerollt, erzählt er. „Machen die jetzt Blödsinn?“, habe er sich zunächst gefragt. Die Erkenntnis, dass in diesem Moment niemand scherzte, setzte jedoch schnell ein. „Es hat gekracht, wahrscheinlich ist da etwas gerissen oder so“, schildert der Ottersheimer das Erlebte. Sogar seine zehnjährige Tochter habe gefragt, was das gewesen sei. Dann ging alles rasant. Der Zwölfsitzer kamnach rechts von der Fahrbahn ab, schoss in die Menge und krachte in einen Carport. „Alle waren geschockt“, sagt Hetzler. „Umzugsteilnehmer sind zum Teil auf dem Boden gesessen und haben geweint.“ Zu diesem Zeitpunkt weiß noch niemand, wie viele Menschen wie schwer verletzt sind.
Hätte es eine Tüv-Prüfung gebraucht?
Relativ schnell stellt sich heraus, dass die Sache zumindest im Hinblick auf die Verletzungen glimpflich ausgegangen ist. „Am späten Sonntagnachmittag erhielten wir die Nachricht, dass wohl alle Verunglückten einen großen Schutzengel hatten“, schreiben Torsten Blank, Vorsitzender des veranstaltenden Purzelmarktvereins, und Dietmar Pfister, Ortsbürgermeister Billigheim-Ingenheims, am Montag auf Instagram. Er sei noch vor den Rettungskräften am Unfallort gewesen, sagt Blank. Dabei habe er die Lage schon einmal grob einschätzen können. Schließlich entscheiden er und seine Mitstreiter, dass der Umzug abgebrochen, der Purzelmarkt aber weitergefeiert wird. „Das war keine ganz leichte Entscheidung“, sagt Blank einen Tag nach dem Unfall. Die Feststimmung ist seither merklich betrübt, erklärt der Vereinsvorsitzende. Auch am Montag beschäftige das die Leute noch.
Wieso es zu dem Unglück kommen konnte, ist weiterhin nicht abschließend geklärt. Ausgegangen wird von einem technischen Defekt am Fahrzeug. Konkret: die Bremsen haben mutmaßlich versagt. Gewissheit soll ein Gutachten bringen, das die Staatsanwaltschaft Landau in Auftrag gegeben hat. „Wir haben Ermittlungen aufgenommen“, erklärt Oberstaatsanwältin Anne Herrmann auf RHEINPFALZ-Anfrage.
Ebenfalls unbeantwortet im Raum steht die Frage nach Betriebserlaubnis, Tüv-Prüfung und Brauchtumsgutachten für das Gefährt. Blank ist der Auffassung, dass all das nur bei motorisierten Fahrzeugen benötigt wird. Nicht also beim Fahrrad der Marke Eigenbau, das in die lange Geschichte des Billigheimer Purzelmarktes eingehen wird – leider im äußerst negativen Sinne.