Kreis Südliche Weinstraße „Hat meine Mama das Handy lieber als mich“
Bad Bergzabern. Die Kurstadt ist ein sozialer Brennpunkt im Kreis Südliche Weinstraße. Mit der höchsten Zahl von Kindeswohlgefährdungen und den meisten Hilfen für Familien. Deshalb wurde im September vergangenen Jahres die Jugend- und Familienberatung, eine in dieser Form einmalige Einrichtung im Kreis, eröffnet. Mit bisher 60 Fällen sind Ulrike Brunck und Tina Krieger jetzt schon fast am Ende ihrer Kapazitäten.
von Sonja Pfundstein-Brinkop
Es herrscht eine familiäre Wohnzimmeratmosphäre im Büro der Jugend- und Familienberatung im Dachgeschoss in der Weinstraße 48. Eine gemütliche Sitzgelegenheit für Gespräche, eine Spielecke für die Kleinen. Seit September 2018 teilen sich Sozialarbeiterin Ulrike Brunck und Diplompädagogin Tina Krieger eine volle Stelle, um Jugendliche und Erwachsene zu beraten. „Zuhören, beraten, helfen“, haben sie das Angebot zusammengefasst, das unbürokratisch in Anspruch genommen werden kann. Ein Anruf genügt, um einen Gesprächstermin zu vereinbaren. Bezahlt wird die Stelle vom Kreis, Träger der Einrichtung ist die protestantische Kirchengemeinde Bad Bergzabern.
„Es ist ein neues Modell der Hilfe“, sagt Ulrike Brunck, die unter anderem 13 Jahre lang als Sozialarbeiterin bei der Diakonie gearbeitet hat. In diesen Jahren habe sie die Erfahrung gemacht, dass in Bad Bergzabern mehr gebraucht werde. Die schnelle, unbürokratische, kostenlose und niedrigschwellige Hilfe kommt an. „Wir haben ein bis zwei Anrufe pro Tag“, sagen die beiden Beraterinnen. Ungefähr ein Drittel der Hilfesuchenden habe einen Migrationshintergrund, von diesen seien die meisten aber schon sehr lange in Deutschland.
Die 43-jährige Tina Krieger kümmert sich hauptsächlich um Jugendliche, die 52-jährige Ulrike Brunck mehr um die Erwachsenen, eine tolle Ergänzung, wie sie finden. „Mein Ziel ist es, den Kindern gute Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen, das geht nur über die Eltern“, sagt die dreifache Mutter Ulrike Brunck. Dass gute Entwicklungsmöglichkeiten und bestmögliche Unterstützung der Kinder nicht selbstverständlich sind, beweist der Alltag der beiden. „Hat meine Mama das Handy lieber als mich, hat mich ein Kind gefragt und damit das Problem auf schreckliche Weise erkannt“, erzählt Ulrike Brunck. Medienmissbrauch, das heißt die stundenlange Beschäftigung mit Handy oder Computer sei ein großes Thema.
Wichtig für die Gesprächspartner sei, dass die Beraterinnen auch dem Jugendamt gegenüber Schweigepflicht haben. Sie gilt ebenfalls bei Minderjährigen gegenüber den Eltern.„Es gibt eine Ausnahme, wenn das Kindeswohl gefährdet ist“, informiert Ulrike Brunck. Dann muss das Jugendamt Kinder aus den Familien nehmen, ein Schritt, den die beiden schon veranlassen mussten. Gewalt in Familien, Alkohol, Drogen, Probleme in der Partnerschaft oder bei Trennungen, Erziehungsprobleme. Das Spektrum der Gründe, warum Kinder und Jugendliche vernachlässigt oder Eltern krank oder gewalttätig werden ist groß. „Wir wollen lösungsorientiert helfen“, sagen die beiden Frauen.
„Wir haben zum Beispiel einen Jugendlichen, der den Schulbesuch verweigert hat, eine Zeit lang eng begleitet“, erzählt Tina Krieger, die seit Berufsbeginn mit Jugendlichen in unterschiedlichen Bereichen der Jugendhilfe gearbeitet hat und vor zehn Jahren die erste Schulsozialarbeiterin in der Böhämmer-Grundschule in Bad Bergzabern war. „Der ist jetzt gut drauf, geht regelmäßig in die Schule und ist in Vereinen aktiv, Schulverweigerung ist allgemein ein Riesenthema“, sagt sie.
Die beiden Frauen können auf Grund ihrer langjährigen Berufserfahrung auf ein umfangreiches Netzwerk beim Jugendamt, der Polizei, der Diakonie oder dem Haus der Familie zurückgreifen, auch an weitergehende Hilfen verweisen, wenn sie an Grenzen des von ihnen Machbaren stoßen. „Eine Mutter wollte ein Gespräch, weil sie große Schwierigkeiten mit ihrem Kind hatte, sie selbst war völlig handlungsunfähig, jetzt packt sie wieder Dinge an“, erzählen die beiden von einem anderen Fall.
Wie viele Gespräche in einem Fall nötig sind, wissen sie zu Beginn nicht. Manchmal seien es in Krisenzeiten mehrere in der Woche, manchmal nur eines, wobei die Gespräche auch zuhause stattfinden können. „Wir haben in Bad Bergzabern eine Lücke geschlossen, es entstehen Vertrauensverhältnisse und es gibt Erfolge“, ist das bisherige Fazit von Ulrike Brunck und Tina Krieger. Feste Sprechzeiten gibt es nicht, wer ein Gespräch möchte, kann es telefonisch vereinbaren.
Info
Ulrike Brunck ist unter der Telefonnummer 0172 5947596 zu erreichen, Tina Krieger unter 0176 42048381.