Kreis Südliche Weinstraße Gegen die Einsamkeit
Friedl Zimmermann ist trotz ihres stolzen Alters von 98 Jahren noch fit und munter. Sie kocht sich noch täglich etwas Frisches, statt das Essen geliefert zu bekommen, gönnt sich abends noch ein Glas Wein oder Whiskey und schaut sich gerne Doku-Sendungen im Fernsehen an. Das Leben der Bad Bergzabernerin spielt sich jedoch fast nur in ihren eigenen vier Wänden ab, sie kann nicht alleine aus der Wohnung. „Ich leide an einer Augenkrankheit, meine Sehstärke ist stark eingeschränkt“, erklärt Zimmermann. Das mache ihr schwer zu schaffen. „Da werde ich ganz lethargisch“, erzählt die mehrfache Urgroßmutter. Ein Glück, dass sie Anne Buglowsky habe. „Sie ist ein Lichtblick für mich“, sagt Zimmermann. Anne Buglowsky ist eine von drei Ehrenamtlichen, die in der Kurstadt Besuchsdienste übernehmen. Dabei handelt es sich um ein gemeinsames Angebot des Seniorenbüros und der Zentralen Anlaufstelle für Senioren, kurz ZAS. Sie hat zum Ziel, ältere Menschen am gesellschaftlichen Geschehen teilhaben zu lassen, wenn sie aus Altersgründen oder gesundheitlichen Gründen nicht mehr dazu imstande sind. Für Buglowsky und ihre Kollegen heißt das, einmal die Woche etwa zwei Stunden bei den Klienten vorbeischauen. Für die gebürtige Rheinländerin steht der Besuch bei Zimmermann immer mittwochs auf dem Programm. Die beiden Frauen tauschen sich aus, gehen gemeinsam spazieren oder sitzen im Café – was Freunde eben so machen. „Ich freue mich sehr, dass Anne sich um mich kümmert“, sagt Zimmermann. Zahlreiche Freunde, die die gebürtige Bad Bergzabernerin hatte, sind mittlerweile verstorben. Angehörige hat sie zwar, ihre beiden Söhne und die Enkelkinder sind jedoch in der Pfalz verstreut. „Sie haben ja auch alle Familie und sind berufstätig, sodass sie nicht permanent hier sein können, um sich um mich zu kümmern. Sie rufen zwar an. Aber mit jemandem über das Telefon oder von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, ist doch nicht dasselbe“, erklärt Zimmermann. Für den Alltag gebe es genügend Hilfskräfte, sagt die 98-Jährige. „Ich habe eine Putzfrau, die mir einmal die Woche im Haushalt hilft.“ Als sie sich jüngst am Arm verletzt hatte, konnte sie für einige Tage Mahlzeiten über das „Essen auf Rädern“-Angebot telefonisch bestellen. Doch nach solch einem Angebot, bei dem sich Menschen bereiterklären, einer Seniorin wie ihr Gehör zu schenken, danach habe sie gesucht. Dabei gibt es den Besuchsdienst schon seit einigen Jahren, wie Seniorenreferent Rainer Brunck informiert. Im Gegensatz zum Besuchsdienstkreis der protestantischen Kirchengemeinde, der für Gemeindeglieder vorgesehen ist, die bei Geburtstagen und besonderen Anlässen Besuch empfangen und Glückwünsche überbracht bekommen, richte sich das Angebot des Seniorenbüros und der ZAS an Menschen aller Konfessionen, die in der Kirchengemeinde Bad Bergzabern leben, also auch für Bürger in Birkenhördt, Blankenborn und Böllenborn. Ein Blick auf die Statistik verrät, dass rund 20 Prozent der Bevölkerung in Bad Bergzabern 70 Jahre und älter sind. Es handelt sich demzufolge um eine große Zielgruppe, die für den Besuchsdienst infrage kommt. Neben Zimmermann haben allerdings nur drei weitere Senioren beim Seniorenbüro beziehungsweise bei der ZAS angefragt. Der Bedarf dürfte in Wahrheit jedoch weitaus größer sein, vermutet Brunck. „Die Hemmschwelle ist jedoch groß, nach diesem Angebot zu fragen. Damit gestehen sich die Menschen ein, dass sie Unterstützung brauchen. Sich dies einzugestehen, kostet Mut“, sagt Brunck. Anne Buglowsky, die gebürtig aus Linz am Rhein kommt und seit drei Jahren mit ihrem Mann in Bad Bergzabern lebt, weiß, wie bedeutsam das Ehrenamt ist, das sie übernommen hat. „Es gibt viele Menschen, die, wenn der Lebenspartner von ihnen gegangen ist, an Einsamkeit sterben. Ich habe gerne mit Menschen zu tun, also engagiere ich mich auch“, erzählt die pensionierte Krankenpflegerin. „Der Kontakt zu älteren Menschen bereitet mir besonders viel Freude. Sie haben so viel Lebenserfahrung und so viel Schönes zu erzählen“, sagt Buglowsky. Bei Friedl Zimmermann ist sie an der richtigen Adresse. Hat sie doch so Einiges aus ihrem ereignisreichen Leben zu berichten. „Ich habe einen großen Fehler gemacht in meinem Leben: Ich hätte ein Buch schreiben sollen“, sagt sie. Da wären einige Kapitel zusammengekommen: die Jugendzeit vor dem Zweiten Weltkrieg; die Flucht von der Südpfalz nach Halle, als die Bomben fielen; ihre langjährigen Aufenthalte bei ihrem Onkel in der Schweiz und bei Bekannten in Vancouver; ihr Job als Reisebegleiterin, der sie um die halbe Welt brachte. „Da waren schon viele spannende Episoden.“ Es gibt also reichlich Gesprächsstoff. Info Wer sich in Bad Bergzabern ehrenamtlich im Seniorenbüro engagieren möchte, sei es für den Besuchsdienst oder für Fahrten zum Einkaufsmarkt oder Arzt, kann sich im Seniorenbüro, Telefon 06343 6100680, oder beim ZAS-Büro, Telefon 06343 9390888, melden.