Venningen
Kirchenglocke: Bürger wollen Tradition beibehalten
Je näher sich das Wohnhaus an der katholischen Kirche in Venningen befindet, umso eher ist er zu hören: der Glockenschlag. Die einen nehmen ihn zu später Stunde gar nicht mehr wahr. Andere fühlen sich in ihrer nächtlichen Ruhe gestört. Mit ihrer Klage bei Ortsbürgermeister Jürgen Leibfried haben sie jedenfalls eine Debatte im Ort losgetreten. Dort geht es um die Frage, ob der Glockenschlag in der Nacht zwischen 23 und 5 Uhr abgeschaltet werden soll oder nicht.
Im Gegensatz zum sakralen Läuten ist der nächtliche Glockenschlag rechtlich nicht geschützt. Das teilt das rheinland-pfälzische Umweltministerium mit. Bei kirchlichen Anlässen wie Gottesdiensten, Taufen oder Trauungen kann das Glockenläuten in der Regel so laut sein, ohne dass Nachbarn wegen einer schädlichen Umwelteinwirkung vors Gericht ziehen können. Es stellt keine „erhebliche Belästigung“ dar, die freie Religionsausübung hat Vorrang. Im Gegensatz zum sakralen Läuten soll der Glockenschlag in der Nacht nur die Uhrzeit angeben. In Venningen ist das Zeitschlagen alle Viertelstunde und zu jeder vollen Stunde mindestens fünf Mal zu hören. Um 23 Uhr beispielsweise läutet es 27 Mal, um 3 Uhr sieben Mal.
Kirchliches Gremium von Gemeinde enttäuscht
Ortschef Leibfried hat die RHEINPFALZ nicht an die Nachbarn der Kirche vermitteln können, damit sie sich dazu äußern können, wieso sie sich jetzt gegen den Zeitschlag wehren. Für viele andere Dorfbewohner handelt es sich um eine Tradition, die gepflegt werden sollte. So sieht es etwa Barbara Brahmsiepe-Pfaff, in der Pfarrei Maria, Mutter der Kirche, Vorsitzende des Venninger Gemeindeausschusses. In diesem Gremium sei über diese Frage gesprochen worden. Die Mitglieder befürchteten, dass das kirchliche Leben durch solche Maßnahmen eingeschränkt würde. „Allerdings kennen wir die Hintergründe zu diesem Wunsch der Nachbarn nicht, ob etwa gesundheitliche Gründe dafür sprechen“, teilt Brahmsiepe-Pfaff mit. Enttäuscht sei der Gemeindeausschuss, dass er nicht vorab vom Gemeinderat zu diesem Thema kontaktiert wurde, sondern erst in der RHEINPFALZ darüber las.
Lärmrichtwerte sind nicht allein entscheidend
Leibfried berichtet, dass sich der Gemeinderat mit der Kirche absprechen werde. Die Entscheidung trifft aber die politische Gemeinde als Betreiber der Kirchturmuhr.
Wie das Umweltministerium mitteilt, gibt es zwar gesetzliche Lärmrichtwerte, die angeben, ab welchen Geräuschpegel es zu laut ist. „Unbedingt einzuhaltende Grenzwerte gibt es aber nicht.“ Heißt: Nur weil ein Richtwert überschritten wird, muss nicht gleich die Behörde einschreiten. Zu berücksichtigen seien etwa die Historie und die Situation vor Ort.
Großteil der Bürger will Zeitschlag beibehalten
In Venningen hat der Gemeinderat Bürger bereits nach ihrer Meinung befragt. Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist für die Kommune schließlich ein Aspekt, um abzuwägen, ob sie den Wunsch der über Lärmbelästigung klagenden Anwohner erfüllt oder nicht. 262 Personen heben ihr Votum abgegeben, 215 von ihnen sehen keinen Anlass, etwas zu ändern.
Allerdings waren Streitigkeiten über den Glockenschlag schon mehrfach Gegenstand von Gerichtsverhandlungen. Weil auch zugunsten der Kläger entschieden wurde, wurde etwa in Lingenfeld im Kreis Germersheim 2010 der Glockenschlag nach Beschwerden nachts ausgeschaltet.
Was sagen Lärmforscher?
Doch kann der Zeitschlag der Kirchenglocke der Gesundheit schaden? Den Schutz gegen Lärm zu verbessern, das hat sich der bundesweit aktive Arbeitsring Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik auf die Fahne geschrieben. Ihr stellvertretender Vorsitzender, Dirk Schreckenberg, ist hauptberuflich in der Lärmwirkungsforschung tätig. Auf Anfrage der RHEINPFALZ teilt er mit, dass Kirchenglocken den Schlaf stören können. „Und zwar auch dann, wenn man gar nicht bewusst aufwacht.“
Schreckenberg verweist dabei auf eine Studie aus der Schweiz, bei der unter anderem die Schlafqualität von Anwohner von Gotteshäusern untersucht wurden. „Es zeigte sich, dass mit zunehmendem Geräuschpegel der Kirchenglocken die Wahrscheinlichkeit, davon aufzuwachen, zunahm. Auch dann, wenn sich die Personen nicht an das Aufwachen erinnern konnten.“
Wann Menschen eher bei Geräuschen aufwachen
Im Schlaf reagieren Menschen auf Geräusche nicht gleich, das hänge von der Informationshaltigkeit ab. „Stellt man sich ans Bett einer schlafenden Person und spricht laut ihren Vornamen aus, dann ist die Aufwachwahrscheinlichkeit höher, als wenn man etwas anderes sagt“, erläutert Schreckenberg. Dieses Prinzip der Informationshaltigkeit wiederum könne auch erklären, warum Personen mit einer negativen Einstellung zum Kirchenglockengeläut mit höherer Wahrscheinlichkeit durch die Kirchenglocken während des Schlafs aufwachen als Personen mit positiver Einstellung.
Beschluss steht bevor
Im Schlaf reagierten Menschen auf Geräusche nicht gleich. „Stellt man sich ans Bett einer schlafenden Person und spricht laut ihren Vornamen aus, dann ist die Aufwachwahrscheinlichkeit höher, als wenn man etwas anderes sagt“, so Schreckenberg. Dieses Prinzip der Informationshaltigkeit wiederum könne auch erklären, warum Personen mit einer negativen Einstellung zum Kirchenglockengeläut mit höherer Wahrscheinlichkeit durch die Kirchenglocken während des Schlafs aufwachen als andere. Ob der Lärm der Kirchenglocke auch gesundheitsschädlich ist, das lasse sich nicht abschließend sagen.
Der Venninger Gemeinderat möchte in seiner nächsten Sitzung beschließen, ob dem Zeitschlag nachts ein Ende bereitet wird. Nach Angaben des Umweltministeriums käme ein Abschalten einem Verbot des weltlichen Glockengeläuts gleich und würde „Bedenken begegnen“. Insofern wären Maßnahmen unterhalb dieser Eingriffsschwelle, etwa ein lärmreduzierter Betrieb durch Dämmung, denkbar
