Rhodt RHEINPFALZ Plus Artikel Ex-Fernfahrer aus dem Verkehr gezogen

Manfred Kübler mit seinen von der Polizei beanstandeten Zusatzspiegeln.
Manfred Kübler mit seinen von der Polizei beanstandeten Zusatzspiegeln.

Wer hat’s erfunden? Der Manfred Kübler hat’s erfunden. Sein Abbiegeassistent für Lastwagen ist ihm jetzt zum Verhängnis geworden. Die Polizei in Edenkoben hat seinen Lkw stillgelegt. Der 68-Jährige ist auf einem Parkplatz bei Rhodt gestrandet.

[Korrigiert Freitag, 10 Uhr]

„Ich fahre keinen Millimeter mehr“, versichert der rüstige Fernfahrer und Gastwirt im Ruhestand, dem jetzt Essen und Geld ausgehen. Er könne nur warten, dass die Polizei wieder kommt. Wann das sein wird? Der Mann in der schwarzen Cordhose, dem karierten Flanellhemd und der abgewetzten schwarzen Cordweste streicht sich das weiße Haar aus der Stirn und zuckt mit den Schultern: „Ha na“, sagt er im allerschönsten Schwarzwalddialekt, „das wois i net“.

Was ist passiert? Kübler ist mal wieder auf Pfalztour. Die Gegend kennt er gut, er war früher oft bei Daimler in Wörth. Er will Kontrolltermine bei Ärzten wahrnehmen, und er mag die Hütten, weil seine Familie und er früher auch eine einfache Gastwirtschaft für Wanderer in einer alten Schwarzwaldmühle mit Sägewerk betrieben haben – irgendwo fünf Kilometer hinter Bad Herrenalb, tief drin im Wald.

Sommer- und Winterdomizil

Seit er nicht mehr berufstätig ist, stromert er viel umher und nutzt seine Mercedes-Sattelzugmaschine von 2009 jetzt als Wohnmobil. Wo früher die Auflieger angekuppelt wurden, hat er eine „Wechselbrücke“ montiert, eine Ladefläche mit weißem Planenaufbau und Aluleiterchen zum Einstieg. Drinnen ein selbst gezimmertes Bett, ein Emaille-Waschbecken mit Wasserkanister drüber und Abwasserkanister drunter, ein kleiner Tisch mit Kocher, ein Stuhl. In die Plane hat er ein großes Loch geschnitten und eine dicke klare Folie eingenäht. Sein Ausblick in die Landschaft, sein Fenster in die Welt, das er mit gelben Plastikblumen dekoriert hat. Eine Kiste Sprudel und ein Kasten alkoholfreies Bier, und fertig ist die Sommerresidenz. Jetzt, solange die Nächte noch kühl sind, wohnt er aber im Führerhaus. Da hat er seine Koje, da hat er eine Mikrowelle, und da sitzt eine muntere Schar von Plüschtieren, die ihm Gesellschaft leisten.

Kübler ist ein Sonderling, aber einer der freundlichen Art. Davon künden bereits große Aufschriften auf der Seite des Lasters, auf denen er zum Beispiel darum bittet, keinen Müll in die Natur zu werfen. In aufs Führerhaus geklebten Bildern und kleinen Botschaften erzählt er auch ein Stück seiner Lebensgeschichte. Und damit kommen wir zum Kern der Geschichte. Schon früh begeisterten ihn die extra langen Lastwagengespanne, die man heute Gigaliner nennt. Bis 1953 war es nämlich erlaubt, hinter einem Lastwagen zwei Anhänger anzukuppeln, was Züge von 27 Metern Länge ergab – „und das mit nur 100 PS“, wie er sagt. Einen solchen Lastzug hatte er mit modernem Gerät nachgebildet und unter anderem bei einem Truckertreffen auf dem Nürburgring vorgestellt, aber er bekam keine Ausnahmegenehmigung, damit auch im Alltag zu fahren. Trotzdem war er bis 1976 mit fast 20 Meter langen Sattelschleppern bis Italien und Spanien unterwegs. Danach schränkte er seinen Radius auf Deutschland ein.

Angst um Radfahrer

Jedenfalls hat sich Kübler von jeher Sorgen um seine Mitmenschen gemacht, um andere Verkehrsteilnehmer und insbesondere Radfahrer, weshalb er seine Gespanne immer mit Zusatzbeleuchtung und reflektierenden Folien ausgestattet hatte, lange bevor das alles Vorschrift wurde. Vor etwa 25 Jahren reichte ihm das nicht mehr, nach einem Beinaheunfall in einem Kreisel, der gerade noch mal gut ausgegangen war. Da hat der Tüftler damit begonnen, große, stark gewölbte Zusatzspiegel an seinem Laster anzubringen, und wenig später kamen die ersten Kameras hinzu. Was man heute problemlos zum Nachrüsten im Internet erwerben kann, hat sich Kübler Stück für Stück selbst zusammengebaut, mit Teilen aus dem Elektronikhandel und Tupperdosen, in denen er seine Kameras wasserdicht verbaut hat. Schließlich deckten 13 Stück rings um sein Fahrzeug auch den kleinsten toten Winkel ab. „Ich war ein Vorreiter“, sagt er nicht ohne Stolz. Sogar auf Messen habe er das schon vorgestellt.

Doch sein Sicherheitssystem ist auch ein wenig rustikal, mit selbst gebauten Haltern für die Zusatzspiegel und mit Bündeln von Kabeln zu den Kameras, die er außen an der Karosserie befestigt hat. Die Polizei, die wohl nur durch Zufall auf ihn aufmerksam geworden war, hatte scharfkantige Halter aus Blechen und Winkeln und eben diese Kabel beanstandet, die nur mit Panzertape am Führerhaus festgeklebt seien. Aber nur zusätzlich gegen das Klappern, wie er betont: Die eigentliche Befestigung sind Kabelbinder.

„Ich hab’s vergeigt, ich kleiner Dackel“

Nichts habe abfallen können, sagt Kübler und zeigt die Zehner-Schrauben, mit denen er seine aufwendige Technik montiert hatte. Auch die Kameradosen hätten nicht übergestanden. Nur die Spiegel, das räumt er ein, seien ihm vielleicht ein wenig provisorisch geraten. Aber selbst die habe er zusätzlich mit Ketten gesichert gehabt, damit nichts abfallen konnte. Trotzdem: Inzwischen hat er den Küblerschen Abbiegeassistenten demontiert und wartet auf die Rückkehr der Polizei.

Punkte, sagt Kübler, habe er nicht, und in seinen 49 Jahren im Führerhaus und über acht Millionen zurückgelegten Kilometern habe er auch nie Probleme mit der Polizei gehabt. „Ich hab’s vergeigt, ich kleiner Dackel“, sagt er nun resigniert und hofft, dass ihn die Beamten bald wieder von der Kette lassen, an die sie ihn bei Rhodt gelegt haben. Doch die werden von selbst nicht kommen. Kübler müsse sich melden, wenn alles demontiert ist. Dann komme eine Streife vorbei und entscheide über die Erlaubnis zur Weiterfahrt, sagt die Polizei in Edenkoben. Doch Kübler mag nicht mehr, und außerdem sei sein Handyguthaben aufgebraucht. „Das können die ja dann in der Zeitung lesen“, sagt er und hofft, dass das auch wirklich der Fall sein wird. Denn erstens habe er noch einen Arzttermin, und zweitens jetzt auch richtig Hunger.

In solchen Dosen befanden sich die Kameras.
In solchen Dosen befanden sich die Kameras.
Der Ex-Fernfahrer erklärt seine Sicherheitstechnik mit etlichen Schildern am Lkw.
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