Südpfalz
Hausgeburten: Zwei Hebammen schlagen neuen Weg ein
Ein Tag im August. Um 9 Uhr kommen die Wehen. Sechs Stunden später ist das Kind geboren. Glücksgefühle. Eine 27-jährige Frau aus Albersweiler hat ihr erstes Kind zur Welt gebracht, aber nicht wie die meisten Mütter im Krankenhaus, sondern zu Hause, in den eigenen vier Wänden.
Die Frau erzählt gegenüber der RHEINPFALZ, dass Ihre Mutter ihren jüngsten Bruder auch zu Hause entbunden habe. Auch sonst habe sie im Freundes- und Bekanntenkreis bis dato nur Gutes über Hausgeburten gehört. „Deshalb war ich von Anfang an dafür offen. Man ist in seiner vertrauten Umgebung. Es ist stressfreier und unkompliziert. Ich würde es wieder so machen“, erzählt die frischgebackene Mama. „Und ich wusste, dass mein Mann auch auf jeden Fall dabei sein kann.“ In Vorbereitung auf den großen Tag war die 27-Jährige auch bei einer Infoveranstaltung in einem der umliegenden Krankenhäuser. „Ich wollte wissen, wo ich hin muss, wenn ich die Geburt zu Hause abgebrochen hätte“, betont sie.
Beratung mit den Hebammen
Bei der Hausgeburt unterstützt wurde die 27-Jährige von Yvonne Romero Alvarez aus Frankweiler und ihrer Kollegin Birgit Piorr-Kemmer aus Mühlhausen bei Heidelberg. Mit den beiden Hebammen habe sie die Gespräche geführt und beraten, wie die Geburt ablaufen soll.
Yvonne Romero Alvarez und Birgit Piorr-Kemmer sind als selbstständige Beleghebammen tätig, verlassen aber Ende dieses Jahres den Kreißsaal. Der Grund: Sie sehen eine steigende Nachfrage für Hausgeburten, die das Angebot an Hebammen, die diesen Dienst leisten können, deutlich übersteigt. Der Bedarf könne teils nicht gedeckt werden, sagen sie. Deshalb wollen sie künftig in der Südpfalz, aber auch darüber hinaus, gemeinsam in diesem Bereich tätig sein. Abgedeckt werden soll auch das Gebiet Richtung Speyer, Karlsruhe und Heidelberg. Ab kommenden April werde auch Petra Paul, eine Hebamme aus Landau, das Team unterstützen.
Was die Statistik der Hausgeburten angeht, so sprechen die Zahlen eine eindeutige Sprache: Etwa 98 Prozent der Kinder in Deutschland kommen im Krankenhaus zur Welt. Lediglich zwei Prozent der Babys erblicken außerklinisch das Licht der Welt – also in einem Geburtshaus oder zu Hause, wo die Gebärenden von Hebammen begleitet werden, ohne Ärzte. Davon abgesehen ist es auch in Kliniken möglich, in sogenannten Hebammenkreißsälen, Kinder ausschließlich mit der Hilfe von Hebammen zur Welt zu bringen – Ärzte werden dann nur bei Auffälligkeiten hinzugerufen. Man spricht hier auch von der sogenannten Eins-zu-eins-Betreuung, bei der sich die Hebamme einzig um die werdende Mutter kümmert.
Die Zahlen sind eindeutig
Die Fallzahlen, wo die Kinder geboren werden, finden sich bei der Quag, der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe, die sich in ihrem Zahlenwerk wiederum auf Angaben des Statistischen Bundesamtes stützt. Anhand dieser Zahlen lasse sich kein Trend zu Hausgeburten erkennen, sagt die erste Vorsitzende des Landesverbandes der Hebammen, Juliane Müller.
Die entscheidende Frage sei jedoch, warum die Zahl der Hausgeburten so tief sei. Liegt es am Interesse? Oder daran, dass den Frauen eingeredet wird, Hausgeburten seien in jedem Fall gefährlich? Oder gibt es einfach nicht genug Hausgeburtshebammen, um die Nachfrage zu decken? Dass die Nachfrage da ist, zweifelt Juliane Müller jedenfalls nicht an und nennt dafür Gründe. 2009 habe es noch 52 Kreißsäle in Rheinland-Pfalz gegeben, 2024 seien es nur noch 28. Die Anfahrtswege zur Entbindung seien teils lang. Zum Teil, je nach Verkehrslage, könne es vorkommen, dass Frauen dann mit Wehen oder einem Blasensprung eine Stunde im Auto sitzen, sagt sie.
Hebamme: Frauen sollen wählen können
„Wir sind entschlossen, Frauen und Familien zu begleiten, die ihr Kind in ihrer geschützten und sicheren Umgebung zur Welt bringen wollen“, sagt Yvonne Romero Alvarez, die vor drei Jahren ihre Ausbildung zur Hebamme abgeschlossen hat und auch zuvor viele Jahre im Gesundheitsbereich tätig war. Eine Hausgeburt sieht die Südpfälzerin derweil nicht als besonders, speziell oder gar außergewöhnlich an. Aber das Angebot sollte stimmen, erklärt sie, denn Frauen sollten frei wählen können, wo und wie sie gebären – in der Klinik, im Geburtshaus oder eben zu Hause.
Zunächst ist es den beiden Hebammen wichtig, schon früh in der Schwangerschaft Kontakt zu den Familien aufzunehmen. Dadurch werde ermöglicht, die Entwicklung der Schwangerschaft zu beobachten und die Frau individuell auf die Geburt und das Wochenbett vorzubereiten.
Vorbereiten auf bedrohliche Situation
Das Erkennen einer möglicherweise bedrohlichen Situation und das Einleiten einer zügigen Verlegung in eine Klinik seien im Qualitätsmanagement fest verankert. Es gebe gewisse Kriterien für eine Hausgeburt, die der Deutsche Hebammenverband herausgebe. Diese würden ausführlich mit den Paaren besprochen. „Grundsätzlich können sich alle Frauen, die eine Hebamme suchen, bei uns melden. Auch Frauen, die für ihre Geburt eine Klinik ausgewählt haben“, sagt Yvonne Romero Alvarez. Mit dem Hebammenzentrum in Schwegenheim, für das die beiden Hebammen derzeit freiberuflich tätig sind, werde auch weiterhin zusammengearbeitet.
Schwere Bedingungen für Hebammen
Gibt es überhaupt genügend Hebammen in Rheinland-Pfalz? Wie es um die Zahl der Hebammen bestellt ist, ist unklar, wie die Landesverbandsvorsitzende Juliane Müller auf Nachfrage mitteilt. Eine entsprechende Registrierung, um darüber eine Aussage zu treffen, gebe es nicht, sagt die Vorsitzende. „Wir wissen aber, dass einige Hebammen aus dem Beruf abwandern, wegen schlechter Bezahlung und den Arbeitsbedingungen in den Kliniken.“
Für freiberufliche Hebammen stelle die Gebührenordnung ein großes Problem dar. Seit 2018 seien die Sätze für die Leistungen der Hebammen seitens der Kassen nicht mehr erhöht worden. Man stehe in harten Verhandlungen. Vielen könnten von den derzeitigen Gebührensätzen nicht mehr leben. Alleine die benötigte Haftpflichtversicherung für Fachkräfte, die Geburtshilfe leisten, koste jährlich rund 12.000 Euro.