Kreis Südliche Weinstraße „Lebensgeschichte eines mutigen Demokraten“

Billigheim-Ingenheim. „Ingenheim und die Freiherren von Gemmingen“ ist der Titel des zweiten Heimatbuches zur Geschichte des Ortes. Siegfried Vater und Kurt Bangerth haben sich darin mit der Geschichte des Ortsteils von den Anfängen bis in das 19. Jahrhundert auseinandergesetzt. Heide Brödel hat Vater zu dem Werk befragt.
In Zusammenarbeit mit Archivaren in Bad Bergzabern und als Ko-Autor mit Kreisarchivaren habe ich in den vergangenen 30 Jahren in etwa 30 Ortschroniken mit Publikationen mitgewirkt. Seit Ende der 1980er-Jahre ist hauptsächlich die sprachhistorische Herleitung von pfälzischen Flurnamen mein Thema. Warum haben Sie sich jetzt Ingenheim ausgewählt? Meine Familie mütterlicherseits ist hier ansässig gewesen. Kurt Bangerth ist alteingesessener Ingenheimer, Landwirt dazu. Also ganz viel Heimatliebe war auch dabei. Mit welchen Themen haben Sie sich in dem Buch auseinandergesetzt? Grundlage für unsere Ausarbeitung waren die letztmalig im Jahr 1932 vom damaligen Ingenheimer Bürgermeister Jakob Bohlender herausgegebenen Aufzeichnungen zur Ingenheimer Geschichte. Auch die Beiträge in der Festschrift zur 750-Jahr-Feier im Jahr 1985 basierten darauf. Seither sind jedoch wesentliche neue Erkenntnisse hinzu gekommen. Die Sie aus welchen Quellen erforscht haben? Aus Archiven der Protestantischen Landeskirche der Pfalz, Bibliotheken und aus Fachquellen antiquarischer Literatur. Unser Buch ist auf wissenschaftlicher Grundlage aufgebaut und entsprechend mit Quellenangaben versehen. Gelernt habe ich das bei meiner Mitwirkung an den wissenschaftlichen Veröffentlichungen meines Arbeitgebers, dem Karlsruher Institut für Technologie. Mussten Sie Ingenheimer Geschichte daraufhin auch umschreiben oder nur ergänzen? Wir haben in zehn in sich abgeschlossenen Kapiteln die Vergangenheit Ingenheims neu durchleuchtet. Begonnen bei den Anfängen seiner mittelalterlichen Geschichte zum Kern unserer Ausarbeitung über Burg und Schloss und die Zeit der 13 Ortsherren Ingenheims, der Freiherren von Gemmingen von 1501 bis 1792, über die Anfänge der jüdischen Geschichte Ingenheims und die Auswirkungen der französischen Revolution haben wir uns in einem Kapitel Pfarrer Friedrich Theodor Frantz gewidmet, einem Patrioten und Demokraten der Revolution von 1848/49. Darüber hinaus berichten wir über unsere Forschungen zu den Flurnamen von Ingenheim und über die historischen Wege in der Ingenheimer Gemarkung vor der Flurbereinigung. Hat Sie die Beschäftigung mit der Geschichte von Pfarrer Frantz dabei ganz besonders beeindruckt? Ja, mir hat imponiert, dass er an seiner grundliberalen Einstellung trotz aller Widerstände festgehalten hat. Trotz politischer Verfolgung hat er immer eine Friedenspolitik vertreten und gelebt, die sich letztendlich organisch regelt. Also ein Wegbereiter unserer Demokratie? Ja, genauso! Obwohl er sich im Vorfeld der liberal-demokratischen Bewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für eine konstitutionelle Monarchie eingesetzt hat, weil er die Menschen für noch nicht reif genug für eine Demokratie hielt. Ich habe dazu auch einige seiner historischen Zitate aus damaligen Zeitungen ausgewählt. Jedes einzelne davon gilt auch heute noch. Wollen Sie diesen Beitrag als einen Appell an Ihre Leser für mehr bewusste Demokratie verstanden wissen? Uns beide hat die Lebensgeschichte dieses mutigen Demokraten sehr bewegt. Unser gemeinsames Anliegen war, mit dem Beitrag über sein Leben und Wirken ein kleines Fenster dieses Zeitgedankens zu öffnen, der ja die Grundlagen unseres Staatswesens betrifft. Haben Sie sich bei Ihren Forschungen nur auf die Zeit bis zum 19. Jahrhundert beschränkt? Nein, keinesfalls. Aber die Geschichte vom 19. bis zum 21. Jahrhundert hätte den Rahmen dieses Buches gesprengt. Ihre Passion ist sehr zeitaufwendig. Wie organisieren Sie die in Ihrem Alltag? Manchmal ist eine Recherche in der Tat tagelang wenig ergiebig für mich. Schriften und Schreibweisen zu entschlüsseln, kostet mich viel Zeit. Aber seit meiner Pensionierung im Jahr 2013 habe ich davon etwas mehr, um mich aufwendigen Themen zu widmen. Wie toleriert das Ihre Familie? Ich bin für die unendliche Geduld, die meine Frau und Kinder dafür immer aufgebracht haben, sehr dankbar. Ohne diese könnte ich meine Interessen nicht verwirklichen.