Kreis Südliche Weinstraße Gnadenbrot statt Viehtransport
„Unsere Kälber sind , Abfallprodukte’ aus Milchviehbetrieben“, erklärt die Böchinger Tierärztin Doris Dühr-Bien, die den Gnadenhof gegründet hat. Direkt nach dem Abkalben werde der Kuh das Kalb weggenommen, das sie Jahr für Jahr gebären müsse, um Milch geben zu können. Da die Bullen von Milchkühen kaum Fleisch ansetzten, lohne es sich nicht, sie zu mästen. „Und so werden sie verhungern lassen oder sofort getötet.“ Auch wenn sie nicht alle Rinder vor diesem Weg retten könne, wolle sie doch mit ihren „Botschafter“-Rindern ein Zeichen gegen die Mechanismen der Milch- und Fleischindustrie setzen. „Wir wollen keine Bekehrung vornehmen, nur Denkanstöße geben und das können Tiere am besten.“ Für jeweils fünf Euro Schlachtpreis konnte der Hof die beiden Kälber von einem Milchviehbetrieb am Niederrhein erwerben. „Fünf Euro für ein Lebewesen“, läuft Sabine Luppert ein Schauer über den Rücken. Sie ist Gründerin des Vereins Schüler für Tiere mit Sitz in Kandel, der den Gnadenhof unterstützt. Und damit sich Siggi und James nicht so alleine fühlen, kam bald Heidi hinzu – eine aussortierte Milchkuh, deren Milchleistung unrentabel geworden war. Über einen Post von Tierschützern auf Facebook sei sie auf das Tier aufmerksam geworden, berichtet Dühr-Bien. Und über Spender konnte ihr Transport von Ostfriesland in die Südpfalz finanziert werden. „Bei ihrer Ankunft war sie abgemagert, mit Kot verklebt, hatte zu lange Klauen und ihre Haut am Hals hatte unter der Anbindehaltung gelitten.“ Heute fühle sie sich pudelwohl und führe die beiden Kälbchen sogar als Leitkuh durchs Leben. In einem Milchviehbetrieb werde eine Kuh so hochgezüchtet und ausgelaugt, dass sie durchschnittlich vier Jahre lebe. „Unsere Kälber sollen 20 bis 25 Jahre werden.“ Sie habe immer schon viele Tiere gehabt, berichtet die Böchinger Tierärztin, die zu Hause auch Hunde, Schildkröten und Papageien aufgenommen hat. 2002 habe sie dann zwischen Böchingen und Godramstein einen Stall gebaut, um Großtiere behandeln zu können. Zu denen gesellten sich immer wieder auch gerettete Tiere, die sie teils behielt, teils weitervermitteln konnte. So habe sich die Idee eines Gnadenhofs entwickelt. Da die Organisation, das Ausstellen von Spendenquittungen und die Öffentlichkeitsarbeit über einen Verein einfacher sei, wurde dieser Ende 2015 unter dem Namen Eselpferdehof Südpfalz – Gnaden- und Begegnungshof ins Leben gerufen. Bei Böchingen können auf einer 4000 Quadratmeter großen Stallanlage und mehreren Koppeln mit etwa zwei Hektar Tiere aufgepäppelt werden und danach ihr Leben hier verbringen. Jetzt ziehen die Tiere ins Modenbachtal um, wo der Gnadenhof weitere Koppeln hat. Das Areal gehöre ihr teilweise selbst, teilweise sei es gepachtet oder von den Eigentümern frei zur Verfügung gestellt, berichtet Dühr-Bien, denn die „tierischen Rasenmäher“ hielten die Landschaft frei, die sonst zuwuchern würde. In enger Kooperation mit Schüler für Tiere organisiert Dühr-Bien gegen einen Obolus Eselwanderungen, Kindergeburtstage und Besuche auf dem Hof. „Es geht uns darum, Kinder und Erwachsene für die Problematik zu sensibilisieren, wo Lebensmittel herstammen und was dahintersteckt“, sagt Sabine Luppert. Toll finde sie, dass Kinder, die mit Berührungsängsten hierherkämen, oft ganz schnell eine Verbindung zu den Tieren aufbauten, sagt Dühr-Bien. „Die Begegnung mit den Tieren setzt bei Kindern ganz viel in Gang und ich hoffe, dass wir das noch ganz oft machen können.“ Aber dafür brauche es Helfer – und die seien derzeit noch rar gesät. Die Hauptarbeit bleibe an ihr und ihrem Mann hängen. Dreimal am Tag kommt sie zu den Tieren, um sie zu versorgen. Ihr Mann übernehme landwirtschaftliche Tätigkeiten. Zudem habe sie Hilfe von drei Mädchen, die hier reiten. Dazu kommen hohe Kosten. Im Herbst koste die Versorgung eines Tieres pro Monat etwa 70 bis 100 Euro. „So gut wie alles privat finanziert. Spenden, Mitglieder und Paten könnten mehr sein. Derzeit reicht es gerade so.“ Dühr-Bien und Lupperts Traum ist ein richtiger Mensch-Tier-Begegnungshof mit der passenden Infrastruktur, aber das liege noch in der Ferne. Auch bei Anfragen, weitere Tiere aufzunehmen, müsse sie immer mal wieder „die Bremsklötze reinhauen“. „Ich würde gerne expandieren, aber dann müssen auch die Kosten getragen werden und wir brauchen weitere Pfleger“, macht die Tierärztin deutlich und wirft einen Blick auf Karlchen. Der graue Esel war das letzte Tier, das sie gerettet hat. Sechs Jahre stand er hinter einer Kneipe in einem viel zu kleinen Stall, berichtet Dühr-Bien und erzählt von den anderen Eseln und Mulis, die aus Zirkussen, Hofauflösungen oder Scheidungen stammen. „Jetzt ist Karlchen hier der Chef und hat eine kleine Familie gefunden.“ Info —Der Verein sucht Tierpaten, braucht noch einen Hänger, Schotter und Sand. Zudem sind Spenden immer willkommen. Spendenkonto: Sparkasse Landau, Iban: DE 6954 850010 170021 1913, Bic: SOLADES1SUW. —Im Netz: www.eselpferdehof.de oder auf Facebook unter „Eselpferdehof Südpfalz“. —Familienmitgliedschaften und Tierpatenschaften sind ab fünf Euro monatlich möglich. —Der Hof kann nur nach Voranmeldung besucht werden. Dann sind Tierbegegnungen, Wanderungen mit den Tieren oder Geburtstage hier möglich: Telefon 06341 969999, E-Mail: info@eselpferdehof.de.