Kreis Südliche Weinstraße Lebensretter für alle?
Südliche Weinstrasse. In weniger als zwei Minuten ist Ralph Nagel bei dem 80-Jährigen aus dem Kreis Germersheim, der im Dezember vergangenen Jahres leblos auf dem Badezimmerboden liegt. Der Mann hat einen Herzkreislaufstillstand, ist bereits blau angelaufen. Nagel kann ihn reanimieren. Der Notarzt stößt dazu und übernimmt, der 80-Jährige überlebt. Nagel wurde über die Smartphone-App Mobile Retter alarmiert (wir berichteten in der „Germersheimer Rundschau“ am 24. März). Ehrenamtliche können sich beim Verein Mobile Retter anmelden, sich als Ersthelfer ausbilden lassen und bestenfalls dort helfen, wo es um die Gesundheit plötzlich erkrankter Menschen oder gar um Leben und Tod geht. Praktisch sieht das so aus: Wenn in der Einsatzleitstelle ein Notruf über einen Herzkreislaufstillstand eingeht, werden diejenigen Mobilen Retter über die Smartphone-App informiert, die sich im Umkreis von zwei Kilometern aufhalten. Sie können sich bei der Leitstelle zurückmelden, dass sie den Fall übernehmen, während der Rettungsdienst, der besonders in ländlichen Regionen oft eine längere Anfahrt hat, sich auf den Weg macht. Treffen mehrere Retter gleichzeitig ein, kann sich einer um die oft überforderten oder geschockten Angehörigen kümmern. „Erfahrungsgemäß engagieren sich Leute, die schon in anderen Hilfsorganisationen wie Feuerwehr, DLRG, DRK, THW oder in Gesundheitsberufen tätig sind“, sagt Dietmar Seefeldt (CDU), Erster Kreisbeigeordneter des Landkreises Germersheim und Kandidat für die Landratswahl der Südlichen Weinstraße. Seit Januar 2016 gibt es die Mobilen Retter im Kreis Germersheim. Über 300 Mal schlug die App bereits Alarm, in zwei Drittel der Fälle wurden ein, zwei Helfer gefunden, die den Einsatz übernahmen. Dieses erfolgreiche Konzept soll nun auf den Landkreis Südliche Weinstraße und die Stadt Landau – also auf die komplette Südpfalz – ausgeweitet werden. „Wir haben ein funktionierendes Rettungswesen“, sagt Seefeldt, „die Mobilen Retter sind aber eine gute Ergänzung, denn im Ernstfall zählt jede Sekunde.“ Die technischen Voraussetzungen seien an der Südlichen Weinstraße und in Landau über die Integrierte Leitstelle vorhanden. Laut Landrätin Theresia Riedmaier (SPD) ist im kürzlich genehmigten Kreishaushalt für 2017 Geld für das Projekt vorgesehen. Weil die Gegend um Landau herum ländlicher ist als das Umfeld von Germersheim, sei ein Notruf auch in einem Umkreis von drei oder vier Kilometern denkbar, sagt Seefeldt. Zurück geht die Idee der Helfer-App auf den Verein Mobile Retter aus Gütersloh in Nordrhein-Westfalen. In Germersheim ist der Arzt der Asklepios-Klinik Matthias Wölfel für das Projekt zuständig. Die Mobilen Retter sind dort an die beiden Kliniken in Germersheim und Kandel angegliedert. Wölfel wird neben weiteren Mobilen Rettern, die es schon im Landkreis SÜW gibt, heute Abend in der Herxheimer Festhalle von seinen Erfahrungen berichten. Seefeldt lädt zu einer Infoveranstaltung, um die Mobilen Retter vorzustellen und um Mitstreiter zu werben. „Das Prinzip ist genial einfach“, meint Seefeldt. Nicht so einfach ist allerdings die Umsetzung an der Südlichen Weinstraße. Wo sollen die Mobilen Retter angegliedert werden? An die Stadt Landau? Den Landkreis Südliche Weinstraße? An ein Krankenhaus? Im Gegensatz zum Kreis Germersheim, wo es zwei Kliniken desselben Trägers gibt, gibt es in Landau und dessen Umkreis zwei konkurrierende Krankenhäuser – das Vinzentius-Krankenhaus und das Klinikum Landau-Südliche Weinstraße. Am Ende entscheiden das vor allem Landrätin Riedmaier und Landaus Oberbürgermeister Thomas Hirsch in Absprache mit dem Germersheimer Landrat Fritz Brechtel. Politisch wurde es aber schon vergangene Woche: Riedmaier schlug in einer Pressemitteilung vor, die Strukturen der Mobilen Retter aus Germersheim auf den Kreis Südliche Weinstraße zu übertragen. Dietmar Seefeldt teilte einen Tag später mit, er freue sich, dass die Landrätin sich „von uns ins Boot hat holen lassen und endlich unsere Initiative aufgreift“. Im Sinne der guten Sache sei es nicht entscheidend, dass sie leider diejenigen nicht mitnehme, die sich schon seit langer Zeit für das Projekt einsetzten. Der CDU-Landratskandidat meinte damit seinen Parteikollegen Sven Koch, den Vorsitzenden des CDU-Kreisverbands. Der hatte zum Start des Projekts in Germersheim im Januar 2016 mitgeteilt, einen Brief an Riedmaier, Brechtel und Hirsch geschrieben zu haben, in dem er eine Ausweitung der Mobilen Retter auf die Südpfalz vorschlug. „Da hätte schon längst was passieren können“, moniert Seefeldt. Riedmaier weist die Vorwürfe zurück. Am Donnerstag trafen sich die Landräte der beiden Nachbarkreise und Oberbürgermeister Thomas Hirsch zu einem Gespräch in Kandel. In einer gemeinsamen Erklärung heißt es nun: „Es besteht zwischen den Landkreisen Germersheim und Südliche Weinstraße sowie der Stadt Landau die Absicht, eine südpfalzweite Regieeinheit des Katastrophenschutzes mit der Bezeichnung ,Mobile Retter’ zu gründen. Die feste Absicht und der gute Wille sind auf jeden Fall vorhanden.“ Wie das Projekt ausgeweitet werden kann, wird wohl auch heute Abend in der Herxheimer Festhalle thematisiert werden. Info Infoveranstaltung zu „Mobile Retter für SÜW“ heute, 19 Uhr, in der Festhalle Herxheim, Bonifatiusstraße 22. Interessierte, die sich zu Mobilen Rettern ausbilden lassen wollen, können sich in einer Liste eintragen.