Südpfalz
Kriegsgefangene: Wie es zwei Südpfälzer aus der Sowjetunion nach Hause schafften
Auf der Fünften Konferenz von Moskau, am 23. April 1947, hatten die Außenminister der Alliierten vereinbart, dass die noch nicht freigelassenen deutschen Kriegsgefangenen bis Ende 1948 in ihre Heimat zurückkehren sollten. Die Zahl der Kriegsgefangenen wurde wie folgt beziffert: im Vereinigten Königreich 435.295, in den USA 39.976, in Frankreich 631.483 und in der Sowjetunion 890.532. Zu Letzteren zählten auch die beiden Edenkobener Georg Feuerbach und Georg Minges. Aber ihre Odyssee sollte noch weitere acht Jahre dauern.
Nach Stalins Tod am 5. März 1953 trat in der Sowjetunion vorübergehend ein politisches Tauwetter ein. Das ließ Hoffnung aufkeimen. Überraschenderweise wandte sich die sowjetische Botschaft in Paris an die der Bundesrepublik und übergab ihr eine Einladung an Bundeskanzler Konrad Adenauer zu einem Staatsbesuch in der UdSSR. Mit einer Regierungskommission trat Adenauer am 8. September 1955 die Reise an. Als sein wichtigstes Gesprächsthema nannte er die Heimkehr der Kriegsgefangenen. Dann ging alles sehr schnell. Die Verhandlungspartner Adenauer und Chruschtschow wurden sich am 12. September über die Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen einig.
Die Zugfahrt dauert mehrere Tage
Für Georg Feuerbach und Georg Minges aus Edenkoben, die zuletzt im Ural inhaftiert waren, bedeutete das die Schicksalswende. Am 4. Oktober 1955 um 14.30 Uhr traten sie mit 41 anderen Gefangenen per Eisenbahn die Reise nach Kasan an der Wolga an – eine Strecke von 1000 Kilometern Länge. Von dort aus ging es nach Moskau. Da der Anschlusszug erst um 23 Uhr für die Weiterfahrt bereitstand, wurde es den Deutschen erlaubt, die Metropole der UdSSR zu besichtigen – als freie Männer.
Bei Nacht ging die Fahrt weiter nach Smolensk, nahe der weißrussischen Grenze, und von dort aus über Minsk nach Brest in Weißrussland. Dort endete die Breitspur des russischen Eisenbahnnetzes. Mit 20 Schicksalsgenossen fuhren die beiden Edenkobener mit einem DDR-Zug auf der Normalspur über Kutno und Posen (Polen), Frankfurt an der Oder, Guben und Cottbus zur deutschen Grenzstation Herleshausen, wo sie am 13. Oktober frühmorgens eintrafen.
Heimkehrer werden bejubelt auf Ludwigsplatz
Per Omnibus wurden die Rückkehrer nach Friedland gebracht. Abends wurden sie im Grenzdurchgangslager empfangen, versorgt und verbrachten dort die Nacht. Was mag in den Köpfen und Herzen der beiden vorgegangen sein? Über 4000 Kilometer waren sie aus der Gefangenschaft in die Freiheit gelangt. Nun fehlte nur noch die letzte Etappe, um endlich ihre Lieben in die Arme schließen zu können.
Eine große Überraschung: Am folgenden Morgen standen ihre Familienangehörigen zur Abholung in Friedland bereit. Gegen 20 Uhr trafen sie dann in Edenkoben ein. Die Straßen waren wie leergefegt – aber auf dem Ludwigsplatz erwarteten sie Hunderte Menschen. Freunde trugen Georg Feuerbach und Georg Minges auf den Schultern zum Rathaus. Bürgermeister Karlheinz Lintz empfing die beiden und führte sie danach auf den Balkon des Rathauses, wo sie jubelnd begrüßt wurden.
Nachdenklich Stille wegen Kriegstragödie
Stille und Nachdenklichkeit traten ein, als sich der Bürgermeister an die Versammelten wandte: „Zwölf Jahre russische Gefangenschaft (Feuerbach und Minges waren 1943 in Gefangenschaft geraten), was das heißt, kann nur der ermessen, der selbst in ähnlicher Lage war. Nicht nur eine physische, sondern vielmehr eine psychische Kraft musste aufgebracht werden, um hier durchzuhalten, um auszuharren und nicht zu verzweifeln.“ In bewegenden Worten forderte Lintz die Bürger auf, den Spätheimkehrern den Start den neuen Lebensabschnitt leicht zu machen – und auch all jener zu gedenken, die in Russland geblieben, dort gefallen oder gestorben waren.