Kreis Südliche Weinstraße RHEINPFALZ Plus Artikel EU-Abgeordneter Elmar Brok in Annweiler: „Terroristen warten nicht an der Grenze“

Elmar Brok ist der dienstälteste Abgeordnete im Europarlament.  foto: dpa
Elmar Brok ist der dienstälteste Abgeordnete im Europarlament. foto: dpa

Herr Brok, Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat Sie gerade als Vordenker Europas gewürdigt. Können Sie Ihre Idee von Europa kurz zusammenfassen?
Meine Idee von Europa ist, dass wir in der Lage sind, uns in dieser Welt als Europäer und Deutsche zu behaupten. Die Mitgliedsstaaten müssen enger kooperieren. Die Europäer geben gerade 230 Milliarden Euro für Militär aus, mit lächerlichem Ergebnis. Ein Beispiel: Die Amerikaner haben 30 Waffenplattformen, die Europäer 180. Geldverschwendung und Mangel an Synergien. Wir brauchen auch bei der Migration eine engere Zusammenarbeit, das gilt auch für die Afrikapolitik. Vom Klimawandel ganz zu schweigen. Das zeigt, dass es kaum noch Herausforderungen gibt, die der Nationalstaat alleine bewältigen kann.

Am Mittwoch diskutieren Sie in Annweiler über den Zusammenhalt der Generationen in Europa. Zusammenhalt ist seit geraumer Zeit etwas schwierig geworden in Europa, nicht zuletzt wegen der Euro- und Flüchtlingskrise sowie des Brexit. Gibt es einen Ausweg aus dieser Entwicklung?
Wir müssen der Bevölkerung bewusst machen, dass derjenige, der aussteigen will, seiner eigenen Nation schadet. In Deutschland meinen auch manche, besonders diejenigen, die AfD wählen, die Nationalstaaten müssten nur wieder die Grenzen hochziehen. Doch das wäre für uns eine wirtschaftliche Katastrophe, weil Deutsche 40 Prozent unserer Wertschöpfung über den Export machen.

Die Südpfalz ist eine Grenzregion, das Elsass ist nebenan. Viele Franzosen arbeiten in Deutschland, viele Deutsche leben in Frankreich. Hätten Sie sich träumen lassen, dass in Europa Grenzkontrollen wieder zur Tagesordnung gehören könnten?
Nein, eigentlich nicht. Aber Fakt ist doch: Ob Grenzkontrollen oder nicht – Terroristen oder Drogendealer stellen sich nicht mit ihrem Pass bei der Grenzkontrolle an. Das ist nur Scheinsicherheit. Die EU kämpft aber weiterhin für offene Grenzen. Es ist eben die Frage, ob in den Nationalstaaten dem Populismus entgegentreten wird.

Es heißt, Sie hätten mit Helmut Kohl ein enges Verhältnis gepflegt. Er soll Sie vor wichtigen europapolitischen Entscheidungen häufig kontaktiert haben. Was hat Sie an dem Kanzler aus der Pfalz fasziniert?
Für mich ist er in meinem politischen Leben die größte Persönlichkeit, der ich je begegnet bin. Wegen seiner Entschlusskraft in wichtigen Fragen der EU, seines langfristigen Denkens, das getragen war von großer Kenntnis. Er hat auch Risiken in Kauf genommen, war ein Gestalter, kein Krisenmanager. Das macht ihn einzigartig. Ich erinnere mich an ein Gespräch zur Vorbereitung des Vertrages von Amsterdam, als er sagte, Europa kann nur zusammenhalten, wenn man die kleinen Länder ernst nimmt. Und er hat recht.

Sie sind seit fast 40 Jahren Mitglied des Europaparlaments und damit der dienstälteste Abgeordnete. Sie werden nicht erneut kandidieren. Fällt Ihnen der Abschied schwer?
Ja, aber vieles ist auch Gewohnheit. Ich werde 73 Jahre alt, es muss ja auch noch ein Leben vor dem Tod geben. Natürlich werde ich den täglichen Kontakt vermissen, auch das Mitten-im-Gefecht-Stehen. Das muss ich dann lernen, aber ich werde auf andere Weise weiter für ein geeintes Europa arbeiten.

Sie gelten als Europa-Erklärer und Klar-Sprecher, sind regelmäßig zu Gast in Talkshows. Haben viele Menschen Misstrauen gegenüber der EU, weil deren Arbeit nicht anschaulich genug beschrieben wird?
Brüssel erklärt schon, aber auch die Nationalstaaten müssen Europa erklären. Da habe ich oft den Eindruck, dass nach der Prämisse gehandelt wird: Wenn es regnet, ist Brüssel schuld, wenn die Sonne scheint, dann Paris oder Berlin. Es muss einfach deutlicher werden, dass die Nationalstaaten bei den Entscheidungen der EU dabei sind. Aber manchmal erwecken die den Eindruck, als seien sie nicht dabei gewesen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten für Europa: Welcher wäre das?
Dass alle politischen Handelnden öffentlich klar ausdrücken, dass Europa und auch wir Deutschen keine Zukunft haben, wenn wir nicht im vereinten Europa in dieser globalisierten Welt unsere Rechte, Interessen und auch unsere Identität wahrnehmen.

Termin

Christine Schneider (Edenkoben), CDU-Kandidatin für die Europawahl im Mai, lädt für Mittwoch, 17. April, 19 Uhr, zu einer Veranstaltung mit dem Thema „Europas Generationen: Zusammenhalt für eine sichere Zukunft!“ in den Hohenstaufensaal in Annweiler ein. Zu Gast sein wird Elmar Brok, Mitglied des Europaparlaments. Anschließend ist eine Podiumsdiskussion geplant – zu kommunal- und europapolitischen Themen.

x