Kreis Südliche Weinstraße Oldtimer-Knetmaschine läuft noch
Unser täglich Brot: Der Arbeitstag von Christa Neu beginnt um 23 Uhr. Jede Nacht steht sie in der Backstube in der Rinnthaler Schaaf-Mühle und fertigt per Hand Brötchen, Brot, Teilchen und – ihr Steckenpferd – Torten und Kuchen. „Wenn die Brötchen weg sind, sind sie weg.“ Teigrohlinge und Nachbacken wie bei großen Ketten gibt’s hier nicht.
„Ich bin ein Nachtmensch und ein Arbeitsmensch“, sagt Christa Neu unumwunden und klopft sich noch ein paar Mehlreste vom Shirt. Anders wäre ihr Job auch nicht machbar. Schließlich geht sie tagtäglich zu einer Zeit an ihren Arbeitsplatz, zu der andere bereits schlafen, und verlässt ihn erst wieder am nächsten Vormittag. „Ich bin Chefin der Backstube, Mädchen für alles.“ Und das bereits seit 25 Jahren. Ohne ihr tolles Team – zehn Festangestellte in der Backstube und im Verkauf sowie Aushilfen – wäre das nicht möglich. Alles gehe bei der Bäckerei Neu sehr familiär zu, sie kenne die Lebensgeschichten ihrer Mitarbeiter. „So etwas kann man nicht runterreduzieren auf ein normales Arbeitsverhältnis. Wir halten zusammen, meine Mitarbeiter stehen zu mir“, freut sich Christa Neu, die alle im Team duzt und auch von ihnen geduzt werden will.
Wenn die Kunden kommen, geht's ins Bett
Ihre Kunden kennt die Fast-50-Jährige oft gar nicht, denn wenn diese ihre Brötchen abholen, ist für Neu Schlafenszeit. „Wir haben jetzt Fotos von uns beim Brötchenformen machen lassen und in den beiden Filialen aufgehängt“, erzählt sie schmunzelnd: „Damit die Leute uns kennenlernen und sehen, dass hier noch alles in Handarbeit gemacht wird.“ Mehl, Eier und Früchte kommen aus der Region. In der Backstube steht sogar noch eine Knetmaschine aus dem Jahr 1936. „Die sieht übel aus, aber macht den besten Roggenteig“, weiß Christa Neu das traditionelle Handwerk zu schätzen. Die Rinnthalerin ist in der Backstube groß geworden. Ihr Vater war Bäcker und Müller und betrieb mit seiner Frau zusammen die Obere Mühle, Schaaf-Mühle genannt, an der Queich mit angeschlossener Bäckerei. 1999 starb er und Christa Neus Mutter führte den Laden in Rinnthal weiter. Zu jener Zeit hatte die Tochter mit gerade einmal 24 Jahren eine Bäckerei in Annweiler gepachtet. „Nach meiner Lehre in Bad Bergzabern habe ich meine Meisterprüfung in Kaiserslautern absolviert und mich drei Tage danach selbstständig gemacht.“ Als der Pachtvertrag in Annweiler auslief, übernahm Christa Neu 2002 den elterlichen Betrieb.
Handwerksqualität statt Nachbacken
Hier werden jede Nacht etwa 900 Brötchen, zudem Brote, süße Teilchen, Torten und Kuchen hergestellt und fertig gebacken an die beiden Filialen in Annweiler und Hauenstein ausgeliefert. In Rinnthal ist ein Miniverkauf. In den Filialen gibt’s lediglich einen Ofen, um die Brezelrohlinge aufzubacken, die die Bäckerei vom Herxheimer Familienbetrieb Brezel Schiestel zugeliefert bekommt. „Wir machen alles frisch. Deswegen gibt’s ganz klassisch meist nur morgens Brötchen. Wenn die leer sind, sind sie leer.“ Mit Teigrohlingen Nachbacken bis in die späten Abendstunden wie bei Bäckerei-Ketten, das ist nicht der Anspruch der Bäckermeisterin. „Wir können nicht bis abends mit frisch gebackenen Brötchen punkten, auch nicht mit dem Preis, sondern nur mit Handwerksqualität.“ Aber die werde noch immer von den Kunden geschätzt. „Wir haben Ältere, die schon immer bei uns gekauft haben, Pendler, die ihr Frühstück bei uns holen, oder Junge, die Wert auf Qualität legen.“ Die störe es auch nicht, dass das Brot oder Tortenstück ein paar Cent mehr koste. Überhaupt, Kuchen und Torten, da geht Christa Neu ein Herz auf. Diese zu kreieren, das ist ihr Steckenpferd, erzählt sie und zückt ihr Smartphone hervor, um einen blumenverzierten „Naked Cake“ zu zeigen, den sie vor Kurzem zauberte. Ansonsten gingen die Klassiker wie Käse- und Quetschekuchen, Schwarzwälderkirsch- oder die hauseigene Schlemmertorte immer noch am besten. „Wir haben auch ausschließlich runde Torten, die von Hand gemacht werden müssen. Keine Schnitten, wie sie mittlerweile bei den Großen üblich sind, weil sie einfacher herzustellen und zu schneiden sind.“
Keine Konkurrenz mit Ketten
Ohne ihre Bäckerei zu leben, das kann sich Christa Neu nicht vorstellen. „Ich mache das auf jeden Fall weiter.“ Es laufe auch ganz gut, sie habe derzeit mehr Zulauf als weggehende Kunden. Sie sieht sich nicht in Konkurrenz zu den großen Ketten. „Wir existieren nebeneinander und haben auch unterschiedliches Klientel“, berichtet sie, während sie an einem großen Sack mit alten Brötchen vorbeiläuft. Was nicht verkauft wird, gibt sie an Tierhalter weiter. Nachwuchs zu finden, sei bei den typischen Bäcker-Arbeitszeiten nicht so einfach, gesteht sie. „Ich bilde gerne aus und übernehme dann möglichst auch. Aber es ist schwierig, Leute zu kriegen.“ Vor Kurzem hat sie eine Bäcker-Azubine übernommen. Eine andere junge Frau geht als Verkäuferin bei ihr in die Lehre. Und auch ihre Tochter kann sich vorstellen, irgendwann mal in den mütterlichen Betrieb einzusteigen, wie die 22-jährige Laura Neu erzählt, die gerade vom Sport kommt und gleich hinter dem Verkaufstresen stehen wird. Das gehört für sie in den Semesterferien dazu. Laura Neu studiert Mittelstandsökonomie. Das passe ja ganz gut, sagt sie. Aber erst einmal will sie bei einer anderen Firma arbeiten. Für später sei es eine Option, die Tradition fortzuführen. Ihre Mutter findet diese Einstellung genau richtig. Erst einmal solle ihre Tochter ihren eigenen Weg gehen. Und sie sei ja schließlich auch noch lange nicht im Rentenalter und stehe noch jeden Tag gerne in der Backstube. Allerdings wird nur dort gebacken. „Zu Hause habe ich nichts zum Backen da, und für Pizza und Flammkurchen nehme ich Fertigteige“, meint sie schmunzelnd. Die Serie Bäckereien gab es früher in fast jedem Ort in der Südpfalz. Aber sie sind selten geworden – Ketten bestimmen heute das Bild. In unserer neuen Serie „Unser täglich Brot“ stellen wir Betriebe aus der Region vor, die die Tradition weiterführen – und damit ein altes Handwerk.