Essingen
„Probieren Sie es mit Babybrei“: Seniorin kämpft um neuen Zahnersatz
Albine Vesters Selbstwertgefühl ist angekratzt. „So habe ich mal ausgesehen“, sagt die Essingerin, als sie im Esszimmer auf ein Bild zeigt, das bei ihr an der Wand hängt. Sie habe in den vergangenen zwei Jahren mehr als 14 Kilogramm abgenommen, erkenne sich selbst nicht mehr wieder. „Wenn ich psychisch nicht so stark wäre, würde ich entweder in der Klinik sein oder unter der Erde liegen“, sagt die 74-Jährige. Der Grund ihres Leidens: ihre Zahnprothese.
Vor zwei Jahren, als ihr im Oberkiefer Zähne gezogen werden mussten, bekam Albine Vester einen Zahnersatz. Für den Unterkiefer hatte sie damals schon eine Prothese, die allerdings etwas kleiner war. Sie ist auch der Grund dafür, dass die Südpfälzerin mit ihrer Krankenkasse, der AOK Rheinland-Pfalz, im Clinch liegt. „Wenn sie hier in Landau ihren Sitz hätte, wäre ich schon längst dort gewesen, um persönlich mein Anliegen vorzubringen. Aber Koblenz, das ist mir doch etwas zu weit“, sagt Albine Vester.
Drei Zahnärzte, drei Meinungen
Die Essingerin berichtet, dass sie nichts mehr richtig essen könne, seitdem sie den Zahnersatz für den Oberkiefer habe. „Ich würde mir so gerne ein Wienerle machen.“ Doch Beißen und Kauen seien für sie unmöglich. Weil sie deshalb weniger zu sich nahm und an Gewicht verlor, habe der Hausarzt ihr den Tipp gegeben, es mit Babybrei zu versuchen. „Ohne Maggi bekommen Sie das aber in meinem Alter nicht mehr runter“, sagt die Seniorin.
Albine Vester wünscht sich eine neue Prothese für den Oberkiefer, um wieder richtig essen zu können. Um zu verdeutlichen, dass ihr der Zahnersatz nicht passt, zieht sie diesen beim Besuch der RHEINPFALZ an. Damit möchte sie demonstrieren, dass sdie Prothese rutscht. Besser beurteilen können dies Experten. Nur: In ihrem Fall gibt es drei Zahnärzte mit unterschiedlichen Meinungen und Aussagen, weshalb es auch noch keine Lösung für ihr Problem gibt.
Widersprüchliche Aussagen
Den ersten Zahnarzt, der ihre Prothese angefertigt hat, suche sie längst nicht mehr auf. Bei ihm habe sie sich nicht mehr ernst genommen gefühlt, wenn sie ihm von ihrem Leid berichtete. Der zweite Zahnarzt fungierte als Gutachter für die AOK. Seiner Ansicht nach sollte abgewartet werden. Das Problem mit der Oberkieferprothese könnte nämlich dadurch gelöst werden, dass die Patientin mit einem neuen, funktionstüchtigen Zahnersatz für den Unterkiefer versorgt wird. Darin liege die Ursache des Ganzen. Diese neue Prothese hat die AOK bereits genehmigt. „Erst dann kann die Entscheidung getroffen werden, ob eine Neuversorgung des Oberkiefers erfolgen muss“, erklärt die Krankenversicherung auf Anfrage ihren Standpunkt.
Im Übrigen habe auch der erste Zahnarzt Albine Vester darauf hingewiesen, den Zahnersatz für den Unterkiefer zu erneuern. Die Essingerin widerspricht. Das sei ihr nicht mitgeteilt worden. Wer recht hat, das lässt sich nicht nachvollziehen. „Ob diese Auskunft des Zahnarztes in der Praxis entsprechend dokumentiert, sprich in der Patientenakte vermerkt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis“, teilt die AOK mit.
Welche Kosten hinter der Behandlung stecken
Der dritte Zahnarzt, der Albine Vester aktuell behandelt, ist anderer Auffassung als die beiden anderen beteiligten Berufskollegen. Er meint, dass es bei der Patientin keinen Sinn ergebe, schrittweise vorzugehen. Es wäre am besten, gleich zwei Prothesen für Ober- und Unterkiefer anzufertigen, weil sie dann optimal aufeinander abgestimmt werden können. Die Zähne können dann ineinandergreifen, wie er der RHEINPFALZ erklärt.
Die Entscheidung, ob die Essingerin eine Oberkieferprothese bekommt, trifft letztlich die AOK. Finanziell macht das auch einen großen Unterschied. Der sogenannte Heil- und Kostenplan für die beiden Prothesen weist Kosten in Höhe von 5300 beziehungsweise 4400 Euro auf, zusammengerechnet also fast 10.000 Euro. „Wobei diese Kosten die Gesamtversorgungskosten beziffern und nicht den tatsächlichen, niedrigeren Eigenanteil für die Versicherte darstellen.“
Wie geht es weiter?
Die AOK hält gegenüber der RHEINPFALZ fest, dass sie sich keinesfalls gegen eine notwendige und zweckmäßige Behandlung weigere. „Bei uns steht der Mensch stets im Mittelpunkt und wir unterstützen unsere Kundinnen und Kunden umfassend.“ Auf die Frage, wie sie, die Krankenkasse, mit den bereits beschriebenen, unterschiedlichen Meinungen der Zahnärzte umgeht, heißt es vonseiten der Pressestelle: „Wir haben gegenwärtig ein Planungsgutachten zum weiteren Behandlungsverlauf eingeleitet.“ Mit einem Planungsgutachten kann die Krankenkasse bereits vor der Behandlung durch einen Gutachter prüfen lassen, ob ihre geplante genehmigungspflichtige Behandlung fachlich angemessen ist und von der Krankenkasse bezuschusst werden kann.
Dieses Planungsgutachten wurde auch deshalb veranlasst, weil die zweijährige Gewährleistung für die bestehende Oberkieferprothese in Kürze, und zwar im Sommer dieses Jahres, ausläuft. In diesem Zeitraum sei der zahnärztliche Behandler gesetzlich angehalten, Erneuerungen oder Wiederherstellungen kostenfrei vorzunehmen. „Wenn eine Erneuerungsbedürftigkeit gutachterlich bestätigt wird, würden wir erneut die Kosten für eine Versorgung übernehmen“, erklärt die AOK-Pressestelle.