Herxheim
Kopfüber im Tuch: Aerial-Yoga im Selbsttest
Mit einem Gefühl zwischen Neugier und Skepsis begebe ich mich in den Herxheimer Kleinwald. Hier bietet Olga Schreiner seit November 2019 Aerial-Yoga an. Der Trendsport aus den USA bringt die klassischen Yoga-Asanas in die Schwerelosigkeit. Aha. Hier gibt es wohl nur zwei Möglichkeiten: Entweder man liebt es – oder lässt es bleiben. Finden wir es in einer Schnupperstunde heraus.
Das Studio hat viel Raumhöhe. Die braucht es auch, schließlich werden wir hier gleich kopfüber in Tüchern von der Decke hängen. Das dezente, violette Licht wirkt nicht nur stylish, sondern beruhigt auch die Nerven. Ein bisschen Aufregung ist vor dieser neuen Erfahrung schon da – auch wenn ich yogaerfahren und -begeistert bin. Zwei Tücher hängen an der Decke. Unsere Weggefährten für die nächste Stunde. Olga Schreiner hilft mir dabei, das Tuch individuell auf meinen Körper anzupassen. „Damit es bequem ist, wenn du dein Körpergewicht an das Tuch abgibst“, erklärt mir die Yogalehrerin.
Langsam Vertrauen ins Tuch
Das weiche Tuch hängt hüfthoch vor mir. Wird mich der dünne Stoff wirklich halten? Bevor ich ins Zweifeln komme, bin ich schon drin. Nach kurzem Hin- und Herrücken sitze ich komplett umhüllt im Tuch. Sofort denke ich an einen Fötus im Mutterleib. Und tatsächlich nennt sich die Yoga-Haltung „Aerial Embryo“, erfahre ich. Welch Gefühl von Geborgenheit, so umgeben von Stoff und sanft schaukelnd. Langsam beginne ich Vertrauen ins Tuch zu fassen.
Nach dieser Meditation zum Ankommen gehen wir zum körperlichen Teil über. Yoga in der Luft, das ist Ganzkörper-Workout, merke ich schnell. Die Förderung der Beweglichkeit, die Stärkung der tiefen Haltemuskulatur und Dehnübungen stehen im Vordergrund, erklärt mir Olga Schreiner. Zuerst ist das noch easy. Elegant und anmutig schwebe ich im Raum. Doch dann kommt die Ansage meiner Lehrerin: „Füße nach oben ums Tuch schlingen und den Oberkörper hängen lassen.“ Das kostet Überwindung. Ich spüre, wie mir das Blut in den Kopf steigt. So ein Gefühl kenne ich nicht. Wann habe ich das letzte Mal einen Kopfstand gemacht? Muss schon länger her sein. Außerdem drückt das Tuch unangenehm in der Leistengegend. „Das Druckgefühl verschwindet nach ein paarmal üben“, versichert mir Olga.
Zirkusreife Rückwärtsrollen im Tuch
Sich so hängen zu lassen, ist erst einmal gewöhnungsbedürftig. „Aber wenn man sich darauf einlässt, bekommt man ein ganz anderes Selbstbewusstsein“, ist meine Yogalehrerin überzeugt. Das Tuch helfe dabei, ganz viel Länge in der Wirbelsäule zu erzeugen. So komme man druckfrei in die Umkehrhaltungen. Und tatsächlich traue ich mich unter den wachsamen Augen von Olga Schreiner in den Handstand, dehne mich in einen gefühlten Spagat und mache zirkusreife Vorwärts- und Rückwärtsrollen. „Um die akrobatischen Übungen geht es beim Aerial-Yoga nur zum Teil, und sie sind auch keine Bedingung für die Teilnehmer. Es geht nicht um Zirkus, sondern um Entspannung und Dehnung“, erklärt Olga Schreiner, die deutlich macht, dass sich Aerial-Yoga für Normalsterbliche eignet.
Hauptberuflich arbeitet sie als Informatikerin. Klassisches Yoga unterrichtet sie seit über neun Jahren. Im Urlaub lernte sie dann Aerial-Yoga kennen und lieben. Diese Form sei kein Abklatsch des traditionellen Yoga, sondern etwas ganz eigenes, findet sie. „Es hilft außerdem bei Rückenproblemen. Und nebenbei werden auch Glückshormone freigesetzt.“
Nach Schweiß kommt Entspannung
Eine Übung nennt sich „Fledermaus“. Diese Haltung entspricht quasi der Kerze im klassischen Yoga, auch Schulterstand genannt. Nur dass man hierbei über Kopf im Tuch steht, auf den Schultern, die vom Tuch gehalten werden, erklärt mir Olga Schreiner, während ich genau dies tue. Ich schwebe dann noch durch die „Taube“ und die „Fliegende Planke“ in den „Umgekehrten Winkel“. Das ist die Position, die man gemeinhin als Lotus-Sitz kennt, nur dass ich dabei kopfüber im Tuch hänge.
Die Stunde ist mitunter ganz schön schweißtreibend. Jetzt habe ich mir die End-Entspannung verdient. Hierfür lege ich mich ausgestreckt ins Tuch, was mich an eine Raupe im Kokon erinnert. Ich lasse los und bin stolz über mein Trauen und Können. Ja, ich gebe es zu, fast nicke ich ein. Tiefenentspannung eben. Auf einmal klopft Olga Schreiner ganz leicht meinen Rücken von unten ab, hebt mich sanft hoch. Ich genieße die kleine Massage. Und dann ist es auch schon wieder vorbei. Schade. Aber ich kann berichten: Ich bin so begeistert vom Aerial-Yoga, dass ich inzwischen schon häufiger dort war.
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