Kreis Südliche Weinstraße Grosser und die Weltpolitik

„Europa in der Krise“ war das Thema des Gesprächs mit Alfred Grosser in der Aula des Gymnasiums in Bad Bergzabern, das den Namen des Politikwissenschaftlers, Soziologen und Publizisten trägt. Grosser, der zurzeit einige Tage „seine“ Schule und die Südpfalz besucht, hat es verstanden, mit seinem Wissen und seiner Leidenschaft, vor allem für die Jugend, Hunderte von Schülern der 11. bis 13. Klassen zu fesseln.
Mit im Publikum war Ehefrau Anne-Marie Grosser. „Wir sind seit 55 Jahren glücklich verheiratet“, wurde sie von ihrem Mann vorgestellt. Ein Themenkomplex war der Zulauf zur Alternative für Deutschland. „Die AfD wird zu gut behandelt“, findet der 1925 in Frankfurt geborene Grosser. „Wenn man gegen Grundsätze im Europaparlament verstößt, verliert man gewisse Stimmrechte, das ist nie angewandt worden, auch nicht auf die AfD“, so Grosser in Anspielung auf die europafeindliche Haltung der Partei. Ob er denke, sie werde von der politischen Bühne wieder verschwinden? Dazu habe er zwei Hypothesen, so Grosser. Entweder alle, die antieuropäisch denken, würden von der AfD aufgefressen, oder sie verabschiede sich im Laufe der Zeit. „Die Partei wird von Professoren geleitet, das ist im Allgemeinen schlecht“, sagte der Professor schmunzelnd. „Stehen wir vor einem Dritten Weltkrieg?“, war die Frage einer Schülerin angesichts der Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine. „Ich glaube, wir stehen nicht davor, aber ich kann es auch nicht verneinen“, lautete die Antwort Grossers. Niemand wisse, wie weit Putin gehen werde. Nicht verstehen könne er, wie sich Altbundeskanzler Gerhard Schröder in den Dienst eines Diktators stellen könne. Eindeutig war auch Grossers Meinung zu Israel. Deutschland liefere, teils kostenlos, „enorm“ viele Waffen an Israel, das damit Gaza solange bombardieren könne, wie es wolle, sagt der Kritiker der jüdischen Regierungspolitik, der selbst deutsch-jüdische Wurzeln hat. „Wenn in Gaza dann Hunderte sterben, ist das Nebensache“, so Grosser. Deutschland lasse sich von Israel erpressen, nach dem Motto: „Wenn du mich kritisierst, rede ich von Auschwitz.“ Thema war natürlich auch die Abstimmung in Schottland. „Ich bin froh über den Ausgang des Votums gegen die Unabhängigkeit“, so Grosser. Er verglich die Situation unter anderem mit Katalonien, das ebenfalls nach Unabhängigkeit strebe. „Die Reichen wollen nicht mehr mit den Armen teilen“, war seine Einschätzung. Die Kritik Grossers ging auch an die Medien ob ihrer Berichterstattung über Europa. Wenn nichts Negatives passiere, stehe nichts in der Presse, so Grosser. Den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik sieht er als „bedrohlich“ an, das Vertrauen in die Banken habe er verloren. „Wir sind in einer Situation, in der Wirtschaft wichtiger ist als Politik“, so Grosser. Seine Hoffnung: „Unter Jean-Claude Juncker als Präsident wird die Kommission hoffentlich europäischer.“ (pfn)