Kapellen-Drusweiler
Furcht und Stolz: Frauen aus Odessa in Südpfalz untergekommen
Die Szene ist fast unwirklich. Fünf Frauen sitzen in der Frühlingssonne an einem Ort, an dem andere Urlaub machen. Aber sie sind vor einem Krieg geflohen, der keine zwei Flugstunden entfernt tobt. Es ist ein emotionales Gespräch, dass die Frauen mit der RHEINPFALZ führen. Auch bei Gastgeberin Ulrike Job fließen Tränen. Sie hat den Frauen auf dem Eichenhof die private Ferienwohnung zur Verfügung gestellt. Zwei der Flüchtlinge sind bei ihrem Onkel Rudi Job und seiner Frau in Bad Bergzabern untergebracht.
Die Frauen kommen aus Odessa, sind befreundet und teilweise auch verwandt. Die 31-jährige Julia hat an der Universität in Odessa studiert und in Sprach-, Kultur- und Geisteswissenschaften promoviert. Sie ist zusammen mit Ehemann Andrey geflohen, der bei dem Gespräch mit der RHEINPFALZ nicht dabei ist. „Mein Mann war auf einer Dienstreise in Polen und hat mich angerufen.“ Julia, nimm deinen Pass, du wirst an der Grenze zu Moldawien abgeholt, habe er gesagt. Zuerst habe sie an einen Aufenthalt von wenigen Tagen gedacht, weil sie sich einen Krieg zu dieser Zeit gar nicht habe vorstellen können. Aber schon auf der Fahrt wurde sie durch die ständigen Nachrichten eines Besseren belehrt.
Vater kämpft in Odessa
Nach einigen Tagen in Moldawien fuhr das Paar durch Rumänien und gelangte schließlich per Flugzeug von Bukarest nach München. „Am Dienstag konnten wir dann kostenlos mit der Bahn nach Bad Bergzabern fahren“, erzählt sie. Unterwegs postet sie auf ihrem Facebook-Profil, dass sie und ihre Freundinnen, die auf andere Weise aus Odessa geflohen sind, eine Unterkunft suchen. „Nach fünf Minuten hat Herr Job geantwortet“, erzählt sie vom Glück, so schnell etwas gefunden zu haben. Seit 30 Jahren engagiert sich der 82-jährige Rudi Job aus Bad Bergzabern im Arbeitskreis Ukraine-Pfalz für die Versöhnung der Völker Osteuropas. Unter anderem vermittelt er auch Gaststipendien an der Uni Landau. 2009 hatte auch Julia ein solches Stipendium bekommen.
Jetzt macht sich Julia große Sorgen um ihre Familie. „Mein 54-jähriger Vater kämpft in Odessa, mein Bruder in Charkiw. Er erzählt mir nichts, weil er mich schonen will“, erzählt sie. Sie habe mit ihrer Mutter telefoniert – dabei Sirenenalarm gehört. Und ihre Oma brauche Tabletten, die es nicht mehr gebe.
Weiterhin Online-Vorlesung
Die 17-jährige Sophiia ist mit ihrer 22-jährigen Schwester Mariia, Mutter Natalia, ihrer Tante Sviitlana deren kleinen Sohn Yilisei mit dem Auto nach Deutschland gefahren. Tagelang waren sie unterwegs. Am Dienstag sind sie in der Südpfalz angekommen. „Es ist emotional schlimm, wir haben Angst, es ist sehr schwer“, sagt die 32-jährige Sviitlana. Sie hat die Bombenangriffe auf den Flughafen von Odessa erlebt, in dessen Nähe sie wohnt. Mehrere Male am Tag saß die Familie im Keller, dann sind sie geflohen. Ihr kleiner Sohn versteht noch nicht, was Krieg bedeutet. „Am Anfang war er sehr unruhig, jetzt glaubt er, wir machen hier Urlaub“, sagt seine Mutter.
Ihre Schwester Natalia, die Mutter der 17-jährige Sophiia, kann derzeit sogar in Kapellen-Drusweiler ihren Beruf als Hauptbuchhalterin einer großen Firma in Odessa fortsetzen – online. Auch Medizinstudentin Mariia nimmt online an den Vorlesungen der Universität in Odessa teil. „Wir hatten ein gutes Leben, wir hatten viele Pläne, es ist unvorstellbar. Die Ukraine ist doch unsere Heimat und wir wollen ein freies Land aufbauen“, sagt sie. Sie erzählt vom Strand in Odessa, den sie in fünfzehn Minuten erreichen kann. Er darf nicht mehr betreten werden, weil er voller Minen ist. Julia zeigt Fotos von ihrem Vater in Militärkleidung neben einem Panzer. Ein Bild, dass sie sich vor Kurzem nicht im Traum vorstellen konnte.
Sie fordern Taten
Politisch sind sich die Frauen einig. Sie glauben an ihr Volk und ihre Armee. 12.000 Ukrainer seien aus der ganzen Welt zurückgekehrt, um in der Ukraine zu kämpfen, erzählen sie. Die Frauen glauben daran, dass sie diesen Krieg gewinnen werden. Und wollen, dass Putin stirbt. „Wir als Ukrainer waren noch nie so stolz und so einig“, sagen sie. Aber nur Hilfsgüter könnten ihr Volk nicht retten. „Kitas und Krankenhäuser werden bombardiert, Kinder müssen in U-Bahnschächten zur Welt kommen“, klagen sie die in ihren Augen ausbleibende Hilfe der NATO an.
Es genüge nicht, Putin zu sagen, er sei ein Verbrecher, es brauche Taten, sind sich die Frauen einig. Alle sind mit der Familie, Freunden und Bekannten – aber auch Unbekannten vernetzt. Hunderte von Nachrichten erreichen sie täglich. So auch, dass tote russische Soldaten von den Kameraden da liegen gelassen werden, wo sie sterben. Damit sie nicht in die Heimat geflogen werden müssen und Eltern und Verwandte erfahren, was sich wirklich abspiele, sagen die Frauen. Rudi Job erzählt, die russische Armee habe eigene Krematorien für die Toten in der Ukraine dabei.
Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg
Natalia hat Verwandte in Russland, auch ihren Bruder. „Mein eigener Bruder glaubt, sie befreien uns“, erzählt sie unter Tränen. In den sozialen Netzwerken heiße es, dass dieser Krieg zeige, wer Freund oder Feind sei, selbst in der eigenen Familie. „Es ist sehr schmerzhaft, dass auch ehemalige Freunde auf uns schießen und das noch richtig finden“, ist die traurige Schlussfolgerung von Natalia. Das Haus von Freunden in Kiew sei zerbombt worden – man könne nichts tun und das sei psychisch ganz schlimm für sie. Auch für Rudi Job ist es schlimm, es kommen Erinnerungen hoch. „1945 wurde unser Haus in Kapellen zerbombt, da war ich fünf Jahre alt, wir saßen im Keller, das vergisst man nicht“, erzählt er.
Die Frauen warten auf das Ende des Krieges. „Ich habe keine Sommerkleider mitgenommen, denn ich habe mir gesagt, dann bin ich wieder in Odessa“, macht Julia sich und den anderen Mut. Sie zeigt das Bild eines Denkmals mitten in Odessa, das mit Sandsäcken geschützt ist. Dargestellt ist der Herzog von Richelieu, einst Bürgermeister der Stadt, der Odessa zum Wohlstand verholfen hat. Weil es für die Stadtbewohner ein heiliges und magisches Wahrzeichen ist, das jedem Reichtum und Glück bringen soll, wird es besonders beschützt. Ein Zeichen der Hoffnung, dass das Glück Stadt auch in diesen Zeiten nicht verlässt. Alle wünschen sich, dass jeder, der Menschen in Russland kennt, Kontakt aufnimmt und die Wahrheit über diesen Krieg erzählt. Denn die Bevölkerung in Russland glaube offensichtlich immer noch nicht, dass es ein Krieg ist, sagen sie.