Wilgartswiesen RHEINPFALZ Plus Artikel Krieg in Wilgartswiesen: Wie eine schreckliche Verwechslung 70 Menschenleben kostete

70 Menschen wurden am 20. März 1945 getötet, als das Wilgartswiesener Schulhaus durch verheerende Luftangriffe dem Erdboden glei
70 Menschen wurden am 20. März 1945 getötet, als das Wilgartswiesener Schulhaus durch verheerende Luftangriffe dem Erdboden gleichgemacht wurde. Unser Bild zeigt Wilgartswiesener, die kurz nach Kriegsende die Trümmer beseitigten.

Es ist Dienstag, der 20. März 1945. Trotz der vielen Bomber über dem Deutschen Reich hoffen viele Wilgartswiesener, dass sie von den Schrecken des Krieges verschont bleiben. Denn die Amerikaner stehen schon kurz vor Rinnthal. Über einen schrecklichen Irrtum.

Glauben in Kriegszeiten: Wie es damals in einem protestantischen Dörfern üblich ist, beginnen auch die Wilgartswiesener in jener angstvollen und düsteren Woche vor Palmsonntag provisorisch mit den Vorbereitungen für die Konfirmation in wenigen Tagen. Die Kinder werden darauf an verschiedenen sicheren Orten vorbereitet, und die Mütter versuchen, mit dem Wenigen, das noch zu kriegen ist, das große Fest in irgendeiner Weise zu organisieren.

Da bricht für den Ort doch noch die Katastrophe herein. Im repräsentativen und noch nicht einmal 50 Jahre alten Schulgebäude der wohlhabenden Gemeinde sind zu dieser Zeit 90 russische Kriegsgefangene untergebracht, die in den letzten Tagen und Wochen hauptsächlich zum Schanzen eingesetzt worden waren. Offensichtlich halten alliierte Aufklärer das Schulgebäude für eine Kaserne.

Mann und Frau werden von Jagdbomber getötet

Was folgt, ist ein fürchterlicher Angriff auf das Haus im Herzen des Dorfes: 68 Gefangene und zwei deutsche Soldaten kommen in wenigen Minuten ums Leben, das Gebäude wird völlig zerstört. Zahlreiche Häuser im Umfeld werden zum Teil schwer getroffen. Karl-Heinz Albrecht, ein inzwischen verstorbener Zeitzeuge, sagte Jahre später mal darüber: „An diesem Tage war es durch die ständigen Luftangriffe nicht einmal möglich, die Toten zu bergen.“ Am selben Tag und am darauffolgenden 21. März rücken amerikanische Panzertruppen aus Richtung Rinnthal im Ort ein, „ein Tag zu spät“, wie in Wilgartswiesen noch Jahrzehnte später immer wieder von den Alten zu hören war.

Die strategische Lage im Queichtal hatte aber spätestens im Frühjahr 1944 die Menschen im idyllischen Wilgartswiesen schmerzlich spüren lassen, dass sie nicht sicher waren. Kurz vor dem Kirchweihsonntag 1944 kehrten Luise Günther und die 17-jährige Helga Hauck von der Feldarbeit zurück und wurden urplötzlich von einem „Jabo“, einem Jagdbomber, unter Beschuss genommen und getötet. Und dann passierte etwas in Wilgartswiesen, über das die ganz Alten bis heute sprechen: Der Ehemann von Luise Günther, Fritz Günther, wurde ebenfalls von einem Jagdbomber getötet, weil dieser jenes Haus unter Beschuss nahm, in dem Günther seine Schlosserei hatte. Eine Familientragödie: Das Ehepaar Günther kam am selben Tag und fast zur selben Zeit ums Leben.

War Geschoss Hitlers Raketen-Geheimwaffe?

Ende 1944 passierte dann im Ort wieder etwas Außergewöhnliches: Kurz vor Jahresschluss hörten die fleißigen Menschen der Gemeinde – fast alle Schuhfabriken in Hauenstein waren längst geschlossen – einen ohrenbetäubenden Lärm. Sie vermuteten zunächst einen Luftangriff. Dem war aber nicht so. Schließlich entdeckten Bürger in der heutigen Gewanne „Tiergarten“ einen riesigen Bombentrichter „von einem halben Acker im Durchmesser“, wie es später hieß. Auch Heimatkundler Albrecht mutmaßte bei seinen Untersuchungen, dass das Geschoss eine verirrte Rakete von Hitlers Geheimwaffe V1 oder V2 gewesen sein könnte. Indes Beweise gibt es dafür nicht.

Dass die Wilgartswiesener Bürger ihre gefährliche Lage schon frühzeitig erkannte, lag auch daran, dass sie sich früher als andere mit Kindern und Vieh in die umliegenden Wälder begaben. Noch während des Krieges hatte die Wehrmacht fünf Stollen in die Felsen getrieben, diese aber nie besetzt. So wissen wir heute, dass es unweit des Kuhfelsens den „Erika-Stollen“ gab. Zudem wurden neben anderen auch unterhalb der Falkenburg zwei Stollen gebaut. Dorthin zogen sich vornehmlich die Wilgartswiesener zurück und wagten nur zu relativ sicheren Zeiten, im Dorf nach dem Rechten zu sehen.

1944 wird Holzfabrik bei Angriff schwer beschädigt

Das war auch der Grund dafür, dass es nicht so viele Todesopfer gab, obwohl es in den letzten Kriegswochen täglich Luftangriffe gab und auch zahlreiche Brandbomben geworfen wurden. Bereits Ende September 1944 war die Holzfabrik Dörler-Simon schwer beschädigt worden, und auch heute noch kann man an der Kirche im Ort Spuren der Bordwaffenbeschüsse sehen.

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