Kreis Südliche Weinstraße Hände und Verstand sinnvoll eingesetzt
Es sind nur noch Restarbeiten zu erledigen. Frisch erlernte Fähigkeiten werden verfeinert, der Umgang mit den Werkzeugen wird geübt und einige hämmern und nageln auch nur, weil die Herstellung von Möbeln schlichtweg Spaß macht. Es ist der letzte von sechs Tagen, den die Schüler der Klasse 10 BO aus der Realschule plus des Alfred-Grosser-Schulzentrums Bad Bergzabern im Waldklassenzimmer der Waldpädagogik im Karlsruher Hardtwald verbracht haben.
Mithilfe alter Holzpaletten wurden Sitzmöbel für den Außenbereich des Waldzentrums hergestellt. „Es lief richtig gut, und wir sind deutlich schneller fertig geworden als geplant.“ Für Lehrer Peter Jung und seinen Kollegen Horst Götz von der Altenbergschule waren die Tage im Hardtwald nördlich von Karlsruhe rundum positiv. Trotz der langwierigen Anreise, einschließlich eines halbstündigen Fußmarsches aus der Innenstadt in den Wald. 15 Schüler, Mädchen und Jungs, haben sie in ihrer Obhut, die fit für eine Berufsausbildung gemacht werden sollen. „Keiner ohne Abschluss“ heißt das Projekt, mit dem auch lernschwachen Schülern eine bessere Chance auf dem Arbeitsmarkt eröffnet werden soll. Rund die Hälfte der Klasse sind Förderschüler, die bereits einen Abschluss in der Tasche haben und nun auch noch die „Berufsreife“ erlangen sollen. Den anderen Schülern fehlt bisher ein Schulabschluss, einige brauchen auch schlichtweg ein Jahr länger Zeit, um reif für eine berufliche Ausbildung zu sein. Dieses zusätzliche Jahr ist eine Mischung aus Unterricht und Schnupper-Ausbildung. Drei Tage an der Schule wechseln sich mit zwei Tagen in einem Betrieb ihrer Wahl ab. „Es geht um Praxisbezug, und natürlich haben wir die Hoffnung, dass über den persönlichen Kontakt ein Ausbildungsplatz gefunden wird“, sagt Jung. Genau das scheint zu funktionieren. Die Hälfte der Klasse hat schon jetzt einen Ausbildungsvertrag in der Tasche, für die anderen ist ein Anschlussprojekt in der Berufsschule oder im Jugendwerk gesichert. Wichtig für Jung ist vor allem, dass der Horizont erweitert wird. Dass die Schüler ihre Hände und ihren Verstand sinnvoll einzusetzen lernen. Im Waldklassenzimmer gibt es solche Erfahrungen und mit jeder Schraube, die sie in die künftigen Sitzmöbel drehen, steigt das Selbstwertgefühl. Genau das fehlt den meisten der hier versammelten Schüler, die in ihrer bisherigen Schullaufbahn vor allem erfahren mussten, was sie alles nicht können und wo sie schlecht sind. Das Gefühl, ein Verlierer zu sein, hat sich tief eingenistet. Im Wald lernen die vermeintlichen Versager, mit Unterstützung von „Bufdis“ (Bundesfreiwilligendienst), dass sie Dinge herstellen können, die anschließend sinnvoll genutzt werden. „Nur das Grundmaterial wurde bereitgestellt, der Rest, von der Planung bis zur Fertigstellung, wurde in Eigenregie gemacht“, erzählt Jung. Die Resultate können sich sehen lassen, es gibt reichlich Lob. Für viele ist dies eine völlig neue Erfahrung. (win) Info —Das Waldklassenzimmer im Karlsruher Hardtwald ist ein Gemeinschaftsprojekt der Forstverwaltungen von Stadt und Landkreis Karlsruhe, der Forstverwaltung Baden-Württemberg sowie der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Seit 1996 haben hier über 200.000 Menschen den Lebensraum Wald besser kennengelernt. Das eigens eingerichtete Waldklassenzimmer wird regelmäßig von Schulklassen aus ganz Baden-Württemberg und der benachbarten Pfalz genutzt. —www.waldpaedagogik-karlsruhe.de