Südpfalz
Kosten und Hürden in der Pflege: Ein betroffenes Seniorenpaar erzählt
Die 87-jährige Pflegebedürftige möchte anonym bleiben, nichts im Dorf publik machen, es sei ihr zu intim, sagt sie. „Mein Mann liegt seit drei Jahren nur noch“, schildert die Pensionärin aus dem Raum Landau, während sie es sich auf der Couch gemütlich macht. Das Haus und der Garten sind ordentlich und gepflegt. „Seitdem kommt täglich eine Schwester von der Sozialstation vorbei“, erzählt sie weiter. Zu Beginn zweimal täglich. Seit letztem Jahr komme der Pflegedienst dreimal am Tag. Die Situation ist für das Paar eine finanzielle Herausforderung.
Pflegedienstleiterin Heike Ibba von der Ökumenischen Sozialstation Edenkoben-Herxheim-Offenbach erklärt, dass die Kosten für Betroffene anstiegen, je mehr pflegerische und medizinischen Leistungen erforderlich sind. Denn der sogenannte Festbetrag für Sachleistungen bleibe immer gleich. Beispiel: Bei einer großen Pflege einmal täglich komme man mit dem Pflegegeld ohne Zuzahlung bei Pflegegrad 5 gerade so hin, schildert Ibba. „Bei Besuchen dreimal täglich liegt die Zuzahlung des Patienten in Grad 5 dann in der Regel bei 600 bis 1200 Euro monatlich“, sagt sie. Patienten und Angehörige müssten gut abwägen, welchen Umfang sie sich leisten können. Kosten könnten eingespart werden, wenn Familienangehörige abends und am Wochenende die Versorgung übernehmen, schildert Ibba. Dies sei im Falle des geschilderten Ehepaares nicht möglich. Auch sonst stoßen pflegende Angehörige oft an Grenzen.
Ukrainerin kocht, putzt, hilft beim Toilettengang
Die Seniorin sieht wegen einem Augenleiden kaum noch. Vor eineinhalb Jahren sei sie gefallen, schildert die Gehbehinderte. „Seitdem wohnt eine 24-Stunden-Kraft aus der Ukraine bei uns“, sagt sie. Vor dem Gespräch kam die ältere Dame gerade vom morgendlichen Spaziergang mit der Ukrainerin zurück. Die Mitte 50-Jährige ist angemeldet, kocht, putz, kauft ein, hilft beim Toilettengang und bei der pflegerischen Versorgung des Ehemannes, schildert die 87-Jährige. Eine Pflegevermittlungsagentur habe den Kontakt mit ihr hergestellt. „Gott sei Dank haben die gleich jemanden zur Verfügung gehabt“, ist die Pensionärin froh.
Solch eine Vermittlungsagentur ist beispielsweise Pflegehelden Pfalz in Offenbach. Dort werden Pflegekräfte aus Polen vermittelt. Der Pflegedienst, also die Behandlungspflege, ist nicht inbegriffen, da es sich bei der Vermittlung um Pflegehilfskräfte handelt, die keine sogenannten Sachleistungen vornehmen dürfen, erklärt Geschäftsführer Ferdinand Schupp. „Eine 24-Stunden-Kraft kostet den Kunden etwa 2600 bis 3100 Euro monatlich“, sagt Schupp. Der Preis hänge mit individuellen Leistungen zusammen wie Nachteinsätze, Sprachkenntnisse, Hilfe beim Pflegegrad, ob beispielsweise ein Führerschein vorhanden sei oder viele Personen im Haushalt leben.
„Ich sehe einen Pflegenotstand“
Die Suche nach Pflegekräften läuft nicht immer so reibungslos ab wie bei dem Seniorenpärchen, berichtet Pflegedienstleiterin Ibba. „Pflegekräfte sind Mangelware geworden“, sagt sie. „Wenn es akut ist, wenden sich Betroffene am besten an den Pflegestützpunkt.“ Der Pflegestützpunkt Herxheim ist im oberen Stockwerk der Sozialstation ansässig. Dort sitzt Ute Wilhelm in ihrem Büro. „Ich sehe einen Pflegenotstand“, sagt Wilhelm. Das Telefon der Pflegeberaterin klingelt ständig. Nicht nur die Beratungszahlen seien gestiegen, sondern auch die Anzahl der Anfragen, erklärt sie. „Es ist oft viel Verzweiflung im Spiel, wenn nach einer schnellen Lösung gesucht wird.“ Die Versorgungslücken und die steigenden Versorgungskosten führen zu stärkeren Belastungen für pflegende Angehörige. Und manchmal würden Betroffene nur unzureichend versorgt werden, stellt die Sozialarbeiterin fest. „Erkrankt ein pflegender Angehöriger selbst und braucht schnell einen Kurzzeitpflegeplatz für den Pflegefall, ist die Sorge groß, denn es wird sehr schwer, einen zu finden.“ Wilhelm und die Angehörigen wählen sich dann die Finger wund, um möglichst schnell zu einer Lösung zu kommen.
Ohne die Rundumversorgung zu Hause müsste das geschilderte Ehepaar wohl in ein Pflegeheim. Was kostet die monatliche Unterbringung dort? „Der einheitliche Eigenanteil beläuft sich auf etwa 3000 Euro monatlich pro Person im ersten Jahr“, schildert Ursula Seelinger, Leiterin des Katholischen Altenzentrums in Landau. Ab dem vierten Jahr liegen die Kosten bei etwa 2200 Euro monatlich, sagt sie weiter. Auf dem Arbeitsmarkt sei es schwer, permanent ausreichend qualifizierte Fachkräfte zu finden, doch „momentan sind in der Einrichtung alle Stellen besetzt“. Sie arbeitete auch schon mit Zeitarbeitern zusammen, aktuell jedoch nicht. Den Preisanstieg in der Zeitarbeit sieht Seelinger als große Hürde in der Pflege. Eine Fachkraft aus der Zeitarbeit koste etwa 10.000 Euro monatlich und somit in etwa doppelt so viel wie eine festangestellte Fachkraft, erklärt Seelinger.
Wie viel kostet Hausnotruf?
Bei der 87-Jährigen ist die Pflege optimal geregelt. Zusätzlich trägt sie ein Notrufarmband. Einmal habe sie den Alarm ausgelöst, als ihr Mann gestürzt sei. „15 Minuten später waren zwei Männer vom Roten Kreuz da und haben ihn aufgehoben“, berichtet die ältere Dame. Ein Hausnotruf koste beim DRK Landau 47,50 Euro monatlich, gibt Geschäftsführerin Martina Roßmann auf Nachfrage an.
Als Hürde in der Pflege sieht Pflegedienstleiterin Ibba den Verwaltungsaufwand. „Die Bürokratie ist katastrophal.“ Jeder Handgriff müsse dokumentiert werden. Auch die Abrechnung mit den Krankenkassen würde immer schwieriger. Die Verordnungsscheine seien kompliziert und würden oft falsch ausgefüllt. „Es reicht schon, wenn ein Datum falsch eingetragen ist“, schildert Ibba. Die Sozialstation bleibe immer öfter auf den Kosten sitzen oder müsse den Patienten Leistungen in Rechnung stellen, die eigentlich von den Krankenkassen gedeckt wären. Ihre Pflegekräfte, umgangssprachlich Schwestern genannt, seien immer wieder bei den Ärzten, um Verordnungsscheine nach den Anforderungen der Kassen ändern zu lassen.
Verständigung übers Handy
Zurück zur Seniorin. Wie verständigt sie sich mit der ukrainischen Hilfskraft? „Die Technik ist heute wunderbar“, sagt die Hilfsbedürftige. Die Ukrainerin könne mit ihrem Handy Sprachen übersetzen. Zur Demonstration spricht die Pensionärin mehrere Sätze ins Handy, das die Dame ihr vorhält. Die Antwort der Ukrainerin ertönt kurz darauf etwas abgehackt, aber klar verständlich auf deutsch. Die beiden scheinen einen liebevollen Umgang miteinander zu haben. Es wird gelacht, und sie umarmen sich. Die 24-Stunden-Kraft sei sogar an den Wochenenden rund um die Uhr anwesend, schildert die Seniorin.
Hinweis der Redaktion
Dieser Artikel wurde online zuerst am 23. April veröffentlicht.