RHEINPFALZ-Sommeraktion
Ohne Wasser und viel Energie gibt es keinen Karton
Andreas Klumpp trägt keinen Ehering. Er ist zwar verheiratet und hat einen Ring, doch den er muss spätestens dann ablegen, wenn er sein Büro verlässt. Klumpp ist Werkleiter bei Buchmann im Annweilerer Stadtteil Sarnstall. Er ist nicht der einzige, der nur schmucklos in den Betrieb darf. Da der Kartonproduzent für die Lebensmittelindustrie arbeitet, gelten die für Hygienebereiche sensiblen Standards auch bei der Papierverarbeitung.
Die 30 Besucher, die Klumpp und seine Kollegen bei der RHEINPFALZ-Sommeraktion durchs Werk führen, dürfen zwar die Eheringe an den Fingern belassen, aber auch sie müssen sich an Regeln halten. Führungen sind hier die Ausnahme. Das einstige, 125 Jahre alte Familienunternehmen hat sich in diesem Jahr mit der ebenfalls inhabergeführten Weig-Gruppe in Mayen zusammengetan, um mit dem Produkt Faltschachtelkarton weiterhin ganz vorne dabei zu sein – nach Angaben von Weig gehört die Gruppe jetzt zu den Top-3-Playern in Europa. In Deutschland gebe es nur noch sechs bis sieben Werke in der Größenordnung von Buchmann, ist während des Rundgangs zu hören.
Lebensmittelechter Karton
Mindestens elf verschiedene Berufe sind im Werk vertreten. Die Mannschaft der Kartonmacher versteht sich als „Crème de la Crème“ unter den Papiermachern, wie Werkleiter Klumpp augenzwinkernd anmerkt. Auf jeden Fall sind Spezialisten am Werk. Es wäre vermessen, nach der zweieinhalbstündigen Führung durch das Werk den Herstellungsprozess im Einzelnen wiedergeben zu können. Die Besucher haben jedenfalls gelernt, was es für einen lebensmittelechten Faltschachtelkarton braucht: Altpapier, Wasser und Zusatzstoffe wie Calciumkarbonat.
Der elfjährige Elias ist ganz Ohr, als Andreas Klumpp die Gruppe in die Werkstatt führt, wo 60 Leute – mit Unterstützung von Fremdfirmen – die Aufgabe haben, die Maschinen instandzuhalten. Einmal im Monat werden sie für 12 bis 16 Stunden abgestellt, „wie beim Boxenstopp“, damit Module getauscht und wieder auf Vordermann gebracht werden können.
Er fahre jeden Tag an Buchmann vorbei und habe schon immer wissen wollen, wie es hinter den roten Backsteinmauern aussieht, erzählt Elias, der aus Dimbach kommt. Das Werk sei so groß wie 20 Fußballfelder, 137.000 Quadratmeter, berichtet der Werkleiter. Das Herzstück ist die Kartonmaschine 3, kurz KM3. Sie wurde 1966 in Betrieb genommen. Das war das Jahr, als Josef Bachmann bei Buchmann angefangen hat. Der 88-Jährige Wahl-Völkersweilerer ist 1994 in Ruhestand gegangen und war seitdem nie wieder in den Werkshallen. Auch er hört Klumpp interessiert zu.
Der Mix ist das Geheimnis
Zahnpasta Oral B, Vitalis-Müsli, De-Beukelaer-Kekse, Dr.-Oetker-Pizza, Bon-Gelati-Eis von Lidl oder Melitta-Kaffeefilter – das sind einige der Produkte, die in Buchmann-Kartons stecken, wie der Kaufmännische Leiter Toni Steffens erläutert. Der Karton, der passgenau in Bögen an die Druckereien geliefert wird, die ihn dann bedrucken und stanzen, besteht aus vier Schichten unterschiedlicher Qualitäten.
Bei Buchmann werden zehn Sorten Altpapier verarbeitet, 56 gibt es. Zeitungspapier ist übrigens nicht darunter, wegen der mineralölhaltigen Farbe, es gilt als Irrläufer. Die Rezeptur für die Kartonherstellung sieht einen Mix vor und immer zehn Prozent Holzschnitt, dessen frische, lange Fasern für die Festigkeit von Bedeutung sind. In der Stoffaufbereitung wird das Papier von einer „überdimensionierten Küchenmaschine“ zerkleinert, wie Klumpp erklärt, bevor es sich im Wasser löst und zu Brei wird. Hier ist es sehr warm und recht laut. Die Prozesse werden mithilfe von 25.000 Messpunkten im Betrieb in mindestens zwei üppig mit Bildschirmen ausgestatten Kommandozentralen überwacht.
Ehrfürchtig stehen die Besucher vor der KM3 von Voith Sulzer. Hier ist es noch lauter, außerdem dampft und tropft es an verschiedenen Stellen. Werkleiter Klumpp hat die Daten parat: Die Maschine ist 152 Meter lang, die Kartonbahn 450 Meter. Der Metallzylinder, der die Bahn glättet, hat einen Durchmesser von sechs Metern und wiegt 150 Tonnen. Pro Tonne Karton braucht es 370 Kilowattstunden Strom und 1,05 Tonnen Dampf. Pro Tag werden bei Buchmann laut Klumpp 500.000 Liter Wasser verdampft, wie beim Bügeln. Am Schluss wird der graue Karton veredelt und erhält auf einer Seite ein weißes Antlitz. In dicken Rollen verlässt der Karton die KM3. Die Besucher sind beeindruckt. So etwas Großes habe er noch nie gesehen, sagt Josef Kranz aus Landau, der 43 Jahre Betriebsschlosser bei der PVA-Druckerei in Landau war.
Hoher Energiebedarf
Die 4,40 bis 4,45 Meter breiten unbeschnitten Papierrollen werden an fünf Querschneidern in Bögen zwischen 30 und 120 Zentimetern Länge geschnitten und dann auf passende Paletten geschichtet. Die Kapazität liegt bei 280.000 Tonnen Karton jährlich, 250 bis 500 Gramm pro Quadratmeter – ab 170 Gramm spricht man von Karton, darunter von Papier.
Die Produktion wäre ohne das Kraftwerk und die Fabrikabwasserkläranlage nicht möglich. Der Energiebedarf ist sehr hoch. Pro Tag könne Buchmann 20 Megawatt Strom produzieren, erzählen Klumpp und Harald Baack, der für die technische Planung zuständig ist. Rund 1200 Megawatt Gas verbrauche das Werk täglich. Das entspreche 100.000 Liter Heizöl, womit 100 Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgt werden könnten. Baack untermauert den gestiegenen Energiebedarf mit Zahlen: Die KM1 aus dem Jahr 1905 habe eine Tonne Karton pro Stunde produziert, die KM2 aus dem Jahr 1929 (sie wurde 2021 stillgelegt) schon fünf Tonnen pro Stunde und die KM3, Baujahr 1966, schaffe 40 Tonnen pro Stunde. „Es hat sich sehr viel verändert“, meint Josef Bachmann am Ende der Führung.
Absatzmarkt angespannt
Mit 320 Mitarbeitern ist Buchmann einer der größten Arbeitgeber in der Region. Der Umsatz lag 2022 bei 190 Millionen Euro, jetzt werden die Karten mit Weig neu gemischt. Allerdings ist der Markt derzeit etwas aus dem Gleichgewicht, erfahren die Besucher am Schluss von Personalleiterin Caroline Tessé. Die Delle gehe auf die wirtschaftliche Lage infolge des Kriegs der Russen in der Ukraine zurück. Die Kunden hätten auf Vorrat gekauft, die Konsumenten zeigten Zurückhaltung, deshalb sei die Absatzsituation angespannter. Doch auch sie ist überzeugt: „Karton hat Zukunft.“